Alison Hewitt: Stalked

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ein Flughafen außerhalb Londons. Eine Frau mit genug britischem Bargeld, um noch etwas einzukaufen. Eine halbe Stunde bis zum Boarding. Eine Buchhandlung. Ein Buch mit aufmerksamkeitserregendem Cover. Ein interessanter Klappentext. Ende der Geschichte. Zum … Weiterlesen

Pierre Lemaitre: Alex

012Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Waterstones am Trafalgar Square in London. Die magischen Worte – der magische Buchladen. Zwei Bücher zum Preis von einem. Da muss man sich „nur noch“ entscheiden…

Zum Inhalt: Sie liebt es, Perücken zu tragen und eine Andere zu sein. Sie ist viel allein unterwegs, pflegt eigentlich keine sozialen Kontakte. Alex lebt für sich allein, zurückgezogen. Und trotzdem ist da plötzlich dieser Mann, der sie beobachtet, zu verfolgen scheint. Noch während Alex versucht, sich darüber klarzuwerden, ob sie in Gefahr ist, ist der Mann plötzlich da und entführt sie. Nahezu bewusstlos ist die junge Frau, als sie in einem verlassenen Gebäude, das sie an eine Lagerhalle erinnert, zu sich kommt. Der Entführer behandelt sie brutal, sperrt sie in einen Käfig ein, in dem sie sich kaum bewegen kann. Hier muss Alex ausharren, dem Fremden völlig ausgeliefert. Wer ist der Mann? Und warum hat er gerade sie entführt? Alex weiß nur eines, denn das hat der Entführer ihr gesagt: er will sie sterben sehen.
Kaum ist Alex entführt worden, da weiß auch schon die Polizei davon und die Ermittlungen beginnen. An vorderster Front kämpft Camille Verhoeven, ein Polizeibeamter, der sich einen Namen gemacht hat, weil er einen siebten Sinn zu haben scheint, was Ermittlungen betrifft. Bekannt ist er auch aufgrund seiner geringen Körpergröße, die ihm immer wieder zu schaffen macht. Doch diese kompensiert er dadurch, dass er bei einem Fall nie lockerlässt, was ihn für seinen Chef unersetzlich macht. Eigentlich sind Entführungsfälle für Verhoeven tabu, denn vor einigen Jahren ist seine Frau entführt und ermordet worden. Ein solcher Fall reißt alte Wunden auf, aber für Camille Verhoeven steht fest, dass er Alex finden muss. Er ahnt nicht, auf was für eine Geschichte er sich jetzt eingelassen hat…

Wie mir das Buch gefallen hat: In Großbritannien hat dieses ursprünglich auf französisch erschienene Thrillerdebut Wahnsinnskritiken bekommen. Ein Plot voller Wendungen, bei dem bis kurz vor Schluss überhaupt nicht klar ist, wie alle Ereignisse dieses Thrillers zusammenhängen. Wenn so etwas auf einem Buch draufsteht, glaube ich das immer noch lange nicht; als versierte Krimileserin kriegt man immer noch alles Mögliche raus. Bei „Alex“ (auf Deutsch übrigens: „Ich will dich sterben sehen“) ist das nicht so. Immer wieder war ich erstaunt darüber, wie die Geschichte sich entwickelte.
Zum Teil ist dieser Thriller nichts für schwache Nerven. Es gab die ein oder andere Szene, in der ich mir am liebsten die Augen zugehalten hätte, um nicht hinsehen zu müssen, was mein Kopfkino aus Lemaitres Worten herausholt. Ich bin für Ekelszenen und Horror nicht unbedingt zu haben, aber hier hat es dann trotzdem irgendwie gepasst. Sehr gruselig, sehr grausig – und man konnte das Buch dann erst recht nicht aus der Hand legen.
Verhoeven war mir anfangs nicht unbedingt sympathisch. Der zwergenhafte Ermittler war mir zunächst zu spleenig, aber mit der Zeit haben mir er und sein Team immer besser gefallen. Besonders spannend ist aber, dass im ersten Teil des Buches abwechselnd von den Ermittlungen und von Alex‘ Situation berichtet wird. Ich wollte unbedingt wissen, was aus Alex wird und fand die Spannung manchmal kaum auszuhalten.
Es ist ganz schwierig, etwas zu dem Thriller zu sagen, ohne zu viel zu verraten. Wenn man die Auflösung kennt, fallen plötzlich auch ganz viele Details vom Anfang anders ins Bild. Das hat mir sehr gut gefallen – Lemaitre weiß, was er tut.
Mich hat dieser Thriller sehr gut unterhalten. Wer mit etwas ungewöhnlichen Ermittlern etwas anfangen kann und bei Thrillern gern auch mal zu welchen mit einem ungewöhnlichen Plot greift, ist mit „Alex“ sicher gut beraten.

