Ich lese… To the Lighthouse

virginiawoolfDas letzte Mal, dass ich Virginia Woolf gelesen habe, ist eine Ewigkeit her. Ich habe verschwommene Erinnerungen daran, dass mir „Mrs. Dalloway“ ganz gut gefallen hat (und dass ich davon überrascht war). Ich las den Roman damals auf Deutsch, kaufte ihn sogar noch mal – auf Englisch. „To the Lighthouse“ stand damals auf einer Literaturliste an der Uni. Was meine Professorin dazu erzählte, klang gut, und so legte ich mir auch dieses Buch zu. Bis jetzt wartete es im Regal auf mich.

Ich fing nicht mit einer bestimmten Erwartungshaltung an zu lesen, musste aber gleich feststellen, dass „To the Lighthouse“ nicht als Nebenbeibuch zu lesen ist. Es passiert zwar, das muss man schon sagen, an äußerer Handlung wenig, aber dafür sind die Figuren umso komplexer, und es braucht eine Weile, um sie ein bisschen kennenzulernen.
Was genau heißt das? Nun, zunächst das: auf den ersten hundert Seiten geschieht an Handlung kaum mehr als dies: die Ramsays, die wie jedes Jahr im Sommer viel Besuch im Haus haben, verleben einen Tag, an dem absolut nichts Spektakuläres geschieht; und die einzige Beziehung zum Romantitel wird durch den jüngsten Sohn James hergestellt, der sich wünscht, dass sie am kommenden Tag einen Ausflug zum Leuchtturm machen, was sein Vater aber nicht erlaubt, da es seiner Meinung nach regnen wird.

Und das ist alles? Natürlich nicht.
Im Haus der Ramsays treffen wir eine ganze Reihe interessanter Charaktere, die alle so ihre Probleme mit sich herumtragen. Da sind Minta und Paul, über die wir noch (?) nicht viel erfahren bis auf die Tatsache, dass Minta die Tochter von Freunden der Ramsays ist und Mrs. Ramsay sich Sorgen macht, dass zu viel über das Mädchen getratscht werden könnte, wenn es sich zu oft mit einem Mann sehen lässt.
Dann gibt es noch Lily Briscoe, eine eher unauffällige junge Frau, eine Künstlerin, die kein besonderes Selbstbewusstsein hat, was ihre Kunst betrifft. Sie hat Vorstellungen davon, wie ihre Kunstwerke aussehen sollen, doch nicht nur wird sie ihnen nicht gerecht, sie hat auch damit zu kämpfen, dass sie dafür kritisiert wird, dass ihre Kunst nicht versucht, die Wirklichkeit möglichst detailgetreu abzubilden. Der einzige, dem sie ihre Bilder überhaupt zeigt, ist Mr. Bankes, eine Freund der Ramsays, der Lilys Vater sein könnte, mit dem sie sich aber trotzdem besonders gut versteht.
Der auffälligste Gast ist jedoch mit Abstand Charles Tansley, ein Student, der gerade an seiner Dissertation schreibt, und der ziemlich schwierig im Umgang ist. Nicht nur fehlt ihm jedes Gespür für das Zwischenmenschliche, er redet auch endlos über seine Studien und findet Menschen, die ihm intellektuell nicht das Wasser reichen können, offensichtlich kaum des Gesprächs wert.
Dies ändert sich nur ein einziges Mal, nämlich dann, als er Mrs. Ramsay in die Stadt begleitet. Obwohl sie deutlich älter ist als er (um die fünfzig) und nicht unbedingt im klassischen Sinne schön, erliegt er ihrem Charme, was Mrs. Ramsay sehr verwundern dürfte, wenn sie es wüsste, denn sie findet Tansley unglaublich anstrengend.

[W]hen all at once he realised it was this: – she was the most beautiful person he had ever seen.
With stars in her eyes and veils in her hair, with cyclamen and wild violets – what nonsense was he thinking? She was fifty at least; she had eight children. Stepping through fields of flowers and to her breast buds that had broken and lambs that had fallen; with the stars in her eyes and the wind in her hair – He took her bag.
„Good bye, Elsie“, she said, and they walked up the street, she holding her parasol erect and walking as if she expected to meet someone around the corner, while for the first time in his life Charles Tansley felt an extraordinary pride […]; felt the wind and the cyclamen and the violets for he was walking with a beautiful woman. (p.25)

