Sally Nicholls: Keiner kommt davon

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Das Buch habe ich mir letzte Woche aus der Bücherei ausgeliehen. Ich sage gleich dazu, dass ich es mir jetzt auch kaufen werde. Ich liebe es. Ich muss es haben. („My preciousssss…“) Zum Inhalt: … Weiterlesen

Timur Vermes: Er ist wieder da

noch124Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Von diesem Buch habe ich ein Leseexemplar bekommen. Schon irgendwie befremdlich, das Cover – und der Klappentext schien auch so… aber na gut, die Neugier siegte schließlich doch.

Zum Inhalt: Es ist Sommer 2011, als Adolf Hitler plötzlich auf einer Wiese in Berlin aufwacht. Er hat natürlich keine Ahnung, dass es nicht mehr 1945 ist und so kommt ihm erstmal alles etwas merkwürdig vor. Verunsichert und doch mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein macht er sich auf, um Menschen zu finden, die ihn nach Hause bringen können – und findet sich in einer ihm völlig fremden Welt wieder. Hier nimmt ihn keiner als den wahr, der er eigentlich ist, und sein Beharren darauf, dass er „der Führer“ sei, löst bei den Mensche eher Heiterkeit aus. Man hält ihn für „den Stromberg von Switch“ und für einen begnadeten Komiker und Satiriker – und Hitler merkt, dass hier eine ganze Menge Arbeit auf ihn zukommt, damit ihn das Volk wieder als den anerkennt, der er eigentlich ist.
Ausgerechnet die neuen Medien – Fernsehen und Internet – machen aus Hitler schnell einen Star. Seine Auftritte in einer Comedy-Show werden zwar zum Teil sehr kritisch betrachtet, insgesamt aber ist das Publikum von der vermeintlichen Kopie Hitlers begeistert und seine Aussagen über die Gesellschaft treffen für viele Menschen genau den Nerv der Zeit. Auf YouTube erhält Hitler rasch Millionen von Klicks und als die BILD-Zeitung auf ihn aufmerksam wird, ist seine Bekanntheit endgültig gesichert. Dass der ehemalige Diktator aber keinesfalls Gesellschaftskritik auf satirischem Niveau betreibt, sondern dass er hofft, dass seine politischen Ziele letztlich doch noch durchgesetzt werden können, scheint niemand zu merken…

Wie mir das Buch gefallen hat: Es ist extrem schwierig, etwas zu dem Buch zu schreiben. Timur Vernes ist in jedem Fall ein total mutiger Roman gelungen, der einen während des Lesens schon manchmal sprachlos macht und der mich danach etwas ratlos zurückgelassen hat.
Erstmal ist da der Ich-Erzähler Hitler, der das Lesen so schwierig macht. Normalerweise identifiziert man sich als Leser mehr oder weniger mit dem Ich-Erzähler, weil man sich so in sein Denken einfühlt, in seine Gefühlswelt hineindenkt und so weiter. Will man das bei Hitler? Keinesfalls, und doch passiert das unwillkürlich und sorgt bei mir für gemischte Gefühle.
Sprachlich meint man schnell, Hitler in dem Roman wiederzuerkennen. Vermes übernimmt Formulierungen, die man aus Hitlerreden und Propaganda der damaligen Zeit kennt. Das ist erschreckend, gleichzeitig aber natürlich auch irgendwie stimmig.
Der Roman ist mehr als Satire, er geht deutlich weiter. Vermes entwirft ein Szenario, das in seiner hypothetischen Art durchaus irgendwie glaubwürdig ist. Hitlers Verhalten wird als „Method Acting“ verstanden, er wird als Comedy-Star gefeiert, als einer, der das ausspricht, was in der Gesellschaft falsch läuft. All seine Grenzüberschreitungen werden als satirisch und komisch gefeiert, er selbst als einer, der sich was traut, keine Tabus kennt. Hinter allem, das zeigt Vermes deutlich, steht eine Gefahr: Hitler wird zum Star, wird umjubelt und gefeiert, bekommt letztlich seine eigene Fernsehsendung und politische Parteien reißen sich um ihn. Könnte einer wie er auch heute Erfolg haben? Ist unser „es darf nie wieder passieren“ schneller gesagt als gedacht – wenn wir durch die Medien so leicht zu manipulieren sind?
Das Buch ist mir unheimlich. Bei allem, was es satirisch und komödiantisch leistet, ist es auch durchaus gesellschaftskritisch und mahnend, und durch die drastische Art, wie es erzählt wird, durchaus auch dazu geeignet, seinen Lesern Gänsehautmomente zu verpassen. Man kann diesem Buch mit guten Gewissen viele Leserinnen und Leser wünschen – aber nur wache, die auch bereit sind, sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen…

