Jennifer Shaw Wolf: Wo die Liebe tötet

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch gehört zur Buchmessenausbeute, die meine ebenso buchverrückte Freundin und ich dieses Jahr aus Leipzig nach Hause geschleppt haben. Nachdem sie das Buch gelesen hat, war ich jetzt dran. Zum Inhalt: Allie kann sich … Weiterlesen

John Green: Paper Towns

006Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich mir bei Foyle’s an der Southbank gekauft, als ich im Dezember dort war. Weder mit dem Laden noch mit diesem Autor habe ich bisher je falsch gelegen.

Zum Inhalt: In der Schule ist Quentin eher ein Außenseiter. Zusammen mit seinen besten Freunden Ben und Radar verbringt er den größten Teil seiner Freizeit mit Videospielen – und, aber das wissen die Anderen nicht – an Margo zu denken. Margo wohnt nebenan und war, als sie noch klein waren, Quentins beste Freundin. Heute ist Margo das beliebteste Mädchen der Schule, obwohl sie ganz anders ist, als das Klischee es an dieser Stelle wollen würde. Aber unerreichbar ist sie für Quentin trotzdem. Und das kann ganz schön frustrierend sein…
Aber dann steht Margo eines Nachts plötzlich in Quentins Zimmer. Sie ist auf einer geheimen Mission, will sich auf spektakuläre Weise an ihrem Exfreund und ein paar anderen Leuten rächen – und Quentin soll ihr helfen. Es wird eine unvergessliche Nacht, in der Quentin sich mehr als einmal fragt, wie er sich jemals darauf einlassen konnte, so etwas Irres zu machen.
Dennoch – als er in den frühen Morgenstunden nach Hause kommt, freut er sich darauf, dass jetzt in der Schule alles zwischen Margo und ihm anders sein wird. Doch daraus wird nichts, denn Margo kommt nicht in die Schule. Sie ist verschwunden – von zu Hause abgehauen, und ihre Eltern tun sich dabei vor allem selber leid. Quentin hingegen macht sich große Sorgen, Margo könnte sich etwas angetan haben, und er beschließt, dass er sich auf die Suche nach ihr machen muss. Seine Freunde erweisen sich bei diesem unerwarteten Abenteuer als große Hilfe, denn allein könnte Quentin all diese kryptischen Hinweise, die Margo zurückgelassen hat, niemals entschlüsseln. Doch bei allem Spaß, den die Suche macht, bleibt die bange Frage, was am Ende dieser Suche stehen wird. Können sie Margo finden – und lebt sie überhaupt noch?

Wie mir das Buch gefallen hat: John Green kann eine Sache wirklich unfassbar gut, und das ist, Geschichten erzählen, die gleichzeitig urkomisch und irgendwie sehr traurig sind. Manche der Szenen in diesem Roman haben mich beim Lesen laut lachen lassen, andere haben mich fast zu Tränen gerührt. Die Geschichte von Quentins Suche nach Margo ist unheimlich einprägsam und schön erzählt und das Besondere ist, dass dabei ganz deutlich wird, dass auch Quentin selbst an dieser Suche wächst und sich verändert – er lernt etwas über sich selbst, und zwar auf ganz unkonventionelle Weise.
„Paper Towns“ ist nur am Rande eine Liebesgeschichte. Es ist eine Geschichte über den letzten Sommer, bevor man an einer Universität anfängt, wenn man beginnt, sich über seine Zukunft Gedanken zu machen und wenn man merkt, dass die eigenen Erwartungen an das Leben nicht unbedingt das sind, was selbst deine besten Freunde vom Leben erwarten. Die Erkenntnis, die Quentin hier gewinnt, macht beim Lesen nachdenklich und vielleicht auch ein bisschen nostalgisch.
Ich mochte „Paper Towns“ vor allem deswegen, weil es so authentisch daherkommt. Die Charaktere sind zum Teil schon ein wenig überzeichnet, sodass man das ein oder andere Mal wirklich lachen muss (zum Beispiel über die verrückte Sammlung, die Radars Eltern zu Hause haben), aber gleichzeitig wirken sie gerade dadurch irgendwie besonders echt. Und bei der Beschreibung einer der Partys, von denen Quentin seine Freunde abholt, weil diese zu betrunken zum Fahren sind, musste ich doch etwas peinlich berührt an eigene Partys zum Ende meiner Schulzeit hin denken…
Bisher war Stephen Kings „The Body“ („Stand By Me“) immer irgendwie die Geschichte für mich, die mir als erstes eingefallen wäre, wenn ich ein Buch zum Thema Freundschaft hätte nennen müssen. „Paper Towns“ rückt mindestens bis dorthin auf. Ein schöner Roman ohne Knalleffekte, aber mit ganz viel Herz und Humor.

