Astrid Lindgren: Mio, mein Mio

007Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch war natürlich auch in meiner Astrid-Lindgren Box, und da gehört es auch hin, denn es ist eines der schönsten Märchen, die es gibt. Das schon mal vorweg.

Zum Inhalt: Bei seinen Pflegeeltern ist der kleine Bosse alles Andere als willkommen. Er darf keine Freunde mit nach Hause bringen und obwohl er am liebsten immer leise sein soll, mögen sie es auch nicht, wenn er ein Buch liest. Klein und blass und schwächlich finden sie ihn, und Bosses einziger Trost sind sein Freund Benka, bei dem er manchmal sein darf, und ein altes Brauereipferd, von dem er sich so oft wünscht, dass es sein eigenes wäre. Bosses Leben ist trostlos und voller Sehnsucht nach ein bisschen Geborgenheit – bis er eines Abends eine leere Bierflasche findet, in die tatsächlich ein Geist eingesperrt worden ist. Und noch merkwürdiger ist es, dass der Geist auch tatsächlich nach ihm, Bosse, gesucht hat.
Bosse ist nämlich gar nicht irgendein armer, kleiner Junge, er ist der Sohn des Königs aus dem Land der Ferne, und dorthin bringt ihn der Geist jetzt auch. Hier schließt der König seinen lange verschollenen Sohn nicht nur überglücklich in die Arme, er sagt ihm auch, wie er wirklich heißt: Mio. Und Mio hat ein wunderschönes Leben bei seinem Vater, dem König. Zum ersten Mal ist er überglücklich und lernt, was Familie und Freundschaft bedeuten können.
Doch auf den Königssohn wartet eine gefährliche Aufgabe: eine uralte Prophezeiung besagt nämlich, dass er losziehen wird, um gegen den grausamen Ritter Kato zu kämpfen, der das Land der Ferne erzittern lässt, der viele Kinder entführt hat und von dem es heißt, dass er statt eines Herzen nur einen Stein in der Brust hat. Jeder weiß, dass es die einzige Chance für die entführten Kinder ist, von Mio gerettet zu werden. Doch sein Sieg über den bösen Ritter ist keineswegs sicher. Kann Mio wirklich ein mutiger Ritter sein, wenn er doch solche Angst hat, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein?

Wie mir das Buch gefallen hat: Ich liebe dieses Buch. Und tatsächlich gibt es eine Stelle, an der ich seit mehr als 25 Jahren immer weinen muss (durfte ich gerade erst wieder feststellen). Das allein zeigt schon, dass „Mio, mein Mio“ ein Buch ist, dessen Zauber nie veraltet. Immer noch streife ich gerne mit Mio durch das Land der Ferne, und bin vorher jedes Mal erleichtert, wenn er sein trauriges Leben in Schweden aufgeben kann, um endlich glücklich zu werden. Es gibt am Anfang eine Szene, in der Bosse allein durch die Stadt läuft, durch die erleuchteten Fenster glückliche Familien anschaut und dabei sehr traurig wird, und die geht mir auch immer noch total nahe (ist aber nicht die, bei der ich weinen muss).
Astrid Lindgren kann so verschiedenartige Geschichten erzählen, dass man nur voller Bewunderung dafür sein kann. Das „Land der Ferne“ ist auf jeden Fall einer ihrer schönsten Orte, ein märchenhafter Platz voller Blumen, blühender Bäume und schöner Plätze, an denen man (nicht nur) als Kind gern Stunden verbringen möchte. Der Gegensatz zu dem Land, in dem Ritter Kato wohnt, könnte auch nicht größer sein, und mit wenigen, aber sehr eindringlichen Worten schafft Lindgren es immer, ihre Orte atmosphärisch sehr dicht erscheinen zu lassen. Und trotz der Gewissheit, dass am Ende alles gut wird, kann man Mios Angst oft sehr gut nachempfinden.
Mio ist ein Junge, der zuerst gar nicht wie ein Held scheint, und der bis zum Ende auch nicht furchtlos oder übermächtig wäre. Aber wie wir es von Astrid Lindgrens Helden erwarten, wächst er über sich hinaus, weil er ein großes Herz hat und das Böse nicht ertragen kann. Wahrscheinlich ist Mio gerade deswegen nämlich doch ein Held.
„Mio, mein Mio“ ist eines der Bücher, von denen ich mir wünsche, dass Kinder sie noch in vielen Jahren lesen werden, und da die Geschichte meiner Meinung nach absolut zeitlos ist, hat sie vielleicht sogar eine Chance…