Maja Nielsen: Vampire! Die wahre Geschichte von Graf Dracula

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch war auch in der Jugendbuchkiste von Stiftung Lesen. Es ist ein Jugendsachbuch aus einer Reihe, offensichtlich. Gerade das Thema Vampire ist aber für mich und meine Leserinnen und Leser schon sehr interessant.

Inhalt und meine Meinung: Vampirgeschichten boomen. Auch wenn Vampire heute eher wunderschöne Romanhelden sind, die das Ideal der unsterblichen Liebe verkörpern und deren einziger Makel eigentlich der ist, dass sie Blut trinken, sind Vampire früherer Zeiten wahre Schreckensgestalten gewesen. Davon zeugen nicht nur zahlreiche Vampirfilme, sondern vor allem auch die Mutter aller Vampirgeschichten: Bram Stokers „Dracula“.
In diesem Buch erzählt Maja Nielsen, wer Bram Stoker überhaupt war, wie er auf die Idee zu „Dracula“ kam, wie er an dem Roman arbeitete und wie zu seiner Zeit mit dem Glauben an Vampire aussah. Neben den Texten gibt es auch einige interessante Illustrationen, die zum Teil den Text unterstreichen, zum Teil Fotos oder Standbilder aus Filmen oder Abbildungen historischer Dokumente rund um Vampire und Stokers Recherchen. Das ist ganz interessant und auch ein erwachsener Leser kann hier noch Neues erfahren.
Bevor Nielsen auf den Roman eingeht, stellt sie jedoch erst einmal die historische Person vor, die später zu „Graf Dracula“ wurde. Dabei ist die Sprache wirklich der Zielgruppe angepasst, aber nicht anspruchslos, und die Grausamkeit von Vlad Tepes wird einerseits recht schonungslos, andererseits aber nicht übertrieben dargestellt. Die Kapitel vermitteln recht eindrucksvoll, warum dieser Mann das Vorbild für die heute so berühmte Vampirfigur wurde.
Auch andere Vampirgeschichten aus vergangenen und heutigen Tagen werden kurz erwähnt, an vielen Stellen gibt es hier nur kurze Informationen, die dazu einladen, in einem anderen Buch weiterzulesen und sich genauer zu informieren. An manchen Stellen hätte ich gern mehr Details gehabt, aber ich weiß, dass gerade die männlichen Leser, die ich in dem Zielgruppenalter kenne, gerade das Kurze und den knappen und informativen Stil Nielsens mögen werden.
Gut sind in dem Zusammenhang auch die Infoboxen, die sich auf den meisten Seiten finden. Hier werden historische Persönlichkeiten vorgestellt, Fakten zusammengefasst und Hintergründe erklärt. Gerade diese Infoboxen fand ich sehr hilfreich und sinnvoll, wenn man sich über das ein oder andere Thema noch genauer informieren will.
Im Anhang des Buches findet man eine Chronik zum Thema und ein paar Buch- und Internettipps zum Weiterlesen. Diese sind gut ausgesucht und auch hier ist mit Blick auf die Zielgruppe gearbeitet worden.
Ein gutes Sachbuch für Kinder und Jugendliche, das Text und Bild ansprechend verbindet und interessante Informationen zum Thema beinhaltet!