Samira Osman: Das Siegel der Wölfe – Sternensilber

noch07Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch war in der Jugendbuchkiste, die meine Lese“kinder“ und ich im letzten Jahr bekommen haben. Darum wollte ich es ja auch unbedingt mal lesen. Viele der Titel, die wir bekommen haben, waren nämlich super.

Zum Inhalt: Bisher war Wolfies Leben in Thornham, einem englischen Dorf in der Nähe von London,  eigentlich erschreckend langweilig. Da er und seine Mutter große finanzielle Probleme haben und sein Vater vor einigen Jahren spurlos verschwunden ist, haben sie große Schwierigkeiten damit, über die Runden zu kommen, und Wolfie muss seiner Mutter helfen, wo er nur kann. Freunde hat der Junge nicht; in der Schule wird er meistens verspottet.
Doch dann wird plötzlich alles anders: erst taucht der etwas verrückte Professor Remus Forester auf und verhilft dadurch, dass er nicht davon abzubringen ist, bei Wolfie und seiner Mutter zu wohnen, etwas Geld ins Haus. Vor allem aber forscht Mr. Forester auf dem Gebiet der Ley-Linien, irgendwelche Kraftlinien, die direkt durch Thornham verlaufen sollen und denen magische Kräfte zugeschrieben werden. Wolfie ist zunächst recht skeptisch, doch das ändert sich, als er merkt, dass in ihm Kräfte schlummern, von denen er nie etwa geahnt hatte.
Und dann tauchen – wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen – Tala und Zi’ib in Thornham auf. Schnell wird klar, dass die Kinder Einiges gemeinsam haben: Sie sind am selben Tag desselben Jahres geboren, sie haben alle leuchtend grüne Augen, ihre Namen bedeuten – in unterschiedlichen Sprachen – Wolf, und sie alle vermissen ein Elternteil, das auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Doch damit nicht genug: zusammen entdecken die Kinder, dass sie ganz plötzlich nicht nur alle Sprachen der Welt sprechen können, nein, sie stecken auf einmal mitten in einem Abenteuer, das irgendwie mit den Ley-Linien in Verbindung steht, das ihnen aber vielleicht auch ihre Eltern wiederbringen kann. Doch ganz einfach wird es ganz sicher nicht werden, die uralte Prophezeiung, die die Kinder auch nur zum Teil kennen, zu entschlüsseln. Und auch die Sekte Manus Sacra, die die drei Freunde ganz genau im Auge behält, sollten sie besser nicht unterschätzen…