Ja, sie hat acht Kinder, sie ist verheiratet und versucht, eine gute Ehefrau und Mutter zu sein, es geht ihr nicht darum, Anderen zu imponieren, aber gerade das ist es vielleicht, was die Anderen so an ihr fasziniert. Zumindest die Männer – außer ihrem eigenen Ehemann. Auch Mr. Bankes bewundert Mrs. Ramsay, und seine Gedanken zu ihr finde ich sehr bemerkenswert und sehr schön, auf eine ganz spezielle Art:

For always, he thought, there was something incongruous to be worked into the harmony of her face. She clapped a deer-staler’s hat on her head; she ran across the lawn in goloshes to snatch a child from mischief.So that if it was her beauty merely that one thought of, one must remember the quivering thing, the living thing […], and work it into the picture; or if one thought of her simply as a woman, one must endow her with some freak of idiosyncrasy – she did not like admiration – or suppose some latent desire to doff her royalty of form as if her beauty bored her and all that men say of beauty, and she wanted only to be like other people, insignificant. (pp. 47-48)

Mrs. Ramsay selbst ist viel zu beschäftigt mit ihrem Leben, um so etwas zu bemerken. Wir erfahren, dass sie all ihre Kinder liebt, aber ein besonderes Verhältnis scheint sie zu ihrem jüngsten Sohn James zu haben – dazu komme ich gleich noch. Was aber an ihr auffällt, ist, dass Mrs. Ramsay selbst (die keinen Vornamen zu haben scheint, sie wird offenbar nur über ihre Ehe definiert) zwar durchaus weiß, dass sie positiv auf andere Menschen wirkt, dass sie aber vor allem bemüht ist, dass ihrem Mann genügend Anerkennung zuteil wird.

[S]he did not like, even for a second, to feel finer than her husband; coud not bear being entirely sure, when she spoke to him, of the truth of what she said. Universities and people wanting him, lectures and books and their being of the highest importance – all that she did not doubt for a moment; but it was their relation, and his coming to her like that, openly, so that any one could see, that discomposed her; for then people said he depended on her, when they must know that of the two he was infinitely the more important and what she gave the world, in comparison with what he gave, negligible. (pp. 61 – 62)

Dies ist aber vor allem das Bild nach außen. Mrs. Ramsay versucht, alles von ihrem Mann fernzuhalten. Könnte mir vorstellen, dass sich die Beziehung der beiden noch verändern wird, zumal sie eigentlich eine selbstbewusste Frau ist, die auch zu den Arbeiten ihres Mannes eine Meinung hat, auch wenn sie die nicht immer verrät.

Am besten gefällt mir aber die Beziehung zwischen Mrs. Ramsay und ihrem jüngsten Sohn James; sie scheint auf den ersten Blick einfach nur von Herzlichkeit und Liebe geprägt, auch wenn sie von James‘ Seite so weit geht, dass er seinen Vater verabscheut und die Mutter nicht mit ihm teilen möchte.
Jedenfalls gibt es im ersten Abschnitt viele Szenen, in denen Mutter und Sohn Zeit zusammen verbringen; James schneidet entweder im Beisein seiner Mutter Bilder aus einem Katalog aus, oder er bekommt das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ vorgelesen (ihr wisst schon: „Myne Fru, de Ilsebill, will nich so, as ik wol will…“). Interessant eigentlich – und wohl kein Zufall, dass es gerade das Märchen ist, in dem die böse Frau des Fischers immer mehr und mehr haben will, und der arme Fischer, wenn er wieder ans Wasser kommt, sich einer immer raueren und gefährlicheren See gegenübersieht… zumindest das Meer, Wünsche, unterschiedliche Wünsche unterschiedlicher Menschen, das alles kommt hier schon zum Tragen.
Und so mochte ich auch vor allem die Szenen, in denen das Meer eine Rolle spielt. Da gibt es einen Moment, in dem Mrs. Ramsay darüber nachdenkt, dass das Meeresrauschen häufig eine beruhigende Wirkung auf sie hat, dass es aber zu anderen Zeiten

had no such kindly meaning, but like a ghostly roll of drums remorselessly beat the measure of life, made one think of the destruction of the island and its engulfment in the sea, and warned her whose days had slipped past in one quick doing after another that it was all ephemeral as a rainbow […]. (pp. 27 – 28)

In alledem erscheint zumindest dem kleinen James der Leuchtturm als ein Ziel, das er erreichen möchte. Für ihn ist es der größte Wunsch, zum Leuchtturm fahren zu können; seine Mutter ist die einzige Erwachsene, die ihm diesen Wunsch erfüllen möchte, auch wenn der Leuchtturm für sie eher für Einsamkeit steht, das Abgeschottetsein von der Welt.