T.C. Boyle: World’s End

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ich brauchte mal wieder eine Leserunde mit einem meiner Lieblingsleserundenleser und der schlug dieses Buch vor. Irgendwie konnte ich mal wieder nicht widerstehen und somit ist hier der Grund zu sehen, warum ich die Challenge zum SuB-Abbau letzten Monat mal wieder nicht bestanden habe.

Zum Inhalt: Es ist sein Geburtstag – eine Nacht mit einer wilden Feier mit Leuten, mit denen er eigentlich nicht zusammen sein sollte, mit Alkohol und Drogen. Als Walter Van Brunt die Party verlässt und auf seinem Motorrad viel zu schnell unterwegsist, hat er einen Unfall, kracht in eine Gedenktafel und muss ins Krankenhaus – einer seiner Füße muss amputiert werden.
Walter beginnt nachzudenken, er will mehr aus seinem Leben machen, macht seiner Freundin einen Heiratsantrag und beschließt außerdem, dass er endlich mehr über seinen Vater, Truman Van Brunt,  erfahren möchte, der ihn verlassen hat, als er noch ein kleiner Junge war. Hesh und Lola, einst Freunde seines Vaters, sind auf ihn gar nicht gut zu sprechen und verurteilen ihn; doch Walter spricht auch mit Depeyster Van Wart, dem unbeliebten, aber reichsten Mann der Gegend, der angeblich mit seinem Vater zu tun gehabt haben soll. Van Wart hat über Truman Anderes zu berichten als Hesh und Lola – Grund genug für Walter, der sich selbst als Außenseiter sieht, weiter nach seinem Vater zu suchen.
Dass die Van Brunts, die Van Warts und andere alteingesessene Familien der kleinen Gemeinde Peterskill schon seit dem siebzehnten Jahrhundert miteinander zu tun haben, und dass einige Familien lange Zeit schon Rechnungen miteinander offen haben, das weiß Walter zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber seinen Wurzeln und seiner eigenen Familiengeschichte kann man nicht entkommen, denn, wie jemand im Roman ihm später sagen wuird: „Es steckt im Blut, es steckt in den Knochen…“

Wie mir das Buch gefallen hat: „World’s End“ ist mein erster Roman von T.C. Boyle und ich muss ehrlich gestehen, alleine hätte ich mich da gerade am Anfang nur schwr durchgebissen. Meine Ausgabe hat am Anfang ein Personenverzeichnis, und obwohl ich immer versuche, ohne auszukommen, wenn Romane so etwas haben – hier ging es nicht. Bis ich mich eingefunden hatte in die vielen verschiedenen Figuren in den verschiedenen Zeitebenen (die Handlung im 20. Jahrhundert wird parallel zu der im 17. Jahrhundert erzählt), hat es schon eine Weile gedauert, und für mich war es deswegen gut, dass ich diesen Roman nicht allein gelesen habe.
Aber es lohnt sich, dranzubleiben, man kann es nicht anders sagen. Denn Boyle hat eine Art zu erzählen, die ziemlich mitreißend ist, so düster und pessimistisch auch das ist, was seine Figuren erleben müssen. Schnell wird klar, einfache Lösungen gibt es hier nicht, Glück ist nie von langer Dauer und Beziehungen zwischen Menschen sind immer kompliziert. Der eigenen Familiengeschichte zu entkommen, nicht die Fehler zu wiederholen, die schon die Generationen vor einem gemacht haben, alte Antipathien abzulegen, das ist ebenfalls nicht einfach und kaum einer der Figuren in diesem Roman gelingt es.
Es ist toll zu sehen, wie sich immer mehr Zusammenhänge auftun, wie der Roman aufgebaut ist, und wie Boyle gerade dann, wenn man denkt, man wüsste, was er mit seinen Lesern vorhat, genau etwas Anderes geschehen lässt. Das hat mir beim Lesen sehr gut gefallen. Bis zum Ende hin (das ich richtig gut fand) hatte ich keine Ahnung und auch keine Idee, wie dieser Roman überhaupt enden könnte.
Die Figuren sind schwer zu beschreiben – sie sind interessant, aber es gab niemanden, den ich so wirklich mochte. Mit einigen hatte ich Mitleid, andere mochte ich zeitweise beim Lesen, aber bis auf Tom Crane, der mich eigentlich nicht enttäuscht hat, waren viele der Figuren einfach nicht so, dass man sie hätte mögen können, und das Schlimme daran ist, dass das oft daran lag, dass sie sich sehr menschlich verhalten haben. Helden gibt es hier nicht, jeder verfolgt seine Interessen, jeder versucht mal, etwas zu verheimlichen oder zu vertuschen,
Ein Roman, auf den man sich wirklich einlassen muss, aber es lohnt sich auf jeden Fall!