Wie mir das Buch gefallen hat: Anfangs war ich begeistert von diesem Buch. Es hatte alles, was ich brauche, um mit einem Jugendbuch voll und ganz zufrieden zu sein: interessant gezeichnete Charaktere, bei denen es mir vor allem Tala und Remus Forester total angetan hatten, es spielt in meinem Lieblingsland, es nutzt dann auch noch britische Mythologie für seine Handlung – es schien durch und durch perfekt. Leider konnte das Buch meine anfängliche Begeisterung überhaupt nicht halten. Und wie es dazu kam, das will ich hier mal etwas genauer ergründen.
An den Charakteren lag es nicht. Die Autorin versteht es wirklich, diese darzustellen und jeden ganz einzigartig zu machen; auch Nebencharaktere bekommen Eigenheiten zugeschrieben und werden dadurch schnell sehr gut vorstellbar. Ob das nun die Französischlehrerin ist oder die fiesen Typen in der Schule, die Wolfie immer ärgern, die Figuren sind alle gut durchdacht und bleiben im Gedächtnis. Besonders die drei Kinder sind natürlich absolut liebenswert, aber ich mochte auch Wolfies Mutter und Remus Forester sehr gern. Beide sind etwas spleenig, aber gerade deswegen vielleicht so herzig, um mal ein Wort zu bemühen, das mir nicht so leicht über die Lippen geht.
Was Osman auch gut kann, ist, Orte beschreiben. Gerade Thornham ist sehr gut vorstellbar, die Atmosphäre dort scheint greifbar, für mich absolut gelungen und sehr gut. Hat mich durch und durch überzeugt.
Aber was ist es dann? Nun, es bleibt ja nur noch die Handlung übrig, und die konnte mich eindeutig nicht über die knapp 500 Seiten fesseln. Die Erklärungen zur Mythologie sind anfangs noch interessant, werden dann aber immer langatmiger. Als es dann irgendwann klar wird, dass wir es hier noch mit einem Planeten namens Lupus zu tun bekommen, von dem die Kinder irgendwie abstammen, habe ich mich von dieser Geschichte verabschiedet. Andere Welten? Außerirdische? Och nö. Das brauch ich nun echt nicht. Ja, und da das Ganze in dem Bereich nun eindeutig zu abgefahren für mich wurde, war die Begeisterung schnell verflogen. Schade. Aber ich denke, dass die Handlung des Folgebandes am Ende des ersten auch schon so vorhersehbar ist, dass ich mir diesen dann auch schenken kann.

John Green: An Abundance of Katherines

noch16Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich mir im berühmten Notting Hill Bookshop gekauft. Im September 2013 habe ich diesen endlich mal besucht und natürlich kann man aus einem solchen Laden nicht ohne Buch herauskommen.

Zum Inhalt: Colin ist ein Wunderkind. Er konnte lesen, als andere Kinder noch nicht mal richtig sprechen konnten, er bildet in Windeseile Anagramme aus allen möglichen Wörtern und er versucht gern, sich das Leben durch irgendwelche Formeln zu erklären. Colins Welt ist eine, zu der nur wenige Menschen Zugang haben, was aber dazu führt, dass er in der Schule nur sehr wenige Freunde hat – nur einen einzigen, um genau zu sein. Hassan ist eigentlich so ziemlich das genaue Gegenteil von Colin, nicht nur äußerlich. Eigentlich könnte Hassan zum Beispiel schon aufs College gehen, aber er sitzt lieber zu Hause herum und schaut sich „Judge Judy“ im Fernsehen an. Seine Prioritäten sind einfach nicht immer die, die andere Leute setzen würden.
So wenig Freunde Colin auch hat, mit Mädchen hat er eigentlich keine Probleme. Zumindest, wenn man „keine Probleme haben“ so betrachtet, dass er immer wieder ein Mädchen zur Freundin hat, auf das er steht. Und Colins Typ Mädchen sind Katherines. Aussehen egal, Charakter lernt man eh später kennen – nur Katherine muss sie heißen.
Das Problem ist allerdings, dass diese Katherines nicht bei Colin bleiben. Und als Nummer 19 ihn abserviert, hat Colin das Gefühl, dass es reicht. Er muss mal weg von zu Hause, den Kopf freibekommen und aufhören, Liebeskummer zu haben. Oder, sollte das nicht klappen, Katherine Nummer 19 zeigen, wie es ist, wenn er nicht da ist. Nebenbei könnte man ja auch mal eine Formel aufstellen, mit der man die vermutliche Beziehungsdauer zwischen zwei Menschen berechnen kann. Und weil das alles so verlockend klingt, brechen Hassan und Colin zu einem Road Trip auf, der ganz anders verlaufen wird, als sie das zunächst vermuten. Denn ausgerechnet im winzigen Gutshot, Tennessee endet die Reise – und Colins Leben verändert sich entscheidend, ohne dass er das zunächst merkt.