Anne Ursu: Herz aus Eis

noch04Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch ist von einem Buchladenspaziergang mit einer Freundin mit nach Hause gekommen. Eine Neufassung der „Schneekönigin“, das klingt doch auch wirklich vielversprechend!

Zum Inhalt: Jack und Hazel sind schon immer beste Freunde. Auch wenn sie jetzt in der fünften Klasse sind und es scheinbar nicht mehr geht, dass Mädchen und Jungen miteinander befreundet sind, halten die beiden immer zusammen und habe ihre ganz eigene Welt, zu der nicht jeder Zutritt hat. Hazel und Jack sind beide sehr fantasievoll, und sie stellen sich gern Dinge vor. Beide Kinder haben es nicht ganz leicht zu Hause – Hazels Vater hat die Familie vor einem Jahr verlassen und Jacks Mutter ist depressiv; die Kinder geben einander so viel Halt, wie sie sie nur können.
Aber das ist gar nicht so einfach, denn Hazels Mutter wünscht sich, dass ihre Tochter mehr mit anderen Mädchen zusammen wäre, und Jacks Schulfreunde können Hazel nicht besonders gut leiden. So kommt eines Tages eins zum Andern: Hazel und Jack streiten sich, was schon ungewöhnlich genug wäre, aber dann bekommt Jack unbemerkt von allen einen winzigen Splitter eines verzauberten Spiegels ins Auge.
Von jetzt an ist alles anders: Jack fühlt sich plötzlich ganz anders, ihm sind andere Dinge wichtig als zuvor und er weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat. Hazel ist nur noch eine unwichtige Person, ein komisches Mädchen, das ihn nicht weiter interessiert. Und als die weiße Hexe auftaucht, die ihm große Versprechungen macht, da scheint es nur logisch, dass er mit ihr mitgeht. Hazel jedoch gibt ihren Freund nicht so schnell auf. Sie weiß, dass es ihre Aufgabe ist, Jack, der von einer Minute zur anderen erst ganz anders ist und dann plötzlich verschwindet, zu suchen und zurückzuholen. Schließlich ist Jack ihr bester Freund. Und wenn ihn jemand aus den Fängen einer Hexe holen kann, dann sie – oder?

Wie mir das Buch gefallen hat: „Herz aus Eis“ ist eine ganz großartige neue Fassung des Märchens „Die Schneekönigin“. Der erste Teil des Romans spielt mit sehr wenigen Ausnahmen in unserer Welt; wir begleiten Hazel und Jack zur Schule, erleben mit ihnen, wie schwierig ihr Alltag ist und wie sehr sie einander brauchen. Nur manchmal bricht die Magie in ihre Welt ein; wenn zum Beispiel ein unheimliches Wesen aus Versehen einen Zauberspiegel zerbricht, der dann wenig später dafür sorgt, dass Jack einen Splitter ins Auge bekommt. Der zweite Teil des Romans spielt in einer Märchenwelt, in der wir unzähligen Figuren begegnen, die wir aus Märchen kennen. Als Hazel auf das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern trifft, fand ich das am schönsten. Aber es gibt auch Bezüge zum „Herrn der Ringe“, „Harry Potter“, „Der goldene Kompass“, den Narnia-Büchern und vielem mehr. Diese Bezüge sind unaufdringlich, sodass sich ein Leser, der alle diese Geschichten nicht kennt, womöglich nicht viel fragen würde, was das soll, aber wenn man auch alle diese anderen tollen Geschichten kennt, macht das Lesen vermutlich noch mehr Spaß.
Was mir besonders gut gefallen hat, ist, dass Hazel über sich hinauswächst, ohne dass sie es selbst merkt. Was ich auch mochte, war die Tatsache, dass Jack und Hazel kein Liebespaar sind, sondern dass sie einfach die allerbesten Freunde sind. Das macht einen ganz besonderen Zauber der Geschichte aus.
Sprachlich ist das Buch wirklich schön. Gerade die magische Welt kann man sich wirklich sehr gut vorstellen, und interessanterweise ändert sich hier dann auch der Erzählstil von dem eines Jugendromans zu dem von Märchen. Das hat mir sehr gut gefallen und es spricht für das Konzept dieses Romans, der in sich absolut stimmig ist.
„Herz aus Eis“ ist schön und traurig zugleich. Für mich ist es eine wunderschöne  Geschichte über Freundschaft, die mit dem Original absolut mithalten kann und von zwei Kindern erzählt, die nichts auseinanderbringt. Ein Roman, der eine eigene Märchenwelt inmitten uns bekannter fantastischer und realer Welten schafft. Lesenswert.