Thomas Thiemeyer: Chroniken der Weltensucher – Der Palast des Poseidon

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich Thore geschenkt, nachdem er vom ersten Band so begeistert war. Bei mir stand das Buch dann doch etwas länger ungelesen herum… obwohl auch ich den ersten Band der Reihe toll fand. Es gibt einfach so viele großartige Bücher.

Zum Inhalt: Das letzte Abenteuer mit Humboldt ist für den ehemaligen Straßenjungen Oskar noch gar nicht so lange her, da macht der Forscher ihm ein neues Angebot: dieses Mal soll die Forschungsreise nicht in den Regenwald gehen, sondern in die Tiefen des Meeres. Immer wieder sind vor der Küste Griechenlands Schiffe spurlos verschwunden – und Gerüchte um ein Seeungeheuer machen sich breit. Viele Wissenschaftler belächeln diese Geschichten, aber Carl-Friedrich von Humboldt nimmt diese Berichte natürlich durchaus ernst und er macht sich zusammen mit Eliza, Charlotte, Oskar und dem Kiwi Wilma auf den Weg nach Griechenland. Nachdem sie sich dort einige Informationen über die Region und über die Ereignisse mit den Schiffen beschafft haben, geht die Reise ins Ungewisse auch schon los – ganz nach Humboldts Geschmack also, denn der Abenteurer freut sich bereits auf Ruhm und Ehre, die ihm zuteil werden könnten, wenn er das Rätsel um das Seeungeheuer löst. Auch für Oskar ist die Reise ein einmaliges Erlebnis, und der Junge, der so gern die Romane von Jules Verne liest, ist begeistert – ihm machen eher Charlotte und ihre neue Freundin Océanne zu schaffen, denn Mädchen sind ihm irgendwie immer noch ein Rätsel. Aber bald schon wird die Reise richtig gefährlich – und das nicht nur, weil jemand einen Assassinen auf Humboldt und sein Team angesetzt hat…

Wie mir das Buch gefallen hat: „Der Palast des Poseidon“ ist eine wirklich sehr gut erzählte Geschichte und der zweite Band hat mir noch besser gefallen als der erste. Zunächst ist es so, dass ich es sehr gut finde, wie Thiemeyer seine Reihe fortsetzt. Zwischenmenschlich führt er das weiter, was wir aus Band 1 schon über Humboldt und seine Gefährten wissen, aber die Geschichte des zweiten Bandes ist in sich abgeschlossen und das finde ich sehr schön, da man sonst so oft mit Cliffhangern sitzengelassen wird.
Thomas Thiemeyer hat nicht einfach irgendeine Jugendbuchreihe aus dem Boden gestampft, die „Chroniken der Weltensucher“ sind toll durchdacht. Der Autor versetzt seine Geschichte gekonnt in die Vergangenheit und schafft dann eine spannende Mischung aus Abenteuergeschichte, Fantasy und Historischem. Anspielungen und Einbindungen historischer Persönlichkeiten und literarischer Texte runden das Ganze für mich ab – man merkt beim Lesen: in diesem Roman steckt Arbeit, und trotzdem liest er sich nicht überkonstruiert oder sperrig; das ist für mich ein absolutes Plus.
Auch sehr schön: zwischen Charlotte und Oskar gibt es seit Beginn der Reihe vorsichtige Anbandelungen, die aber nie mehr werden. Schon sehr erfrischend, dass mal nicht eine Liebesgeschichte im Vordergrund steht, sondern wirklich das Abenteuer an sich.
Und auch sprachlich kann sich dieser Roman sehen lassen: Thiemeyer bedient sich einer recht schnörkellosen Sprache und schafft es doch, die Erlebnisse der Weltensucher sehr anschaulich zu beschreiben und das Kopfkino mit Bildern zu füttern.
So darf es weitergehen – ich freue mich, dass der Folgeband schon in meinem Regal steht!