Soweit meine ersten Gedanken zu diesem Roman.
Den ersten von drei großen Abschnitten habe ich damit zur Hälfte gelesen. „The Window“ heißt er. Aber warum der Name des Abschnitts so passt, das hebe ich mir fürs nächste Mal auf.

Deborah Scaling Kiley: Albatross

noch36Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Nach dem Abitur verscherbelte meine Schulfreundin Steffi ihre Unterrichtslektüren an mich, so nach dem Motto: „Du willst doch Lehrerin werden, kannst du was davon gebrauchen?“ Ich nahm ein paar der Bücher, darunter auch „Albatross“. Vierzehn Jahre später habe ich es nun endlich mal gelesen.

Zum Inhalt: Deborah ist fürs Wasser geboren. An Land hält die junge Frau es nicht lange aus und immer wieder zieht es sie auf die unterschiedlichsten Schiffe. Sie nimmt an Bootsrennen teil, geht überall an Bord, ist ein Profi, gehört zu so mancher Mannschaft und es macht ihr nichts aus, dass die meisten ihre Liebe zum Wasser nicht verstehen können. Das ist einfach, wie sie ist.
Als sie dann aber auf der „Trashman“ anheuert, ist alles anders als sonst. Zunächst sind sie und der eher faule, launische John die einzige Crew und Debbie ist schnell genervt von Johns Verhalten, bei dem sie sich sicher ist, dass sie so keine Crew finden werden, um ihre Reise wirklich beginnen zu können. Tatsächlich ist es dann auch eher sie selbst, die Mark und Brad, den Bruder einer ihrer Freundinnen, für die „Trashman“ gewinnen kann. John hingegen bringt seine Freundin Meg mit an Bord, die von Schiffen keine Ahnung hat und es eigentlich auch überhaupt nicht einsieht, irgendwelche Aufgaben zu übernehmen.
Die Stimmung an Bord ist angespannt und gereizt. Debbie überlegt, die „Trashman“ zu verlassen und tut es in letzter Sekunde doch nicht. Und dann überschlagen sich die Ereignisse: Meg stürzt und verletzt sich schwer und kurz danach gerät das Schiff in Seenot und sinkt. Die fünf Besatzungsmitglieder können sich auf das Rettungsboot retten, aber natürlich fürchten sie um ihr Leben. In der Hoffnung, dass die Küstenwache bald da sein müsste, vergehen die ersten Stunden, doch bald wird klar, dass trotz ihres Funkspruchs offenbar niemand auf der Suche nach ihnen ist…

Wie mir das Buch gefallen hat: Mit diesem Buch verarbeitet Deborah Scaling Kiley das, was sie an Bord der Trashman und nach deren Schiffbruch erlebt hat. Zusammen mit ihr durchlebt man als Leser die Ereignisse, die sie fast das Leben gekostet hätten. Das Ende des Buches, also die Szenen, in denen man von Scaling Kileys Rettung erfährt, wirken sehr hollywoodesk, aber die Ereignisse waren sicher so, und dass sie der Autorin nach all den Torturen auf hoher See so erschienen, als ob hier wirklich eine höhere Macht Rettung schickte, ist mehr als verständlich.
Das Buch zu lesen, war vom Stil her nicht immer einfach, weil es sehr berichtend formuliert ist und sich eben in dieser Beziehung ganz anders liest als ein Roman aus der Sicht einer Ich-Erzählerin. In einem Roman würde ich mich jetzt beklagen, dass sie Charaktere zum Teil sehr flach dargestellt waren. Beim Lesen war ich erstaunt, wie wenig Positives Scaling Kiley John, Mark und Meg abgewinnen konnte. Sie werden alle sehr einseitig dargestellt, und vor allem Mark und John kommen bei der Geschichte sehr schlecht weg, was mir beim Lesen ehrlich gesagt leid tat, denn wir hören hier ja nur eine Seite der Geschichte – und derzufolge hat Deborah Scaling Kiley nicht nur überlebt, sondern sich eigentlich auch immer richtig verhalten. Das will ich nicht in Frage stellen, aber an manchen Stellen fragt man sich natürlich auch, ob die Erinnerung wirklich so glaubwürdig ist, wenn man etwas so Traumatisches erlebt hat. Gerade die letzten Tage im Rettungsboot müssen unerträglich gewesen sein und ich denke, dass – auch nach den Beschreibungen der Autorin selbst – weder sie noch Brad ganz Herren ihrer Sinne gewesen sein können.
Das Buch ist interessant, stellenweise sehr spannend und mitreißend. Dann wieder fand ich es, auch gerade als Aufarbeitung der Geschichte, manchmal etwas zu wenig emotional. Es ist schwer zu sagen, was man von einem Menschen erwarten kann, der tagelang um sein Leben kämpfen musste; vielleicht ist es schlichtweg nicht möglich, dass man sich so weit öffnet, aber ich muss einfach sagen, ich habe schon bessere autobiographische Bücher gelesen.