Sebastian Fitzek: Noah

005Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Der neue Fitzek – hach ja! Zum Glück erschien er so kurz vor Weihnachten, und zum Glück hatte ich einen Gutschein von amazon…

Zum Inhalt: Er hat keine Ahnung, wer er ist. Er weiß nicht, woher er kommt. Wie er nach Berlin gekommen ist. Warum er eine Schusswunde in der Schulter hat. Alles, was er weiß, ist, dass Oscar, ein hilfsbereiter Obdachloser, ihn gefunden und gesund gepflegt hat. Oscar zeigt ihm, wie man im Winter auf den Straßen Berlins überlebt. Dabei ist die Kälte nur der offensichtlichste Feind – Oscar wittert überall Verschwörungen und sieht überall potenzielle Verfolger. Warum er, der jedem misstraut, sich dann ausgerechnet um einen Mann kümmert, der so offensichtlich wirklich umgebracht werden sollte, versteht Noah nicht. Noah, der nicht weiß, ob das wirklich sein Name ist. Der diesen Namen nur angenommen hat, weil auf seiner Hand dieses Wort eintätowiert ist. Warum auch immer.
Wenn er sich doch nur erinnern könnte! Noah ist verzweifelt, weil er nichts mehr von seiner Vergangenheit weiß. Und er kann sich darum auch nicht wirklich kümmern, denn er muss irgendwie versuchen, den Winter zu überleben – und gerade im Moment ist es für Obdachlose besonders schwer, denn eine Epidemie verbreitet sich auf der ganzen Welt, und der sogenannte Manila-Virus ist tödlich. Die Ansteckungsgefahr ist unvorstellbar groß und in den USA ist bereits der Flughafen JFK unter Quarantäne gestellt worden, nachdem dort Träger des Virus ausgemacht werden konnten.
Dass das alles tatsächlich irgendetwas mit Noah zu tun haben könnte, ahnt dieser nicht im geringsten; auch dann nicht, als ein Bild, das er zufällig in der Zeitung sieht, plötzlich seine Erinnerung triggert und dafür sorgt, dass er Oscars und sein gesamtes Geld in einen Anruf in die USA investiert. Kurz nachdem er das getan hat, ist nichts mehr, wie es war. Plötzlich sind jede Menge sehr gefährlicher Menschen hinter Noah her und ohne dass er wüsste, warum, muss er plötzlich fliehen. Auf dieser Flucht aber entschlüsselt er langsam aber sicher ein grausames Geheimnis, das jeden einzelnen Menschen auf der Erde betrifft, auch wenn bis auf eine Hand voll Leute niemand davon auch nur etwas ahnt.