William Shakespeare: King Henry V.

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Mein Shakespeare-SuB neigt sich dem Ende zu. Dies ist das vorletzte der Shakespeare-Dramen, die ich vor einer gefühlten Ewigkeit von meinem Vater mitgebracht bekommen habe.

Zum Inhalt: Eigentlich möchte King Henry sich mit einem Gesetz beschäftigen, bei dem er die Kirche um einiges von ihrem Vermögen bringen könnte, und genau das möchten die Geistlichen rund um ihren König gerne vermeiden. So macht der Erzbischof von Canterbury Henry darauf aufmerksam, dass dieser eigentlich auch Frankreich regieren könnte, da seine Urgroßmutter die Tochter eines französischen Königs war. Nur aufgrund der Tatsache, dass die Franzosen in der Thronfolge ihre weiblichen Nachkommen nicht berücksichtigen, verwehrt man ihm Frankreichs Thron – eine Tatsache, die dazu führt, dass Henry tatsächlich Interesse daran bekommt, das feindliche Frankreich zu regieren.
Wenig überraschend reagiert Frankreich auf Henrys Wunsch, der König dieses Landes zu werden, höhnisch, und daraufhin beschließt der junge König, mit einem kleinen Teil seines Heeres nach Frankreich zu ziehen, um das Land zu erobern. Er kann nur wenige Soldaten mitnehmen, da Henry befürchtet, die Schotten würden England überfallen, wenn es ohne seine Armee dastünde. Doch trotzdem schlagen sich die englischen Soldaten in Frankreich gut, nicht zuletzt, weil King Henry ein sehr guter und volksnaher Regent ist, der sehr gerecht und volksnah handelt und der es versteht, seine Männer zu motivieren. Doch nicht nur militärisch ist King Henry erfolgreich – er findet in Frankreich auch Katharine, die Tochter des französischen Königs, in die er sich verliebt.

Wie mir das Buch gefallen hat: Shakespeares Historiendramen waren bislang eher an mir vorbeigegangen und „King Henry V.“ war somit Neuland für mich. Das Drama lässt sich sicherlich toll inszenieren, zum Lesen war es aber nicht sehr gut geeignet, denn es ist zwar recht kurz, es treten aber sehr viele Figuren auf und es gibt zahlreiche Zwischenhandlungen, die von der Zeit der Soldaten in Frankreich erzählen und von dem Verhalten des Königs, wenn es darauf ankommt, Urteile zu fällen oder gerecht mit seinen Untertanen umzugehen. Es fehlt ein bisschen der rote Faden in der Handlung, was wohl damit zu erklären ist, dass es Shakespeare hier um die Darstellung des Königs geht und nicht unbedingt in erster Linie darum, eine Geschichte zu erzählen.
King Henry ist ein König, der bei seinen Untertanen sehr beliebt ist; er ist klug und freundlich, gerecht und besonnen, gleichzeitig mutig und militärisch gewandt. Er verkörpert eindeutig ein Adelsideal und zieht sicherlich nicht nur innerhalb des Dramas sondern auch beim Publikum viel Bewunderung auf sich. Es wird deutlich, dass Henry erst durch den Tod seines Vaters und durch sein neues Amt zu einem solch guten Menschen wurde, ein Mann, der sich seiner Verantwortung durch und durch bewusst ist.
Und so ist es dann auch sehr stimmig, dass es dieser Regent ist, der am Ende dann Frankreich und England auch noch versöhnt, indem er die französische Prinzessin Katharine heiratet. Das moralisch überlegene England geht als ein Land hervor, in dem man gern Bürger sein möchte.
Mein Exkurs in Shakespeares Historiendramen hat mich gelehrt, dass mir seine Komödien und Tragödien, die keine geschichtlichen Themen aufgreifen, doch mehr liegen, aber auch „King Henry V.“ ist ein Drama, das ich gern mal auf einer großen Bühne sehen würde.