Philip Pullman: Grimm Tales (for Young and Old)

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Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Waterstones am Trafalgar Square in London. Ein regnerischer Frühherbsttag im September 2013. Eine Buchsüchtige, die „nur mal schauen“ will. Ein Buch mit einem interessanten Cover. Muss ich noch mehr sagen? You get the picture? 😉

Inhalt und meine Meinung: Märchen faszinieren mich schon immer, und deswegen war es für mich klar, dass ich dieses Buch haben musste. Eine englische Version von 53 Märchen der Gebrüder Grimm, das allein fand ich schon interessant, denn mich interessierte, was aus Namen, Zaubersprüchen und anderen Reimen wird, wenn man übersetzt. Hinzu kommt, dass es ja auch Märchen gibt, die eigentlich im Dialekt erzählt werden (zum Beispiel mein geliebter „Fischer un sin Fru“). Was passiert eigentlich damit, wenn übersetzt wird?
Eigentlich also ganz profane Fragen, auf die dieses Buch Antwort gibt; aber es bietet noch viel mehr. Pullmans Versionen der Märchen sind keine neuen Erzählungen, keine modernen Fassungen, keine Gegendarstellungen irgendwelcher Figuren. Er erzählt die Märchen so, wie die Gebrüder Grimm sie aufgeschrieben haben, nur an sehr wenigen Stellen nimmt er eine kleine Ergänzung oder Erklärung vor oder setzt ein Element ein, das das Märchen in der Grimm-Fassung nicht hat, das dafür aber in einem ähnlichen Märchen (zum Beispiel aus dem britischen oder spanischen Raum) vorkommt. Man merkt es beim Lesen nicht, da wir alle Märchen auf leicht unterschiedlich erzählte Weisen gewöhnt sind. Jedenfalls gelingt es Pullman, sehr märchenhaft und schön zu erzählen – und ich gebe gern zu, dass ich von allen 53 Märchen in diesem Buch nicht alle kannte.
Was das Lesevergnügen aber besonders macht, ist Pullmans Herangehensweise an diese Märchen. Schon im Vorwort macht er deutlich, dass Märchen auch ihn schon immer begeistert haben, weil sie das Erzählen auf den Kern hinunterbrechen: wir wissen gleich, wer gut und wer böse ist, die Figuren kommen weitgehend ohne Namen aus, sondern werden nach ihren Eigenschaften oder Berufen benannt (Ausnahme sind hier Namen, die früher in Deutschland sehr häufig vorkamen: Hans zum Beispiel), die Handlung wird stetig vorangetrieben, Charakterstudien oder ausufernde Ortsbeschreibungen gibt es nicht. Prinzessinnen sind schön, Wälder dunkel,  Stiefmütter böse. Damit hat sich das. Und trotzdem lieben wir Märchen.
Im Anschluss an jedes Märchen, das Pullman erzählt, gibt es einen kurzen Zusatz zu diesem, und das fand ich immer besonders interessant. Zunächst gibt Pullman an, welche Märchennummer aus dem internationalen Märchenverzeichnis dieses Märchen hat (ich wusste nicht, dass es so etwas gibt), dann welche ähnlichen Märchen es in anderen Kulturkreisen gibt und wie diese heißen, die Quelle, von der die Gebrüder Grimm dieses Märchen haben, und dann einen kurzen Kommentar Pullmans zu dem Märchen selbst.
Diese Kommentare sind wirklich toll. Sie sind recht kurz, aber sie geben jedes Mal einen interessanten Blick auf die Geschichte: wo eigentlich ein erzählerischer oder logischer Bruch ist, welche Passagen der Geschichte in einem modernen Roman sicherlich ausgeschmückt werden würden, einen Hinweis zur Grausamkeit des Märchens oder zu dem historischen Hintergrund, in dem es entstand. Besonders gut hat mir dort auch gefallen, wenn Pullman Begriffe aus der englischen und deutschen Fassung miteinander vergleicht. Ich kann mir vorstellen, dass es schwieriger ist, Märchen zu übersetzen, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Gerade diese Kommentare machen dieses Märchenbuch definitiv zu etwas Besonderem – ein Buch zum Lesen, Vorlesen und Wiederlesen. Sehr empfehlenswert. Für Märchen ist man einfach nie zu alt.