Wie mir das Buch gefallen hat: Ich habe hohe Erwartungen, wenn ich einen Thriller von Fitzek in die Hände bekomme. Ich erwarte Nervenkitzel, Spannung, die mich atemlos weiterlesen lässt, wenn ich längst schlafen sollte, einen Plot, der sich lange Zeit nicht entschlüsseln lässt, und eine Auflösung, die mich zufrieden und doch etwas ratlos zurücklässt.
Das alles hat „Noah“, und trotzdem ist dieser Thriller ganz anders als jeder andere, den Fitzek bisher geschrieben hat. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet und erst recht nicht hätte ich gedacht, dass mich eine völlig andere Art Thriller von ihm so fesseln könnte. „Noah“ ist ein großartiges Buch und tatsächlich sehr viel mehr als ein Thriller.
Schnell wird klar, dass hinter dem Manila-Virus eine Verschwörung steckt, die dafür sorgen soll, dass die Bevölkerung der Erde sich halbiert (!). Ähnlich wie die Pest im Mittelalter soll das Virus dafür sorgen, dass Millionen Menschen sterben und die Situation der Erde wieder ins Gleichgewicht gerückt wird: zu viele Menschen auf der Welt verbrauchen zu viele Rohstoffe, schon jetzt hungern und leiden Millionen von Menschen und in vielen Ländern leben die Menschen unter schwersten Bedingungen, während Europa, China und die USA Rohstoffe verbrauchen wie nichts Gutes. Ein sehr schwieriges Thema, dem sich Fitzek hier angenommen hat, weil er Fragen aufwirft, auf die es keine Antworten gibt, und die uns doch alle etwas angehen. Ich bin beeindruckt davon, wie er das Thema hier aufgegriffen und verarbeitet hat, ohne dass man als Leser das Gefühl hat, ein Autor, der alles besser wisse als man selbst, erkläre einem erstmal das Leben. Das ist nicht Fitzeks Absicht und so kommt das auch nicht an. Doch neben einer Thrillerhandlung, die so voller Wendungen und so temporeich und rätselhaft ist, wie wir es von Fitzek erwarten, bekommen wir hier eben noch sehr viel mehr. Dies ist kein Thriller wie alle anderen, kein Buch, das man hinterher ins Regal stellt, und von dem man dann denkt: „Alles klar, nun das nächste.“Fitzek zeigt hier wirklich, was er drauf hat – mit „Noah“ hat er ein ganz neues Level der Thrillerliteratur erreicht. Ich bin unheimlich gespannt darauf, was wir als nächstes von ihm zu erwarten haben.

Andreas Winkelmann: Deathbook

noch00Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch musste einfach bei mir einziehen, da ich Andreas Winkelmanns Thrillern verfallen bin. Auch wenn klar war, dass das wieder eine schlaflose Nacht bedeuten würde – ein kürzlich geschenkter Buchgutschein kam jetzt genau richtig.

Zum Inhalt: Als Andreas Winkelmann die Nachricht bekommt, kann er es kaum glauben: Seine Nichte Kathi soll Selbstmord begangen haben. Ausgerechnet Kathi, die lebenslustige Sechzehnjährige, mit der Winkelmann sich so gut verstand? Zusammen haben sie immer viel unternommen, Kathi hat ihm alles Mögliche anvertraut, die beiden standen sich sehr nahe. Selbstmord? Kathi? Diese beiden Wörter kann  Andreas einfach nicht in einen Zusammenhang bringen und so tut er das, was die Polizei schon aufgibt, noch bevor sie richtig angefangen hat: er ermittelt.
Was er dabei findet, ist für Andreas mehr als erschreckend. Seine Nichte Kathi hat sich offenbar sehr viel mit dem Thema Tod beschäftigt und scheint dabei vor allem bei ihren Internetrecherchen zu weit gegangen zu sein und sich in der vermeintlichen Anonymität des Internets zu sicher gefühlt zu haben. 
Anfangs ahnt Andreas nicht mal, dass da draußen, und doch gar nicht so weit von ihm entfernt, ein gefährlicher Killer sitzt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Videos davon zu drehen, wie Menschen sterben. Doch jeder, der ein solches Video einmal gesehen hat, wird zum Mitglied im sogenannten „Deathbook“ und muss nun seinen eigenen Beitrag an der vermeintlichen Faszination des Sterbens leisten. Ein Entkommen gibt es nicht, denn der „Tod 3.0“ lauert überall – er findet jeden, kennt das Verhalten und die Ängste jedes Menschen, der sein Interesse geweckt hat. Ihn möchte man nicht zum Feind haben – doch genau dazu wird Andreas bei seinen Recherchen um Kathis Tod. Der Schriftsteller gerät in Lebensgefahr und stellt fest, dass das, was ihn beim Schreiben fasziniert, zutiefst verängstigt und erschüttert, wenn er ihm wirklich begegnet. 