Wie mir das Buch gefallen hat: „An Abundance of Katherines“ war mein erster Roman von John Green und er hat mir sehr gut gefallen. Ich mag den Erzählstil dieses Autors, der es schafft, dass man sich wirklich in Colin hineinversetzen kann, obwohl Colin natürlich ganz anders ist als Greens durchschnittliche Leser es sein dürften (mich eingeschlossen). Ein paar Mal dachte ich, dass es eigentlich schlimm wäre, dass mir diese Matheformeln und Herleitungen etwas viel würden, aber dann kam die erlösende Fußnote, in der stand, dass man den Roman auch ohne mathematische Kenntnisse lesen und verstehen könne. Glück gehabt! Gerade Colins Berechnungen zu Beziehungen sind aber wirklich sehr charmant, das gebe ich zu. Mathe war noch nie so liebenswert.
Die Fußnoten, die Green immer wieder einsetzt, um seinen Text zu ergänzen oder ins Englische zu übersetzen, wenn Hassan oder Colin gerade mal wieder nicht englisch gesprochen haben, habe ich beim Lesen als schönes erzählerisches Mittel empfunden. Colin spricht diverse Fremdsprachen, Deutsch ist eine davon, weswegen ich durchaus sagen würde, dass es sich lohnt, den Roman im Original zu lesen – es geht sonst definitiv etwas verloren.
Die Handlung ist sehr schön strukturiert, und auch wenn das Ende doch recht vorhersehbar war, hat mir der Weg dorthin sehr gut gefallen. Colins Entwicklung weit weg von seinem Zuhause ist interessant und stellenweise sehr lustig. Nebenbei gibt es häufig recht tiefgründige Teenagergespräche zum Thema Liebe, Freundschaft und Erwachsenwerden. Diese haben mir gut gefallen, weil Greens Charaktere so interessant sind, und weil die Gespräche glaubwürdig wirken, auch wenn sie nun mal von einem Erwachsenen geschrieben wurden. Das ist in Jugendbüchern nicht unbedingt immer so.
„An Abundance of Katherines“ ist ein schönes, unaufdringliches Buch, das auf eine sehr schöne Weise aufzeigt, wie wichtig Freundschaft ist und wie schwer es manchmal sein kann, seinen Platz zu finden. Eine Leseempfehlung.

Andreas Winkelmann: Der Gesang des Blutes

noch21Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ja, ich gebe es zu. Ich bin Andreas Winkelmann ebenso verfallen wie Sebastian Fitzek und Vincent Kliesch. Dass sein Debüt, das 2007 schon mal unter dem Titel „Der Gesang des Scherenschleifers“ (ein besserer Titel) erschienen war, neu aufgelegt wird, hat mich deswegen sehr gefreut!