Sabine Städing: Anna und die flüsternden Stimmen

noch109Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich als Leseexemplar bekommen. Ich bin monatelang drumrumgeschlichen und war mir nicht sicher, weil ich irgendwie dachte, dass mich hier so etwa Fantasymäßiges erwarten würde. Irgendwie stimmt das zwar… aber irgendwie ist es auch ganz anders.

Zum Inhalt: Urlaub mit der ganzen Familie in Qual – für Anna ist der Name des kleinen Ortes an der Ostsee zunächst Programm. Während alle ihre Freundinnen an coolen Orten auf der ganzen Welt in der Sonne liegen, macht ihr der deutsche Sommer einen Strich durch die Rechnung. Das Ferienhaus ist zwar ganz in Ordnung – immerhin hat es einen direkten Blick aufs Meer, aber schon in der ersten Nacht kann Anna kaum schlafen, denn das Haus scheint zu atmen. Was ist da los? Woher kommen diese Geräusche? Und eine unheimliche geisterhafte Erscheinung begegnet ihr auch gleich am Anfang ihres Urlaubs – Entspannung kommt da nicht auf. Schnell stellt sich heraus, dass der unheimliche Geist offenbar Dr. Hasselreuther ist, der Mann, der als Wohltäter der kleinen Stadt gefeiert wird und nach dem hier alle möglichen öffentlichen Gebäude und Straßen benannt sind. Wie kann gerade das denn sein?
Schon an ihrem ersten Tag in Qual lernt Anna Tjark kennen, dessen Eltern das Ferienhaus gehört, in dem Anna mit ihrer Familie wohnt. Er ist sehr nett – ein echtes Highlight für Anna! –  und seltsamerweise hat er auch gar nicht allzu viele Zweifel an Annas grusligen Geistergeschichten. Dass es in dem alten Sanatorium, das sich ganz in der Nähe des Ferienhauses befindet, spukt, hat er auch schon gehört, und zusammen mit Anna macht er sich daran, das Rätsel um diese unheimlichen Vorgänge zu untersuchen. Es scheint, dass alle sieben Jahre Unheimliches in Qual passiert – und dass es bisher niemandem gelungen ist, dem Geist Einhalt zu gebieten. Dass ausgerechnet Anna und Tjark das können, bezweifeln sie auch selbst; aber sie müssen herausfinden, dass sie eigentlich keine andere Wahl haben – denn es geht nicht nur darum, ein altes Unrecht gutzumachen, es geht plötzlich auch um ihre eigene Sicherheit: hat man sich einmal mit dem bösen Geist angelegt, geht es nämlich auch schnell um Leben und Tod…