Christine Wirth: Fairlight

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ich habe von Christine Wirth schon „Das Bildnis des Grafen“ und „Vom Ernst des Lebens“ gelesen und beide Bücher haben mir sehr gut gefallen. Da lag es nahe, dass ich mir auch ihren dritten Roman zulege, der aber zeitlich vor den beiden anderen entstand.

Zum Inhalt: Der erste Weltkrieg ist noch nicht allzu lange vorbei, als die drei Mediziner John Raeburn, Edward Vaughan und Morgan Thorpe auf dem Weg zu einem Medizinerkongress plötzlich Probleme mit ihrem Wagen haben und die Reise unterbrechen müssen. Während sie noch dabei sind, sich zu fragen, was sie tun sollen, machen sie Bekanntschaft mit Francis Fairlight, der die Männer einläd, ihn zu seinem Zuhause, dem beeindruckenden, aber auch sehr düsteren Fairlight-Anwesen zu begleiten, wo sie bleiben können, bis sie ihr Reiseproblem gelöst haben.
Eigentlich steht den Ärzten also nur ein kurzer Aufenthalt auf Fairlight bevor und angesichts der Tatsache, dass die schroffen Fairlightbrüder, auf die sie dort neben Francis noch treffen, sie nicht eben überschwänglich willkommen heißen, ist ihnen das auch nur recht. Doch schnell wird das Interesse der Mediziner an dem geweckt, was hinter den Mauern dieses düsteren Hauses vor sich geht. Denn neben Francis Fairlight, einem zuweil schroffen aber dann auch wieder sehr besorgten Mann, leben hier noch der dandyhafte Bruder Frederick, der gewissenhafte Clayton, der sich aber genau wie der Vater der Brüder zu Anfang nicht in Fairlight aufhält, und der jüngste – Eugene, genannt Florey, der von seinen Brüdern nahezu angebetet wird und der oftmals geistig verwirrt zu sein scheint. Das Verhältnis der jüngeren drei Brüder untereinander ist ebenfalls vollkommen undurchsichtig, mal scheint es voller Verachtung, sogar Angst zu sein, dann wieder scheinen die drei eher wie Liebhaber denn wie Brüder.
Vor allem Dr. Raeburn lassen die Verhältnisse auf Fairlight keine Ruhe, denn er hat plötzlich das untrügliche Gefühl, Francis und Florey vor langer Zeit unter ganz anderen Umständen schon einmal begegnet zu sein – aber ist das möglich? Raeburns Versuche, dem auf den Grund zu gehen, scheitern auch an der Fassade, die Francis aufrecht zu erhalten versucht, denn dieser fürchtet mehr als alles Andere um das Leben und Wohlbefinden des kleinen Florey, der aber wiederum immer stärkere Züge einer psychischen Störung zeigt…