John Connolly: The Book of Lost Things

noch94Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Es klingt angesichts eines ganzen Regals voller ungelesener Bücher, das hier neben mir steht, wirklich lustig, aber im vergangenen Jahr hatten Miriam und ich eine Wette laufen, bei der wir möglichst viele Bücher lesen wollten, die vor 2012 auf unsere SuBs gewandert waren. Witzigerweise habe ich diese Wette gewonnen und ein Buch bekommen. Und Schokolade und Kaffee gleich noch obendrein. If paradise is half as nice…

Zum Inhalt: Das Leben ist nicht mehr, wie es war. David ist noch ein Kind, als er miterleben muss, wie seine Mutter stirbt und sein Vater und er ganz anders mit dem Verlust umgehen. Während David sich selbst die Schuld gibt – er hätte doch irgendwas tun müssen, um die Krankheit daran zu hindern, seine Mutter zu töten! – beginnt sein Vater einen neuen Lebensabschnitt mit einer neuen Frau. David kann Rose von Anfang an nicht leiden, und als er plötzlich auch noch einen kleinen Halbbruder hat, fühlt er sich in seiner Familie gar nicht mehr willkommen.
Dies ist die Zeit, in der die Bücher in Davids Zimmer beginnen, mit ihm zu sprechen; und dann taucht auch noch der „krumme Mann“ auf, ein bedrohlich wirkendes Wesen, vor dem David unwillkürlich Angst hat. Doch er beginnt auch, die Stimme seiner Mutter zu hören, die nach ihm ruft. Offenbar ist sie in einem fremden Königreich und braucht Davids Hilfe…
Als eines Nachts die Deutschen Angriffe auf Davids Heimat fliegen, beschließt der Junge, dass es Zeit ist, sich auf die Suche nach seiner Mutter zu machen. Die Situation in seinem alten Leben hält er nicht mehr aus, und er weiß, wenn er seine Mutter nur findet, wird alles gut. Durch einen geheimen Zugang im Garten gelangt er in eine ihm vollkommen fremde Welt, in der er vage die Märchen wiederzuerkennen glaubt, die er immer so gern gelesen hat. Doch diese Märchenwelt ist kein bisschen tröstlich und bunt, sie ist voller Gefahren und Tücken, und David muss aufpassen, wem er überhaupt trauen kann. Nur eines ist ihm von Anfang an klar: er muss das Schloss des Königs finden und dort das „Buch der verlorenen Dinge“. Dann wird er wieder bei seiner Mutter sein und ab dann, das weiß er ganz sicher, wird alles wieder gut.
Der Weg zum Schloss wird eine abenteuerliche Reise für David. Immer wieder muss er sich nicht nur unheimlichen Feinden stellen, sondern auch für sich herausfinden, was Freundschaft, Liebe und Angst vor Verlust eigentlich für ihn bedeuten. Er muss lernen, dass es bestimmte Eigenschaften gibt, die in ihm stecken, die er selbst aber wecken und pflegen muss. Nur so kann er das Schloss des Königs erreichen. Und die härteste aller Prüfungen wartet erst dort auf ihn…