Wie mir das Buch gefallen hat: Große Erwartungen hatte ich an dieses Buch nicht und so bin ich nun am Ende überrascht, dass es mir so gut gefallen hat. „Anna und die flüsternden Stimmen“ ist ein tolles und sehr spannendes Jugendbuch mit einer richtig toll erzählten Geistergeschichte. Schon lange habe ich keine so gute Geistergeschichte mehr gelesen: dieses Buch ist spannend, gruselig und unheimlich, gleichzeitig gibt es aber auch viele recht lustige und leichte Szenen, wenn Anna zum Beispiel gerade mal wieder das Gefühl hat, dass sie sich für ihre extrem peinlichen Eltern fremdschämen muss oder wenn ihr kleiner Bruder Tjark und ihr auflauert, weil er mal wieder das „Anna ist verliiiiiebt“-Lied singen will. Die Wechsel zwischen diesen Stimmungen fand ich gut gelungen und glaubwürdig. Immerhin ist Anna eigentlich ein ganz normaler Teenager im Familienurlaub – und dass sie plötzlich Geister sieht und einem sehr alten Rätsel auf der Spur ist, dass ist auch für sie selbst sehr schwer zu fassen.
Anna ist eine sympathische Protagonistin, ein ganz normaler Teenager, manchmal etwas vorwitzig, manchmal sehr aufbrausend und manchmal sehr schüchtern und unsicher. Ich mochte sie schnell und konnte mich trotz des Altersunterschiedes zwischen ihr und mir gut mit ihr identifizieren.
Der Schauplatz des Romans ist sehr gut gewählt, finde ich. Die Ostsee ist zunächst sicherlich kein Ort, an dem man eine gruslige Geistergeschichte erwartet, aber Sabine Städing belehrt uns da schnell eines Besseren. Wetterumschwünge, brausende See, schlimme Gewitter… sie lässt nichts aus. Gerade das ist aber wirklich gut gemacht und schnell entsteht eine wirklich unheimliche Atmosphäre.
„Anna und die flüsternden Stimmen“ ist gut erzählt, sehr spannend und wirklich überzeugend. Mir hat es sehr gut gefallen und zu lesen, dass die Autorin schon an ihrem nächsten Buch arbeitet, hat mich gefreut.

Jacques Perrin: Unsere Ozeane

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Das Buch war ein Geburtstagsgeschenk, über das ich mich ganz besonders gefreut habe, weil ich mich dieses Frühjahr ja so ausgiebig mit Frank Schätzings „Nachrichten aus einem unbekannten Universum“ beschäftigt habe.

Inhalt und meine Meinung: Dieses Buch ist wirklich ein Gesamtkunstwerk. Auf 316 Seiten bringt es seine Leser genauso in geheimnisvolle Unterwasserwelten wie in die Welt eines Filmteams, wo jeder Handgriff sitzen und jede Kamera perfekt geführt werden muss.
Zunächst habe ich mich vor allem auf die tollen Fotografien in diesem Buch gefreut und das durchaus zurecht. Liebevoll und mit einem unglaublichen Blick für das Faszinierende ausgewählt, enthält das Buch Aufnahmen, wie man sie so noch nicht gesehen hat, Unterwasseraufnahmen, die ich mir stundenlang angesehen habe, weil sie so faszinierende Welten zeigen. Oftmals ist auch ein Kameramann mit im Bild, da es ja eigentlich darum geht, einen Film zu machen; aber das trägt eher dazu bei, dass man einen sehr ehrfürchtigen Blick auf das Leben unter Wasser wirft – wie klein ein Mensch neben einem Hai oder auch neben einem Walross aussieht, muss man sich eben erstmal klarmachen.
Auf der Reise durch die Ozeane begleitet man das Filmteam von der Idee zur Entstehung des Films durch die Ozeane dieser Welt, und neben vielen Informationen zu den Meeresbewohnern gibt es auch immer einen interessanten Einblick in die Arbeit des Filmteams; und da ich mir solche Dokumentationen zwar gerne ansehe, aber ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung davon hatte, wieviel Arbeit in einem solchen Projekt steckt, war ich oftmals wirklich mehr als erstaunt, wenn ich gelesen habe, wie die Kameramänner stunden-, manchmal sogar tagelang auf der Lauer lagen, um ein bestimmtes Bild zu machen, und wie nicht nur Klima, Wetter, Meeresströmungen, sondern auch der Eigensinn der Tiere ihnen auch mal einen Strich durch die Rechnung machte.
Das Buch macht deutlich, dass es Mut und Respekt vor den Bewohnern des Meeres braucht, um sie wirklich zu verstehen und einen Einblick in ihr Leben zu bekommen. Gerade dieser Respekt vor den Ozeanen hat mir sehr imponiert, weil er nicht nur natürlich angemessen ist, sondern weil deutlich wird, dass er für das Team umso mehr wuchs, je länger die Arbeiten dauerten. Es ging ihnen darum, das Leben im Meer so abzubilden, wie es wirklich ist, und das hat allen Einiges abverlangt.
Das Kapitel, das dann ziemlich genau aufzeigt, wie technisch vorgegangen wurde, hat mich dann allerdings nicht ganz so gepackt, denn da wurde es mir manchmal zu technisch, wenn es um verschiedene Kameras und Senkkräne und dergleichen ging. Anderes, wie zum Beispiel das künstlich erzeugte Mondlicht, fand ich faszinierend.
„Unsere Ozeane“ ist nicht einfach ein Bildband mit Fischen und Krabben. Es ist ein Buch, das von der unendlichen Vielfalt in unseren Meeren erzählt und davon, wie viel Arbeit es für uns Menschen ist, dieses Leben wirklich zu verstehen. Das aber ist nötig, um zu verstehen, wie dringend es notwendig ist, dass die Artenvielfalt im Meer erhalten wird. Mit der gleichnamigen Dokumentation und mit diesem Buch möchte Jacques Perrin vor allem Emotionen ansprechen – und das ist ihm in meinem Fall sehr gut gelungen. Ich bin beeindruckt.