Wie mir das Buch gefallen hat: Christine Wirth hat eine Art zu erzählen, die mir gut gefällt. Sie versteht es, Stimmungen zu verdeutlichen und Atmosphären entstehen zu lassen – trotz des anders versprechenden Namens wird zum Beispiel ganz schnell klar, dass „Fairlight“ ein Ort ist, der in starkem Kontrast zu dem steht, was der Name verspricht. Überhaupt gibt sich die Autorin sprachlich viel Mühe, ihren Erzählstil der Zeit anzupassen, in der der Roman spielt. Ich denke, dass ein Lektor an der ein oder anderen Stelle noch ein paar Formulierungen etwas ändern würde, aber das ist nun mal bei jedem Autor so und kein Schwachpunkt des Romans, der mir wirklich auch sprachlich gut gefallen hat.
Die Charaktere des Romans fand ich gelungen, weil sie sehr glaubwürdig wirken und zum Teil wirklich schwer durchschaubar sind. Bei Florey, der von nahezu allen Figuren des Romans auf irgendeine Weise eine Anziehungskraft ausübt, ging es mir so, dass ich ständig meine Meinung über ihn änderte – insgesamt blieb er aber am schwersten greifbar für mich und zum Teil war er mir richtig unheimlich. Am liebsten mochte ich Dr. Raeburn, den freundlichen und zuverlässigen Arzt, der aber auch nicht perfekt ist und bei dem man merkt, dass er den Tod seiner Frau noch nicht verwunden hat.
Die Geschichte ist zum Teil wirklich schon harter Tobak, und das sollte man sicherlich wissen, bevor man „Fairlight“ liest. Das Verhältnis der Brüder zueinander ist zum Teil schon befremdlich, da sie, wie schon erwähnt, manchmal wie Liebende wirken und miteinander umgehen, dann aber auch wieder schonungslos und fast grausam zueinander sind. Es dauert wirklich bis ganz zum Schluss, bis man sich wirklich einen Reim auf all das machen kann, auch wenn es natürlich zwischendrin immer wieder Andeutungen gibt.
Das Ende möchte ich natürlich nicht verraten, aber auch wenn es im Epilog irgendwie wieder versöhnlich wird, war ich über eine Auflösung wirklich entsetzt und sie hat bei mir auch dazu geführt, dass ich das Verhalten einer der Figuren gar nicht mehr verstehen konnte und sie im Nachhinein auch nicht mehr sympathisch finde, auch wenn ich in manchen Bereichen Mitleid mit ihr habe.
Mein Fazit: ein ungewöhnlicher historischer Roman, der hinter die Fassade einer Adelsfamilie blickt und Entsetzliches enthüllt. Auf jeden Fall ein Buch, das ich lesenswert finde und bei dem ich bis zum Schluss an der Auflösung herumgerätselt habe.

Ariana Franklin: Die Teufelshaube

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Den ersten Band habe ich letztes Jahr gelesen, nun sollte in einer Leserunde mit zwei meiner liebsten Büchertreffmädels der zweite Band bezwungen werden, und deswegen musste das Buch angeschafft und gelesen werden. 🙂

Zum Inhalt: Es ist ein bitterkalter Winter, als England durch die Nachricht erschüttert wird, dass die sagenumwobene Rosamund, die Geliebte des Königs Henry II. gestorben ist. Und die Umstände ihres Todes sind mehr als mysteriös – die Frau hat giftige Pilze zu essen bekommen und ist an den Wirkungen des Gifts gestorben. Wer hat sie getötet? Und wollte er eigentlich Henry und gar nicht in erster Linie Rosamund treffen? Oder hat die eifersüchtige Königin ihre Finger im Spiel?
Ermitteln kann und soll natürlich nur Eine – Adelia, die Totenleserin, die einst aus Salerno nach England kam, um mysteriöse Morde an Kindern aufzuklären. Diese Frau verfügt über Fähigkeiten und Wissen, das andere in den Schatten stellt und Henry erwartet von ihr, dass sie der Aufgabe ohne Weiteres nachkommt. Und natürlich sperrt Adelia sich den Wünschen des Königs nicht – immerhin werden sie ihr von Rowley überbracht, ihrem einstigen Geliebten, mit dem sie inzwischen ein gemeinsames Kind hat – und der das Amt des Bischofs angenommen hat und damit eigentlich unerreichbar für sie ist. Eigentlich zumindest…
Am Tatort macht Adelia nicht nur einige interessante Entdeckungen hinsichtlich des Todes der Geliebten des Königs, sie lernt auch deren offenbar wahnsinnige Haushälterin kennen. Dakers liebte und liebt Rosamund so abgöttisch, dass sie deren Tod kaum wahrhaben will – und dass jemand ihrer Herrin zu nahe kommt, will sie auch nicht…
Doch Adelia wird schnell merken, dass es noch weit gefährlichere Menschen im Zusammenhang mit diesem Mord gibt. Und bei einem einzigen Mord bleibt es auch gar nicht… die Ärztin muss schnell handeln, um Schlimmeres zu verhindern und um sich selbst und das Leben ihres Kindes zu schützen.