Wie mir das Buch gefallen hat: Ich wusste vor dem Lesen dieses Romans nicht, dass Connolly eigentlich Thriller schreibt, aber es erklärt Einiges. Dieser Roman ist – und das sagt auch Connolly selbst in einem Interview zu diesem Roman – kein wirkliches Kinderbuch. Zwar werde es Kinder und Jugendliche geben, denen es gefallen dürfte (da bin ich absolut seiner Meinung!), aber Kinder läsen diesen Roman doch ganz anders als Erwachsene, die ihre eigenen Geschichten von Verlusten und ihre eigenen Kindheitserinnerungen beim Lesen dieses Buches im Hinterkopf hätten. Gerade der Schluss des Romans werde, so Connolly, von Kindern und Erwachsenen ganz unterschiedlich wahrgenommen. An dieser Stelle sei gesagt: der Schluss ist unglaublich passend, traurig, schön und absolut gelungen.
Der Roman selbst spielt zum Teil in England zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und zum Teil in der Märchenwelt. Was Connolly aus den alten Märchen, die er selbst in seiner Kindheit gelesen und geliebt hat, macht, ist faszinierend. Manchmal verdreht er Märchen ins Lustige – bei seiner Version von „Schneewittchen“ habe ich zum Teil wirklich laut lachen müssen – aber viele werden sehr viel düsterer (selbst im Vergleich zu ihren Originalen, die ja zumeist auch nicht gerade harmlos sind). Meine Ausgabe des Romans hat einen sehr interessanten Anhang, in dem man die Märchen noch mal nachlesen kann, wenn man möchte. Viele sind uns deutschen Lesern durch die Gebrüder Grimm geläufig, aber eben nicht alle.
Die Welt, die Connolly erschaffen hat, ist in sich sehr stimmig. Sie ist vor allem atmosphärisch toll gestaltet – meistens wirklich unheimlich, dann aber auch voller tröstlicher Lichtblicke. Je tiefer David in das Land vordringt, desto unheimlicher und bedrohlicher wird es um ihn herum, und es wird immer schwerer, das Buch dann aus der Hand zu legen!
David selbst habe ich von Anfang an ins Herz geschlossen: ein Kind, das in der Welt der Bücher aufgeht, das Bücher sprechen hört und das Trost zwischen den Seiten eines Buches findet, das hat mir gefallen. Der Verlauf der Handlung zeigt, dass David jedoch viel mehr ist als ein begeisterter Leser: vor allem ist er ein Junge, der mit dem Verlust der Mutter und seiner neuen familiären Situation klarkommen muss und der nicht weiß, wie er das ertragen soll. David wirkt sehr authentisch und interessanterweise trotz seiner vielen Schwächen niemals wirklich schwach.
„The Book of Lost Things“ hat mich sehr beeindruckt und John Connolly hat mich neugierig auf seine anderen Bücher gemacht…

Cornelia Funke: Reckless – Lebendige Schatten

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ich hatte das große Glück, „Reckless“ als Leseexemplar zu bekommen. Schon so lange habe ich darauf gewartet zu erfahren, wie es nach Band 1 mit Jacob Reckless und Fuchs weitergehen würde!