Zum Inhalt: Als Tom und Kristin das alte Haus in einem kleinen Ort finden, sind sie überglücklich. Das hier ist das Haus, das ihr neues Zuhause werden soll – hier wollen sie leben und alt werden. Zusammen mit ihrer kleinen Tochter Lisa richten sie also alles her und ziehen ein. Kristin liebt das Haus, aber der Keller macht ihr Angst, ohne dass sie genau sagen könnte, woran das liegt.
Nur wenige Wochen nach ihrem Einzug allerdings geschieht das Unfassbare: Tom stirbt, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort ist – er gerät in einen Banküberfall und wird erschossen. Von jetzt auf gleich ist Kristin allein und es scheint ihr vollkommen unmöglich, weiterzuleben. Einzig die Tatsache, dass sie sich um ihre vierjährige Tochter kümmern muss, hält sie noch irgendwie aufrecht. Langsam bekommt sie aber immerhin etwas mehr Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern; und vor allem Hanna, die ältere Dame, die das Lebensmittelgeschäft des Ortes führt, deutet an, dass in Kristins Haus einst Schreckliches geschehen ist. Sie fragt dabei auch explizit nach dem Keller, und Kristins alte Ängste werden wieder geweckt. Sie hat außerdem immer wieder das Gefühl, eine Stimme zu hören, die „Ich bin wieder hier“ singt, oder die den letzten Vers einen alten Reims aufsagt, den die Scherenschleifer früher sangen, um Kunden anzulocken. So real die Stimmen ihr auch erscheinen, Kristin glaubt, dass sie langsam verrückt wird. Der Tod ihres Mannes, die Geschichten um das alte Haus… und auch in ihrem Alltag kommt es immer wieder zu Stresssituationen, weil Kristin mit der Bewältigung der Situation überfordert ist und ständig mit ihrer Mutter streitet, die nach Toms Tod zu ihr gezogen ist.
Die Situation wird immer unheimlicher; und Kristin ahnt nicht, dass sie darüber hinaus auch bald schon einer ganz realen Bedrohung gegenüberstehen wird, denn der Banküberfall, bei dem ihr Mann umgekommen ist, hat auch das Leben von Robert Stolz auf den Kopf gestellt, dessen Bruder an dem Überfall beteiligt war. Robert bewegt sich plötzlich in kriminellen Kreisen und sieht sich einer Situation gegenüber, der er kaum gewachsen zu sein scheint. Für ihn geht es um Leben und Tod…

Wie mir das Buch gefallen hat: „Der Gesang des Blutes“ ist ein guter Thriller, auch wenn es von Andreas Winkelmann deutlich bessere und spannendere Bücher gibt. Wahrscheinlich bin ich auch deswegen nur so streng zu diesem Thriller, weil ich an Winkelmann so hohe Ansprüche habe. Deswegen: ein gutes Buch, aber mit Einschränkungen.
Zunächst dies: das übersinnliche Element, das hier eingebaut worden ist, die Geschichte um Kristins Haus, ihre Träume, in denen die Vergangenheit ihr manchmal visionenhaft erscheint, das fand ich gut gemacht und schlüssig konstruiert. Überhaupt waren alle Kapitel, die in dem Haus spielten, sehr lesenswert. Hat mir gut gefallen und mich überzeugt. Kristin fand ich als Protagonistin glaubwürdig und ihre Angstzustände werden gut dargestellt. Dieser Handlungsstrang war wirklich gelungen und richtig spannend, und zum Teil gab es so viele neue Puzzleteilchen, dass ich unbedingt weiterlesen wollte.
Ein interessanter Zusatz sind hier die Kapitel, in denen einige der älteren Dorfbewohner über das Haus sprechen und sich beraten, inwiefern sie Kristin einweihen sollen in das, was sie wissen. Hier bekommt man als Leser zwar immer nur Andeutungen geliefert, aber gerade das hat den Reiz ausgemacht. Immer wieder fragte ich mich: Hat Winkelmann eine Spukgeschichte geschrieben? Wird er das vermeintlich (?) Übersinnliche am Ende auflösen? Die Ungewissheit, in der der Leser gelassen wird, ist ein absoluter Pluspunkt.
Leider gibt es aber noch einen zweiten Handlungsstrang, von dem mir lange Zeit nicht klar war, was er in diesem Thriller zu suchen hatte. Ich fand ihn recht nichtssagend und außer der Tatsache, dass er ziemlich brutal ist, hat er für mich nicht viel zu bieten gehabt. Die Figuren waren in dem Fall auch irgendwie zu klischeebelastet und Roberts Rolle wird im Verlauf dieses Thrillers meiner Meinung nach immer unglaubwürdiger. Als die zwei Handlungsstränge schließlich ineinandergreifen, geschieht das für meinen Geschmack auch zu wenig überzeugend und ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, der ganz große Clou müsse da jetzt mal kommen – passiert aber nicht. Schade, da werden Chancen verschenkt.
Wie gesagt, „Der Gesang des Blutes“ ist durchaus ein guter Thriller, aber von Winkelmann gibt es eindeutig noch bessere. Betrachten wir die Tatsache, dass wir es hier mit seinem Debüt zu tun haben: ich hätte auch, wenn ich das Buch 2007 zum ersten Mal gelesen hätte, gespannt darauf gewartet, was wir von Winkelmann noch zu lesen bekommen würden!

