Chris Adrian: Die große Nacht

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ein Roman auf der Grundlage von Shakespeares „Sommernachtstraum“? Ein großer amerikanischer Roman? – Alles klar, dachte ich, als ich mir dieses Leseexemplar aussuchen durfte. Her damit.

Zum Inhalt: Es ist die Nacht der Nächte, obwohl sie die kürzeste des Jahres ist – Mittsommernacht. Eine Nacht, in der Magisches geschehen kann, in der Großes vollbracht und auch zerstört werden kann. Eine Nacht, die alles verändern wird.
Oberon und Titania liegen – wie so oft – miteinander im Streit, doch dieses Mal scheint es, als könne nichts das göttliche Paar wieder versöhnen, zu tief haben die beiden sich gegenseitig verletzt. Und alles nur wegen eines Kindes, denn das hatte Oberon seiner Titania nach einem Streit zur Versöhnung mitgebracht, und obwohl beide eigentlich nicht so recht gewusst hatten, was sie mit dem Baby anfangen sollten, liebten sie es es bald unendlich – und mussten dann erfahren, dass ihr Menschenkind Leukämie hatte und nicht würde geheilt werden können – ein Verlust, mit dem das Paar nicht zurechtkommt, und der nun dazu führt, dass die beiden sich völlig voneinander entfernen und nur einer davon einen Vorteil hat – nämlich Puck, dessen Ketten nun gesprengt werden und der in dieser Nacht tun und lassen kann, was er will…
Die Menschen, die in dieser Nacht in einem dunklen Park in San Francisco unterwegs sind, haben alle etwas vor, von dem sie sich Einiges versprechen. Molly hat nach dem Selbstmord ihres Freundes Ryan zum ersten Mal wieder ein Date, und dann gleich mit Jordan Sasscock, einem sehr beliebten Junggesellen, der an dem Abend eine große Party schmeißt. Zu dieser sind auch Will und Henry unterwegs – Henry, weil er sich selbst beweisen will, dass er es schafft, Kontakt zu Menschen zu haben, und Will, weil er hofft, seine Exfreundin dort wiederzusehen. Bei dieser Party werden sie nie ankommen… der einzige, der in dieser Nacht sein Ziel in diesem Park erreichen wird und der dennoch ganz und gar ein Mensch ist, ist Huff, der mit seiner Theatergruppe gekommen ist, um ein sozialkritisches Musical einzuüben, das den Bürgermeister der Stadt unter Druck setzen soll, von dem Huff überzeugt ist, dass er bei der Obdachlosenspeisung Obdachlose verspeisen lässt…

Wie mir das Buch gefallen hat: Als ich die letzte Seite gelesen hatte, habe ich das Cover angeschaut, und mich gefragt, ob mir dieses Buch gefallen hat oder ob nicht, und ich bin immer noch zu keinem abschließenden Urteil gekommen. Einige Ideen und Umsetzunge Adrians fand ich sehr gut gelungen: die Nutzung von Shakespeares „Sommernachtstraum“, aus der der Autor etwas ganz Eigenes erschafft, etwas, das nicht einfach eine moderne Fassung des Ganzen ist, sondern etwas, das zwar nicht zu leugnende, gewünschte Parallelen zu dem Drama hat, aber nicht alles übernimmt und einfach modernisiert.
Es hat mir auch gefallen, wie sich nach und nach entschlüsselt hat, inwiefern die verschiedenen Figuren, die in dem Roman auftreten, zusammengehören. Die Verbindungen und Parallelen hat der Autor gut genutzt und das fand ich auch sehr unterhaltsam zu lesen. Es ist ihm auch gelungen, diese neurotischen Menschen irgendwie glaubwürdig darzustellen und zum Teil taten mir die vier auch einfach leid. Auch die Geschichte um das todkranke Baby Titanias und Oberons war meiner Meinung nach gut erzählt und ich wollte unbedingt wissen, wie alles ausgehen und von dort vor allem weitergehen würde.
Man muss schon sehr aufmerksam lesen, denn es gibt nicht nur Zeitsprünge, sondern vor allem auch Sprünge zwischen Erlebnissen, die real erscheinen und solchen, in denen Elfen und andere Fabelwesen auftreten und absurde Dinge tun. Mollys Gedanken, sie sei in einem irren Traum gefangen, konnte ich da sehr gut nachvollziehen, Vieles in dem Roman wirkte auf mich ebenso – auch deswegen, weil viele der Verhaltensweisen der Fabelwesen ziemlich merkwürdig und zum Teil auch durchaus nicht ohne ein gewisses Ekelgefühl zu lesen waren und der Autor sie einem einfach so vorsetzt, ohne für seine Leser auszuholen, was dieses oder jenes zu bedeuten hat. An diesen Stellen hatte die Geschichte auch durchaus etwas von „Alice im Wunderland“ – man muss sich darauf einlassen, nicht alles ist für uns logisch, wie es geschieht.
Dennoch hat mich das etwas beim Lesen gestört, letzten Endes bleibt aber auch das Gefühl, die Charaktere auf den 445 Seiten des Romans zwar recht gut kennengelernt zu haben mit all ihren Neurosen und Ängsten und ihrer Vergangenheitsbewältigung, aber nahe gekommen bin ich keinem von ihnen, da gerade diese abstrusen Szenen dazu führen, dass immer eine Distanz bleibt. Sicherlich ist das auch so gewollt, aber es lässt mich trotzdem etwas ratlos zurück.
Ein ungewöhnlicher Roman, zweifelsfrei, ein Buch, auf das man sich einlassen muss, aber bei dem ich am Ende mit dem Gefühl bleibe, dass irgendwas fehlt…