Zum Inhalt: Die Motte sitzt in seinem Fleisch über seinem Herzen. Sechs Mal wird Jacob Reckless unglaubliche Schmerzen erleiden – immer dann, wenn die Schwarze Fee sich einen Buchstaben ihres Namens zurückholt und die Motte damit ein Stück weiter befreit – bis sie schließlich davonfliegen wird. Wenn das geschieht, wird Jacob sterben. Und er hat nicht mehr viel Zeit. Zwei Monate – vielleicht drei.
Natürlich hat Jacob seinem Bruder Will das Leben retten wollen – doch nun geht es um ihn selbst und darum, dass er dem Fluch entkommt und es irgendwie schafft, zu überleben. So manches Zaubermittel, das Jacob ausprobiert, hilft einfach nicht; doch dann hört er von einem sagenumwobenen Schatz, der ihm dabei helfen könnte, sein Leben zurückzubekommen. Doch natürlich hat diese Sache mehr als einen Haken: es ist nicht nur fraglich, ob es dieses legendäre Vermächtnis des Hexenschlächters wirklich gibt, sondern es ist auch außergewöhnlich schwer zu finden – viele Rätsel müssen gelöst und Gefahren überstanden werden, wenn Jacob an die Armbrust herankommen möchte. Und er ist natürlich nicht der einzige, der hinter diesem Gegenstand her ist.
Einen Vorteil auf seiner abenteuerlichen Reise hat Jacob aber sicherlich dadurch, dass Fuchs ihm immer treu zur Seite steht. Ohne das Mädchen, das sich inzwischen immer seltener in seine tierische Gestalt verwandelt, sähe es selbst für den unerschrockenen Schatzsucher wirklich nicht immer rosig aus. Doch Fuchs macht Jacob auf andere Art und Weise auch wieder verletzlich – denn zum ersten Mal stellt der tollkühne Jacob Reckless fest, dass Fuchs für ihn mehr als nur eine „gute Freundin“ ist…

Wie mir das Buch gefallen hat: Ich mochte bereits den ersten Band um Jacob Reckless wirklich gern – aber nun, zwei Jahre später, glaube ich wirklich, dass Frau Funke sich mit dem zweiten Band noch deutlich übertroffen hat. Auch wenn ich irgendwie auch wirklich gern erfahren hätte, wie es mit Will weitergeht, war die Geschichte um Jacob und Fuchs ausgesprochen spannend, temporeich erzählt und voller Wendungen, die glaubhaft waren, gleichzeitig aber vollkommen überraschend.
Cornelia Funke spielt mit Märchenelementen, sie greift Bekanntes auf, verwendet es neu, deutet es um; sie erschafft eine ganz eigene Welt, die der unseren gleichzeitig fern und doch sehr nahe ist, sie erzählt ein Märchen, das einerseits unglaublich düster und unheimlich ist, andererseits aber klangvoll und schön – und mit einer Hoffnung für ein Happyend für die Guten. Dieser Band jedoch endet mit einem Cliffhanger bei dem ich am liebsten schreien möchte! Hoffentlich müssen wir auf Band 3 nicht wieder zwei Jahre warten! Bitte nicht!
Wenn Cornelia Funke erzählt, dann kann man in ihre Geschichten vollkommen versinken – und bei „Reckless“ ist es, als ginge man selbst durch den Zauberspiegel in eine andere Welt. Dort habe ich Fuchs und Jacob gerne begleitet, und gerade mit Fuchs ist der Autorin meiner Meinung nach ein echt toller Charakter gelungen, denn das Mädchen, das sich in einen Fuchs verwandeln kann, und das in seiner tierischen Gestalt eigentlich immer glücklich war, bis es sich in einen Jungen verliebte, das hat schon was. Und trotz ihrer verletzlichen Seiten ist Fuchs eine richtige Heldin; tapfer, uneigennützig, klug. Ich freue mich darauf, mehr über sie zu lesen.
Die Geschichte des zweiten Bands ist zum Teil in sich abgeschlossen, was ich sehr gut finde, weil ich es überhaupt nicht mag, wenn Band 2 einer Trilogie nur dazu herhält, den kommenden Band vorzubereiten; das Gefühl hatte ich hier nicht. „Reckless – Lebendige Schatten“ ist absolut lesenswert und macht großen Spaß. Es hätte gern noch länger sein dürfen…

E.T.A. Hoffmann: Der goldne Topf

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch ist durch Thore in mein Bücherregal gewandert, es ist aus seinem Buchbestand. Da ich ja auch die Bücher mal von meinem SuB befreien will, die dort schon länger liegen, war es jetzt mal Zeit für dieses Märchen.