Wie mir das Buch gefallen hat: Ich warne dringend vor Schlafentzug aufgrund dieses Buches. Einmal angefangen, ist es nahezu unmöglich, „Deathbook“ aus der Hand zu legen, bis man es zugeklappt hat (und ich würde mal sagen, nach der Lektüre schläft man auch nicht gerade besser…). Dieses Buch ist definitiv einer der besten und grandiosesten Thriller, die ich in diesem Jahr gelesen habe – vielleicht sogar der allerbeste. „Deathbook“ hat alles, was ein großartiger Thriller haben muss: einen spannenden Aufhänger, unheimliche und sehr gruslige Momente, ein Spiel mit unseren größten Ängsten und einen temporeichen Plot. 
Dass Winkelmann sich hier selbst zum Ich-Erzähler macht, hat mich gerade am Anfang sehr verstört. Die Grenze zwischen Fiktion und Wahrheit wird dadurch stellenweise aufgeweicht und sorgt für Gänsehaut. Anfangs war ich sogar versucht zu googlen, ob Winkelmann eine Nichte namens Kathi hat, aber sobald man mit etwas wachem Verstand zwischen den Seiten auftaucht, weiß man, dass der Autor so etwas Geschmackloses nun wirklich nicht machen würde – und ehrlich gesagt, der Thriller hat mir auch das Googlen von Fakten etwas ausgetrieben… Man kann aber festhalten, dass Winkelmann genau damit spielt, dass er häufig genau er selbst zu sein scheint, wenn er sich als Ich-Erzähler beschreibt, dass es dann aber wieder Szenen gibt, in denen klar wird, dass diese Figur eben nur genau das ist – eine Figur. Oder doch nicht?
Die anderen Handlungsstränge dieses Thrillers sorgen ebenfalls für atemberaubende Momente – hier haben wir es mit Menschen zu tun, die in die Fänge des Deathbook geraten und plötzlich Teil von etwas sind, das sie nicht mehr kontrollieren können und das sie das Leben kosten wird.
„Deathbook“ spielt mit Ängsten, die viele von uns haben, vielleicht jeder. Wenn Menschen ohne ihr Wissen gefilmt werden und man ihnen diese Videos kurz danach zuspielt, ist das für mich ein absolut gruseliger Moment. Man merkt erst, wie viele Geräusche es in einem vermeintlich stillen Haus so gibt, wenn man dieses Buch liest. 
„Deathbook“ ist meine  absolute Leseempfehlung für Thrillerfans, und ich gebe gern zu, dass dieses Buch mir solche Angst gemacht hat, dass ich es nicht weglegen konnte (nicht, dass das Ende mir meine Gänsehaut genommen hätte…), und dass ich mich auch nicht getraut habe, den QR-Code auf dem Umschlag einzuscannen. Lest das Buch und ihr werdet wissen, warum…

Christian Buder: Die Eistoten

noch02Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich bei der Verlosung im Büchertreff gewonnen. Der Autor, Christian Buder, hat unsere Leserunde dort begleitet und einige interessante Zusatzinformationen gegeben, die einen Blick in die Runde wert sein können!