Gillian Flynn: Sharp Objects

noch44Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ich war fünf Tage lang in Chepstow, da dachte ich, es wäre dann doch mal an der Zeit, mir in dem kleinen und sehr niedlichen Buchladen ein Buch auszusuchen. So klein – und doch eine sehr gute Auswahl. Ich habe mich dann letzten Endes für dieses Buch entschieden, weil ich fand, dass es superspannend klang.

Zum Inhalt: Jahrelang hat Camille es eigentlich vermieden, zu ihrer Familie in das kleine Städtchen Wind Gap zu fahren. Bei ihrer Mutter hat sie sich nie richtig wohlgefühlt, das Verhältnis der beiden ist mehr als unterkühlt. Doch bei der kleinen Zeitung, für die sie arbeitet, ist man auf der Suche nach der großen Geschichte, die dem Blatt den Erfolg bringen wird, und deswegen soll Camille über die Ermordung eines Mädchens in der Kleinstadt berichten – zumal jetzt auch noch ein zweites Kind verschwunden ist.
Kaum ist Camille in Wind Gap angekommen, da muss sie miterleben, dass die Leiche des zweiten Mädchens gefunden wird. Wie bei dem ersten Kind auch sind keine Spuren sexueller Gewalt zu finden, aber beiden Kindern wurden alle Zähne gezogen – warum? Wer tut sowas?
Camilles Chef hatte gehofft, dass eine Einheimische aus Wind Gap an besonders gute Informationen kommen könnte, und dass Camille mit Insiderinformationen auftrumpfen kann – aber das ist nicht so einfach, denn Camilles Mutter, deren Einfluss in der Kleinstadt so groß wie immer ist, macht deutlich, dass sie Camilles Versuche, eine Story zu schreiben, unangemessen findet. Adora gibt sich entsetzt darüber, dass sie nicht verstehen kann, dass ausgerechnet Camille in die Privatsphäre der Einwohner Wind Gaps eindringt, um für einen Artikel zu recherchieren – denn Camille und Adora haben vor zwanzig Jahren selbst erfahren, wie es ist, wenn ein so junges Familienmitglied stirbt. Adora hat den Tod ihrer damals achtjährigen Tochter Marian jedenfalls noch nicht verwunden, und sie setzt alles daran, ihre dritte Tochter, Amma, die Camille kaum kennt, wie ein kleines Mädchen zu behandeln, obwohl Amma bereits dreizehn ist und außerhalb der Familie, in der sie sich wie ein Kindergartenkind benimmt, als Tyrannin in ihrer Schule gilt.
Wenn in einer Kleinstadt alle schweigen, kann ein solcher Fall nicht gelöst werden – weder von dem Polizeibeamten aus Kansas City, der extra für den Fall nach Wind Gap geschickt wurde, noch von Camille, die von ihrer Kindheit immer noch so stark traumatisiert ist, dass es für sie eigentlich gefährlich ist, nach Hause zurückzukommen…