Zum Inhalt: Der Student Anselmus ist ein Mensch, dem immer Missgeschicke geschehen. Er stößt etwas um, er verliert seine Börse, er stolpert, er blamiert sich in allen möglichen und unmöglichen Situationen. Als er am Himmelfahrtstag von der Festwiese nach Hause geht, hat er an einem Holunderbaum eine Erscheinung von Serpentina, einer jungen Frau, die ihm als Schlange erscheint. Anselmus bleibt von diesem Ereignis verwirrt zurück.
Wenig später scheint das Glück dann endlich einmal auf der Seite des jungen Studenten zu stehen. Er lernt nicht nur Veronika, die Tochter eines Freundes, kennen, sondern er bekommt auch noch eine Anstellung bei dem Archivaren Lindhorst, wo er fremdartige Dokumente gegen Bezahlung kopieren soll. Diese Arbeit scheint ihm, als er sie das erste Mal ausführen soll, kaum machbar. Doch Serpentina, die Anselmus immer wieder erscheint, kann ihm durch einen Zauber helfen. Veronika hingegen, die es sich in den Kopf gesetzt hat, Anselmus zu heiraten, will ihn aus der Anstellung des Archivaren herausholen, denn dieser ist ihr nicht geheuer (womit sie durchaus richtig liegt, der Archivar ist nicht, was er zu sein scheint). Sie lässt sich dabei auf eine zwielichtige Frau ein, die ihr durch ihre Zauberkräfte helfen will.

Wie mir das Buch gefallen hat: „Der goldne Topf“ ist trotz seiner wenigen Seiten (meine Ausgabe hat 170) nichts, was man „mal eben“ lesen könnte, dadurch ist es sprachlich zu dicht. Hoffmann hat seinem Werk den Untertitel „ein Märchen aus der neuen Zeit“ gegeben und ganz, wie es in einem Märchen auch sein sollte, kämpft hier das Gute gegen das Böse, es gibt fantastische Elemente, den Guten, der belohnt wird für seine Ehrenhaftigkeit und Ehrlichkeit, die böse Hexe, die am Ende bestraft wird, und all das. Man muss sich auf dieses Märchen einlassen, aber dann ist es wirklich schön zu lesen und gerade die Wandlung von Anselmus von einem schüchternen, sehr tollpatschigen Studenten zu einem Mann, der viel weniger unsicher ist und der seinen Weg geht, hat mir sehr gut gefallen.
Das Märchen ist in 12 Vigilien aufgeteilt, und bevor es losgeht, steht immer darüber, was in dieser Vigilie vorkommen wird. Dieses Stilmittel ist auch heute noch manchmal in Romanen zu finden und ich finde es immer schön, weil man schon eine etwas verrätselte Vorstellung von dem bekommt, was in dem Kapitel geschehen wird.

Hermann Hesse: Vogel

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch hab ich von Thore geliehen bekommen, als ich auf der Suche nach etwas war, das ich in der Badewanne lesen konnte. Die Bücher, an denen ich selbst gerade sitze, lagen in meiner Wohnung und waren somit für den Moment unerreichbar. Also musste dieses herhalten. Ein bisschen skeptisch war ich schon am Anfang…

Zum Inhalt: Das Märchen „Vogel“ erzählt von einem Vogel (ja, wirklich), der sich von Zeit zu Zeit in einem Dorf blicken lässt. Wer ihn sieht, dem geht es gleich besser und er fühlt sich, als ob er etwas Wichtiges über sich selbst erfahren hätte.
Eines Tages soll nun aber Jagd auf diesen Vogel gemacht haben, tot oder lebendig – er soll auf jeden Fall ausgeliefert werden.
Fast alle Leute im Dorf machen Jagd auf den Vogel, so auch Schalster, der den Vogel bisher häufiger gesehen hat als alle anderen Dorfbewohner. Als er Vogel tatsächlich noch einmal zu Gesicht bekommt, geschieht etwas, das sein ganzes Leben verändert.

Wie mir das Buch gefallen hat: Wie immer bei Büchern von Hesse hatte ich zunächst Schwierigkeiten, in den Text hereinzukommen. Doch je länger ich das Buch gelesen habe – und bei diesem kurzen Märchen geht das ja relativ schnell – desto besser hat es mir gefallen. Die Geschichte lässt ihre Leser eintauchen in eine ganz besondere Atmosphäre und am Ende wünscht man sich, dass man Vogel auch einmal sehen dürfte…