Frank Schätzing: Nachrichten aus einem unbekannten Universum

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch hat mein Mann sich schon vor Jahren irgendwann gekauft, nachdem er „Der Schwarm“ gelesen hatte. Das Buch landete auf meinem SuB und jetzt habe ich es mit Miriam zusammen in einer Leserunde gelesen.

Inhalt und meine Meinung: Ich habe ja nicht wirklich erwartet, dass mich das Buch so sehr unterhalten und faszinieren würde. Interessante Informationen, klar. Ich interessiere mich für das Meer und seine Bewohner und finde es unheimlich faszinierend, aber 600 Seiten Sachbuch zu dem Thema – uff! Aber dass Frank Schätzing schreiben kann, das weiß man ja, und hier beweist er es absolut.
Entstanden ist die Idee zu „Nachrichten aus einem unbekannten Universum“ aus den Recherchen zu Schätzings Erfolgsroman „Der Schwarm“, und eigentlich sollte es gar nicht ein so großes Projekt werden – zum Glück jedoch kam es so.
Schätzing nimmt seine Leser mit auf eine lange aber niemals langweilige Reise in die Anfänge unseres Planeten mit, schildert uns die Entstehung des Lebens und die Entstehung der Meere – beides ist enger verknüpft, als man als Laie vielleicht denkt. Wir erfahren, wie „Miss Evolution“ in ihrer Handtasche kramt und neues Leben erschafft; wie sie unter sich verändernden Umweltbedingungen dafür sorgt, dass das Leben weitergeht und sich anpasst. Lebewesen entwickeln sich im Meer, gehen zum Teil an Land und gehen dann wiederum ins Wasser zurück – und da ist Einiges los. Wie viel man über das Leben in den Meeren eigentlich nicht weiß, das wird einem beim Lesen immer wieder deutlich. Mit Schätzing lernt man alle möglichen Meeresbewohner kennen und erfährt, wie sie sich an ihren Lebensraum angepasst haben. Doch damit nicht genug. Meeresströmungen, Tsunamis, die Tiefsee, das Leben in den Riffen und vieles mehr legt Schätzing auf den Tisch und man erhält ein sehr umfassendes Bild von unseren Ozeanen, wobei Schätzing es sogar schafft, die wissenschaftlichen und physikalischen Fakten so zu vermitteln, das man folgen kann. So einfache und eingängliche Beispiele für physikalische Phänomene sind mir bislang noch nie untergekommen.
Schätzing geht auch auf die Technologien ein, die sich im und rund ums Meer abspielen. Das Meer als Energielieferant kommt vor, interessant fand ich auch das Kapitel über Heilmittel und Kosmetika, die aus dem Meer kommen. Auch für Transport von Massengütern und fürs Reisen wird das Meer immer interessanter, auch wenn dabei natürlich fragwürdig ist, wie gut das wirklich für das Ökosystem sein wird. Auch neue Orte, die auf dem Meer entstehen sollen und Forschungsstationen auf dem Meeresgrund spielen dabei eine Rolle.
Für dieses Buch braucht man schon einige Zeit, denn wenn man wirklich etwas daraus mitnehmen will, würde ich schon empfehlen, dass man zusätzlich zu dem Buch noch weitere Quellen liest, das Internet nach Bildern zu bestimmten Lebewesen und Orten durchsucht und sich von Zeit zu Zeit informiert, in wie weit Zukunftsvisionen, die Schätzing immerhin 2006 skizziert hat, umgesetzt oder wieder verworfen wurden.
„Nachrichten aus einem unbekannten Universum“ ist ein beeindruckendes Buch, das Lust darauf macht, noch mehr über das Meer zu lesen, und das mich hoffen lässt, dass wir bald wieder etwas von Herrn Schätzing hören oder lesen werden.