Zum Inhalt: Ein kleiner, fast verschlafener Ort, der noch dazu kurz vor Weihnachten schneebedeckt ist. Weniger als tausend Menschen leben im kleinen Hintereck, und trotzdem macht das Verbrechen vor diesem Ort nicht Halt. Das zumindest vermutet die elfjährige Alice, die ihre Mutter vor vier Jahren durch einen tödlichen Unfall verloren hat. Nur glaubt Alice eben nicht daran, dass der Tod ihrer Mutter ein Unfall war. Sie ist sich vollkommen sicher, dass jemand ihre Mutter umgebracht haben muss. Und sie will den Mörder finden. Unbedingt.
Doch wenn man elf Jahre alt ist und noch dazu ein ungewöhnliches Kind, dann hat man es in einem Dorf wie Hintereck nicht gerade leicht. Alice ist außergewöhnlich intelligent und interessiert sich kein bisschen für Dinge, die für Gleichaltrige irgendwie interessant sind. Sie liest vor allem Fachliteratur, und der Serienmörder Ted Bundy hat es ihr in dem Bereich besonders angetan. Außerdem, und das findet vor allem ihr sehr bodenständiger Vater sehr beunruhigend, unterhält Alice sich von Zeit zu Zeit gern mit dem Philosophen Wittgenstein, und sie kann sich selbst nicht erklären, warum ihr dieser erscheint, für sie sind die Tipps und Ratschläge dieses Toten aber trotzdem hilfreich.
Als Alice eines Tages das Grab ihrer Mutter besucht, stoßen sie und ihr bester Freund Tom kurz darauf zufällig auf die Leiche eines Mädchens. Die Tote ist scheinbar erfroren und verharrt in einer sehr unnatürlichen Position – niemals kann sie so erfroren sein, sie wirkt wie von einem Anderen drapiert! Alice ist sich sicher, dass sie einem Mörder auf der Spur ist.
Der Verdacht verstärkt sich, als die Leiche kurze Zeit später an einem anderen Ort wieder auftaucht, eine Zahl an die Kirchentür geschmiert wird und Alice bei ihren Recherchen über die „Eistote“ feststellen muss, dass das Mädchen mit seinem Schicksal nicht alleine ist. Aber wie soll eine Elfjährige die Erwachsenen von etwas überzeugen, das diese nicht sehen wollen?

Wie mir das Buch gefallen hat: „Die Eistoten“ ist ein ungewöhnlicher Thriller. Das fängt bei seiner Protagonistin an, die mich an Flavia de Luce erinnert hat. Alice ist absolut anders als andere Kinder ihren Alters, und gerade das macht sie sehr interessant. Eine Thrillerhandlung durch die Augen dieses Mädchens mitzuerleben, ist auf jeden Fall eine Erfahrung, vor allem in Kombination mit den Menschen rund um Alice, die meistens überhaupt kein Verständnis dafür haben, dass sie so anders ist. Sie hat mir schon mal sehr gut gefallen.
Die Handlung ist gut konstruiert und immer wieder sieht man sich neuen Fragen gegenüber. Daran, dass Alice mit einem toten Philosophen spricht, muss man sich zugegebenermaßen erstmal gewöhnen, aber es gibt der Handlung auf jeden Fall noch mal einen interessanten Einschlag.
Hintereck, der winzige Ort, in dem de Thriller spielt, hat mir als Schauplatz auch sehr gut gefallen. Die Atmosphäre, die dort herrscht, wird von Buder sehr anschaulich dargestellt und ich habe mich ganz schnell eingesperrt in Hintereck wiedergefunden, unter Schnee und Eis. Gerade die Jahreszeit und die Wetterlage werden hier gut genutzt, um die bedrohliche Atmosphäre gut darzustellen.
Die Auflösung finde ich – innerhalb der Thrillerhandlung – glaubwürdig, auch wenn ich nicht so ganz zufrieden bin. Ich bin zwar nicht für diese Thriller, in denen der Bösewicht am Ende dreißig Seiten lang seine Motive darlegt, aber an der Stelle war mir das Ganze hier dann doch etwas dünn. Ich denke, dass man gerade bei den „Eistoten“ noch mehr aus der Hintergrundgeschichte des Mörders hätte herausholen können.
Es wird einen weiteren Thriller mit Alice geben, den ich auch wieder lesen möchte, da Christian Buder mit ihr eine Ermittlerin geschaffen hat, die sich nicht nur aufgrund ihres Alters von anderen Ermittlern in Thriller-Reihen abhebt und bei der ich gespannt bin, wie sie sich weiterentwickeln wird.

Ich lese… The Old Curiosity Shop

nellIm Studium habe ich einige Romane von Charles Dickens gelesen – und gern gelesen – aber eben nicht alle; einige stehen noch ungelesen in meinem Regal. Für diesen Monat ist nun „The Old Curiosity Shop“ mein Vorhaben, und da der Roman ein paar Seiten mehr hat, lohnt es sich, ihn hier mal ausführlicher zu betrachten.