Wie mir das Buch gefallen hat: Die Geschichte ist – gut. Bedrückend, beklemmend, dramatisch, beängstigend – und gut. Mir hat es sehr gut gefallen, wie Gillian Flynn hier einen Thriller und eine Familientragödie ein einem erzählt. Gut durchdacht, gut konstruiert und sehr gut umgesetzt. Sie hat es geschafft, mich mit diesem Thriller zu unterhalten und mich betroffen zu machen.
Dabei ist die Geschichte um die Ermordung der beiden Mädchen nur einer der Handlungsstränge, die einen beim Lesen gefangen nehmen. Gerade die Atmosphäre in Camilles Familie wird sehr gut eingefangen und ziemlich spannend dargestellt. Die unterkühlte Beziehung zwischen Mutter und Tochter und die wirklich beängstigend ungesunde Beziehung zwischen Adora und ihrer jüngsten Tochter Amma werden richtig lebendig und beim Lesen hätte ich manchmal am liebsten entweder weggeschaut oder Adora geschüttelt. Sie ist eine beängstigende Persönlichkeit, und wie sie sich und ihre Trauer um die vor zwanzig Jahren verstorbene Tochter in den Vordergrund stellt, ist erschreckend.
Es gibt in dem gesamten Roman keine einzige Figur, bei der man sagen könnte, dass sie ein totaler Sympathieträger oder auch nur irgendwie vollkommen normal wäre. Am ehesten kommen dafür wohl noch Camilles Chef und seine Frau in Frage, aber von denen erfährt man wenig. Alle Figuren, die im Zentrum der Handlung stehen, sind mehr oder weniger gestört, und das macht den Thriller so gut und ungewöhnlich – hier gibt es keine einzige Figur, die so wäre, wie man das in einem anderen Roman schon mal erlebt hätte.
Dieser Thriller lebt einerseits von diesen Figuren, andererseits von der Atmosphäre in Wind Gap, die gleichzeitig geprägt ist von der Sommerhitze, in der die Handlung spielt, und von der Unterkühlung, die sich quasi zwischen allen Figuren zeigt – auf eine wirklich herzliche und gesunde Beziehung zwischen zwei Charakteren wartet und hofft man vergebens.
Kurz gesagt: das Buch ist nichts für schwache Nerven, denn gerade zwischenmenschlich muss man beim Lesen einiges aushalten. Wer aber gern auch mal einen ungewöhnlichen Thriller liest, ist mit diesem Buch meiner Meinung nach gut beraten.

Jojo Moyes: Ein ganzes halbes Jahr

noch63Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich mir als Leseexemplar ausgesucht. Ich hatte das Buch bereits in England ein paar Mal in der Hand und nicht gekauft und als ich dann hier überall die Werbung dafür gesehen habe, konnte ich nicht mehr widerstehen.

Zum Inhalt: Als das „Buttered Bun“ schließt, in dem Lou als Kellnerin gearbeitet hat, braucht sie dringend einen neuen Job. Bei ihrer Familie sieht es finanziell alles Andere als rosig aus, und Lous Gehalt wird dringend benötigt, auch wenn ihre Eltern das nie so direkt zugeben würden. Also macht Lou sich auf zum Arbeitsamt – doch das Gespräch dort ist ziemlich ernüchternd, vor allem natürlich, weil Lou keine richtige Qualifikation hat. Sie hat die Kleinstadt, in der sie mit ihren Eltern lebt, kaum je verlassen, und ihr sehr extravaganter und individueller Kleidungsstil ist das einzige, das sie auffällig macht, sie von Anderen unterscheidet. Das nützt ihr bei der Jobsuche natürlich nicht gerade viel – doch dann kommt plötzlich ein Angebot herein, das vielleicht eine Chance ist: Es geht um die Betreuung eines Mannes, der an den Rollstuhl gefesselt ist, und Lou beschließt, sich dort zu bewerben.
Tatsächlich bekommt sie den Job und wird nun dafür bezahlt, ihre Zeit mit Will Traynor zu verbringen, einem Mann Mitte dreißig, der unheimlich gut aussieht und ein erfolgreicher und aktiver Mann war, bis er diesen Unfall hatte, der dafür sorgt, dass Will außer seinem Kopf eigentlich nichts mehr wirklich bewegen kann. Er kann nicht allein zur Toilette, nicht allein essen, er ist immer auf die Hilfe Anderer angewiesen.
Wenn Lou zunächst gedacht hatte, dass es nicht so schwierig sein würde, Zeit mit Will zu verbringen, wird sie schnell eines Besseren belehrt. Will Traynor hadert mit seinem Schicksal und ist extrem unfreundlich zu ihr. Es dauert eine ganze Weile, bis die beiden unterschiedlichen Charaktere sich näher kommen und beginnen, einander zu mögen. Eigentlich, auch wenn Lou sich das nicht eingestehen will, gibt es überhaupt niemanden, mit dem sie so gern zusammen ist wie mit Will. Doch dann erfährt sie etwas, das ihr wahnsinnige Angst macht und ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt: Will hat seiner Familie mitgeteilt, dass er dem Leben nur noch ein halbes Jahr eine Chance geben möchte. Dann möchte er sterben, weil er seinen Zustand nicht ertragen kann. Seine Eltern setzen nun alle Hoffnungen in Lou – kann sie es schaffen, Will zu zeigen, dass das Leben doch einen Sinn hat?