Deborah Zachariasse: Flüsterherz

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Eigentlich war ich in Münchens Hugendubel am Marienplatz schon fast auf dem Weg nach draußen. Nur mal kurz gucken. Und dann hatte ich „Flüsterherz“ plötzlich in der Hand. Das Cover ist wunderschön und beim Reinlesen dachte ich, das wäre vielleicht was. Also musste ich es einfach kaufen.

Zum Inhalt: Als Tibby neu in Annas Klasse kommt, erinnern die beiden Mädchen sich aneinander, weil sie schon zusammen in den Kindergarten gegangen sind. Und Tibby, die irgendwie so anders ist als die anderen Mädchen in Annas Umfeld, fasziniert die eigentlich so brave Schülerin. Tibby zieht sich nicht so an wie andere Mädchen, sie gibt nichts auf ihr Outfit. Tibby strengt sich in der Schule nicht so an wie die Anderen, und schwänzt, wenn ihr das Wetter zu schön dafür ist, im Klassenraum zu sitzen. Bei Anna zu Hause ist es immer penibel sauber, es gibt für alles Regeln und alleFamilienmitglieder gehen dann letztlich doch ihrer Wege. Tibbys Zuhause ist chaotisch, aber Anna fühlt sich in dem kleinen und heruntergekommenen Haus am Bahndamm immer wohl. Hier verleben Tibby und sie glückliche Tage.
Doch Tibby geht es nach den Sommerferien immer schlechter. Warum hat sie keine Schulbücher? Warum rastet sie wegen Kleinigkeiten so aus? Warum ist jedes Wort von Anna, das Tibby nicht passt, Grund, nicht mehr mit Anna befreundet sein zu wollen? Tibby ist launisch und ungerecht, aber trotzdem kann Anna ihre Freundin nicht loslassen. Sie spürt, dass Tibby wirklich Hilfe braucht und einen Menschen, der für sie da ist und sich für sie interessiert – im Gegensatz zu Tibbys Eltern, die nur mit sich selbst beschäftigt sind. Aber Anna ist nur ein Teenager und sie kann die drohende Katastrophe nicht abwenden.

Wie mir das Buch gefallen hat: „Flüsterherz“ ist eines meiner Lesehighlights in diesem Jahr. Es ist ein Buch, das mich total berührt hat. Die Geschichte wird von Anna erzählt und Anna erzählt zum Einen von ihrer Freundschaft mit Tibby, auch davon, wie wütend sie manchmal auf Tibby war und wie hilflos, weil sie Tibby nicht immer verstanden hat und weil Tibby sich nicht so helfen lassen wollte oder konnte, wie Anna es sich gewünscht hätte. Anna ist kein totaler Gutmensch, auch sie macht Fehler, gerade dadurch hat die Autorin mit ihr eine wahnsinnig liebenswerte Ich-Erzählerin geschaffen. Unterbrochen wird Annas Erzählung von der Zeit mit Tibby, die Anna in ihr „Flüsterbuch“ schreibt, von Annas Gedanken während des Schreibens. Von Anfang an ist durch diese Abschnitte klar, dass Tibby fort ist, dass Anna sich schwere Vorwürfe macht und dass sie das Gefühl hat, versagt zu haben, dass sie mehr hätte tun müssen für ihre Freundin. Was mit Tibby geschehen ist, kann man sich schnell denken (vielleicht aber nur als erwachsener Leser), und die Geschichte ließ mich spätestens ab dem Zeitpunkt nicht mehr los.
Für „Flüsterherz“ braucht man Taschentücher, weil es ein Buch ist, das einerseits auf seine Art wirklich sehr schön ist, gleichzeitig aber auch eine wirklich schreckliche Geschichte erzählt. Wie das zusammenpasst, erschließt sich wohl am besten durch das Lesen dieses Romans.
Ein schöner Gedanke der Autorin oder des Verlags: Ganz hinten im Buch sind Websites und Telefonnummern abgedruckt, an die Kinder und Jugendliche sich wenden können, wenn sie Hilfe oder Rat brauchen und niemanden haben, mit dem sie sprechen können.
Man kann nur eines zu diesem Buch sagen, denke ich: Unbedingt lesen!