Ich habe im Moment die ersten sieben Kapitel gelesen, was bedeutet, dass ich ganz gut in das viktorianische London eingetaucht bin und die Charaktere, die mich in den nächsten Tagen begleiten werden, schon recht gut kennenlernen durfte.
Erstaunt hat mich der Romananfang, da hier ein Ich-Erzähler auftritt, was für einen Roman aus dieser Epoche sehr ungewöhnlich ist. Heutzutage hat man ja oft das Gefühl, dass man überall über einen Ich-Erzähler stolpert, aber bei Herrn Dickens war mir außer in „Great Expectations“ noch keiner untergekommen (und da ist dieser Teil des Geschehens, nicht Beobachter wie hier). Da der Ich-Erzähler derjenige ist, der das Geschehen quasi nur einleitet und uns mit den wichtigsten Figuren bekanntmacht, bevor er sich dann auch aus der Geschichte verabschiedet, macht es ganz den Eindruck, als habe der Autor selbst sich hier in den Romananfang geschrieben, was auch zum Charakter des älteren Herrn passen würde, der die kleine Nell eines Tages in den Straßen von London trifft und ihr hilft, den Weg nach Hause zu ihrem Großvater zu finden. Dieser ältere Herr ist sehr auf das Wohl des Kindes bedacht und macht sich Sorgen, dass das Leben des kleinen Mädchens (übrigens ist die „kleine Nell“ vierzehn! Ich dachte am Anfang, sie könnte nicht älter sein als acht…) nicht kindgerecht verlaufe. So zeigt er ihr den Weg nach Hause, und spricht mit ihrem Großvater darüber, was ihn umtreibt, wenn er an das Leben vieler Kinder denkt.

It always grieves me“, I observed, roused by what I took to be his selfishness, „it always grieves me to contemplate the initiation of children into the ways of life, when they are scarcely more than infants. It checks their confidence and simplicity – two of the best qualities Heaven gives them – and demands that they share our sorrows before they are capable of entering into our enjoyments.“

Der nette ältere Herr bemerkt zwar, dass es Nell bei ihrem Großvater gut hat, da der alte Mann sie wirklich liebt, aber trotzdem merkt er eben auch, dass hier nicht alles so ist, wie es für ein Kind sein sollte. Nell ist nachts zum Beispiel allein zu Hause, weil ihr Großvater sich zu ungenannten Zielen aufmacht, und auch innerhalb der Familie gibt es Probleme, da Nells Bruder und der Großvater zerstritten sind. Dies führt dazu, dass der junge Mann einen Erbteil fordert, den der Großvater ihm nicht geben will, während er aber immer wieder betont, dass Nell eines Tages ein sehr gutes Leben haben solle. Nell, wie viele Kinder in den Romanen von Dickens eigentlich viel zu gut für diese Welt, steht zwischen den beiden Männern und weiß nicht, zu wem sie halten soll. Sie liebt sowohl ihren Bruder als auch ihren Großvater – und es deutet sich schon jetzt an, dass ihr Bruder nicht unbedingt der beste Umgang für sie ist.
Nachdem dieser nämlich mit seinem Besuch beim Großvater, der dazu führen sollte, dass dieser ihm Geld gibt, gescheitert ist, fasst er einen Plan, um anderweitig an das Geld zu kommen. Sein Freund Richard Swiveller – eine für Dickens so typische Figur, da er ein Mann ist, der wenig intelligent ist, aber sehr von sich überzeugt, und der vorgibt, mehr zu sein (auch gesellschaftlich gesehen) als er ist – soll um Nell werben und diese heiraten, wenn sie sechzehn wird.
Swiveller findet diese Idee nicht schlecht, und das, obwohl er eigentlich bereits mit einer anderen jungen Frau anbandelt. Sophia Wackles, die ihm dann auch eine Einladung zu einer Abendveranstaltung bringen lässt, dürfte jedenfalls von Swivellers Plänen nicht begeistert sein.