Wie mir das Buch gefallen hat: „Lies das Buch!“, kommandierte eine Freundin, nachdem sie es gelesen hatte, und das machte ich auch. Ich glaube, „Ein ganzes halbes Jahr“ ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe, und das, obwohl sie manchmal ganz schön kitschig ist, obwohl sie so anders ist als andere Romane dieser Art. „Boy meets girl“, dann gibt es am Anfang erst wenig Sympathie, aus der dann Liebe wird. Okay, so weit, so gut. Als hätten wir es nicht schon in tausend anderen Romanen so gelesen und erlebt. Aber Will und Lou sind trotzdem anders. Manchmal sind sie ein bisschen doll „My Fair Lady“, wenn Will wieder versucht, Lou ihre Möglichkeiten aufzuzeigen, aber trotzdem mochte ich beide von Anfang an.
Gerade mit Will ist Jojo Moyes eine tolle Figur gelungen. Will ist willensstark und lustig, sarkastisch, intelligent und manchmal auch sehr feinfühlig; er ist der perfekte Held für einen solchen Roman. Nur dass er sich eben überhaupt nicht bewegen kann und dass er keine normale Beziehung mit Lou fühlen kann – und da hilft ihm auch all sein Geld nichts. Manchmal tat mir Will sehr leid, aber vor allem deswegen, weil er so unglücklich war.
Ungewöhnlich schwer ist das Grundthema dieses Romans für dieses Genre. Will möchte in einer Schweizer Klinik sterben; dort ist es Patienten wie ihm möglich, selbstbestimmt in den Tod zu gehen, im Kreis ihrer Familie. Ist das in Ordnung? Ist es richtig, dass Menschen so die Möglichkeit bekommen, aus dem Leben zu treten, weil sie nicht mehr weiterkönnen? Ist der Tod wirklich ein akzeptabler Ausweg aus der Situation? Beim Lesen kommt man nicht umhin, sich diese Fragen zu stellen, und man kommt nicht drumherum, sich über das Thema ganz generell ein paar Gedanken zu machen. Was würde man selbst wollen, wenn man in Wills Situation wäre? Und den gesamten Roman über hält man Lou die Daumen, dass sie es schafft, Will umzustimmen.
Die Autorin geht sehr sensibel mit diesem Thema um und erzählt gerade dadurch eine wirklich ungewöhnliche, sehr schöne Liebesgeschichte, die mir unter die Haut gegangen ist – und das nicht erst am Schluss. Ich bin selbst erstaunt darüber, dass der Roman ab der zweiten Hälfte dann plötzlich ein Buch wurde, das ich absolut nicht mehr aus der Hand legen konnte. Hoffentlich gerät dieses Buch nie in die Fänge eines Hollywoodproduzenten. Ich denke nämlich, dass man aus dem Stoff auch eine unglaublich pathetische Liebesgeschichte machen könnte – und ich fürchte, man würde dort das Ende ändern. Zu dem möchte ich natürlich hier nichts sagen, aber es passt einfach, bei allem, was man sich selbst auch gedacht haben mochte beim Lesen…