Und Swiveller ist nicht der einzige, der sich vorstellen könnte, mit Nell verheiratet zu sein. Der Großvater des Mädchens macht nämlich irgendwelche Geschäfte, die nicht näher genannt werden, definitiv aber wohl nichts Gutes bedeuten können, mit dem grausamen Mr. Quilp.
Auch dieser ist so, wie wir es von einem „villain“ bei Herrn Dickens erwarten: sein Äußeres und auch sein Verhalten sind gleichzeitig lächerlich und grausam. Quilp ist ein Zwerg und es wird schnell klar, dass er noch nicht mal in seiner eigenen Familie oder bei den Freundinnen seiner Frau als nett angesehen wird. Er ist unglaublich böse und niederträchtig – wir müssen miterleben, wie er seine Frau dazu zwingt, die ganze Nacht mit im aufzubleiben, um ihm Wein und Zigarren zu reichen, weil er wütend ist, dass sie es gewagt hat, Gäste zu empfangen. Er demonstriert seine Macht (von der unvorstellbar ist, warum seine Frau sich das gefallen lässt), und während er sie dann am nächsten Morgen mit den Aufgaben der Haushaltsführung zurücklässt, geht er zur Arbeit und legt sich dort schlafen.

It was a dirty little box, this counting-house, with nothing in it but an old ricketty desk and two stools, a hat-peg, an ancient almanack, an inkstand with no ink, and the stump of one pen, and an eight-day clock which hadn’t gone for eighteen years at least, and of which the minute-hand had been twisted off for a tooth-pick. Daniel Quilp pulled his hat over his brows, climbed on to the desk (which had a flat top) and stretching his short length upon it went to sleep with the ease of an old practitioner; intending, no doubt, to compensate himself for the deprivation of last night’s rest, by a long and sound nap.

Das Bild ist nicht umsonst auch irgendwie sehr komisch – wie immer zieht Dickens die Bösen ins Lächerliche; aber als Quilp später die kleine Nell fragt, ob sie sich nicht vorstellen könnte, ihn zu heiraten, falls seine erste Frau stürbe, da gruselte es mich schon. Quilp ist alles zuzutrauen, auch ein „Unfall“ seiner Frau. Und es könnte ihm auch durchaus Spaß machen, Nell zu schikanieren, um damit ihren Großvater unter Druck zu setzen.

In jedem Fall haben mich die ersten Kapitel dieses Klassikers sehr gut unterhalten. Die wichtigen Figuren des Romans scheine ich nun zu kennen und mal wieder Dickens zu lesen, ist auch eine schöne Sache. Ich mag seine Art zu erzählen, und seinen Umgang mit dem Leser, der immer wieder zum Nachdenken aufgefordert wird. Hier zum Beispiel:

[I]n the majority of cases, conscience is an elastic and very flexible article, which will bear a great deal of stretching and adapt itself to a great variety of circumstances. Some people by prudent management and leaving it off piece by piece like a flannel waistcoat in warm weather, even contrive, in time, to dispense with it altogether; but there be others who can assume the garment and throw it off at pleasure; and this, being the greatest and most convenient improvement, is the most in vogue.

Dickens ist für mich aber auch deswegen ein lesenswerter Autor, weil er wirklich etwas zu sagen hat. Ihm liegen die Kinder am Herzen, und er weiß selbst nur zu gut, wie schwer eine Kindheit in London sein kann. Es ist eben allein schon deswegen zu vermuten, dass er selbst der Ich-Erzähler des Romananfangs ist, weil auch dieser schwer erträgt, dass das Leben eines Kindes trostlos sein könnte:

But all that night, waking or in my sleep, the same thoughts recurred and the same images retained possession of my brain. I had ever before me the old dark murky rooms – the gaunt suits of mail with their ghostly silent air – the faces all awry, grinning from wood and stone – the dust and rust and worm that lives in wood – and alone in the midst of all this lumber and decay and ugly age, the beautiful child in her gentle slumber, smiling through her light and sunny dreams.

Der Roman wird mich noch eine Weile begleiten, und darauf freue ich mich schon. Nicht zuletzt deswegen, weil man sich bei Dickens auch darauf verlassen kann, dass am Ende einfach alles gut wird.