Wie mir das Buch gefallen hat: Den ersten Band um die Totenleserin fand ich ja noch ganz okay, aber dieser Band hat mich jetzt nun wirklich gar nicht vom Hocker gerissen. Die Handlung ist mittelmäßig spannend – der Anfang hat mir ganz gut gefallen, aber am Ende wollte ich dann nur noch einfach mit diesem Buch abschließen und es fertig gelesen haben. Der Mord an Rosamund und alle anfänglichen Ermittlungen in dem Schloss, in dem der König sie untergebracht hatte, sind jedoch, das muss ich zugeben, doch ganz spannend. Sobald Adelia aber im Kloster Godstow Unterschlupf gefunden hat und dort weiterermittelt, wurde es immer langatmiger…
Die Charaktere dieses Romans… nun ja. Die alte Gyltha und den Araber Mansur, der sich immer als Arzt ausgeben muss, damit Adelia in Ruhe ermitteln kann, finde ich noch ganz originell und sympathisch, aber Adelia selbst zum Beispiel ist eine Figur, mit der ich mich weder identifizieren kann beim Lesen, noch finde ich sie besonders sympathisch. Sie ist für meinen Geschmack zu klischeehaft unabhängig und intelligent, wunderschön ohne es zu wissen, stolz, all das. Sie ist jedem überlegen. Das gefällt mir absolut nicht an ihr.
Natürlich wird in vielen historischen Romanen darauf eingegangen, dass Frauen zu dieser Zeit eine untergeordnete Rolle in der Gesellschaft hatten und natürlich sehe ich es so, dass man das mittelalterliche Frauenbild durchaus kritisch sehen muss, aber man muss es mir als Leserin nicht auf jeder dritten Seite wieder sagen, um sicherzustellen, dass ich das auch verstehe. Mir war’s ein bisschen zu viel. Und gerade weiß ich nicht, ob ich den dritten Band noch lesen werde.

Sabine Weiß: Die Buchdruckerin

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich bei vorablesen „historead“ gewonnen. Historische Romane lese ich ganz gerne und dann noch einer über den Buchdruck… das kann man sich doch nicht entgehen lassen!

 Zum Inhalt: Die Geschichte um die Druckerin Margarethe Prüß beginnt um 1520 in Straßburg. Hier wächst das Mädchen quasi mit dem Beruf der Druckerin auf, denn ihrem Vater gehört eine Druckerei und das wissenshungrige Mädchen interessiert sich von klein auf für die Abläufe und Vorgänge beim Drucken eines Buches. Margarethe darf sogar für ihren Vater Korrektur lesen, und so sorgt er dafür, dass seine Tochter nach seinem Tod die Hälfte der Druckerei zugesprochen bekommt. Dieser Schritt macht ihren Bruder sehr wütend, und Margarethe muss feststellen, dass es nicht einfach ist, als Frau in diesem Beruf Fuß zu fassen.
Doch mit Hilfe ihres ersten Ehemanns Reinhard Beck gelingt ihr dies dann doch, und die beiden führen die Druckerei erfolgreich gemeinsam. Dabei begeben sie sich aber öfter in Gefahr, denn es ist die Zeit der Reformation und Martin Luthers Thesen verbreiten sich in rasender Geschwindigkeit – natürlich gerade auch wegen des Buchdrucks. Plötzlich wollen alle Menschen die Texte über den Glauben selbst lesen und sich selbst ein Bild machen – einfach nur zu hören, was der Klerus zu sagen hat, das gilt nun nichts mehr.
Es ist eine gute Zeit für die Drucker – und eine gefährliche, denn viele Schriften, die nun von allen möglichen Reformatoren und Predigern verfasst werden, gelten als ketzerisch und gefährlich. Nur im Verborgenen können sie gedruckt und verbreitet werden – und dies ist ein wirklich gefährliches Unterfangen.
In dieser aufregenden, aber auch schwierigen Zeit, wird Margarethe erwachsen, sie muss ihre immer größer werdende Familie versorgen, schwere Schicksalsschläge überwinden und mehrfach ihre Meinung über Menschen, die sie zu kennen glaubte, revidieren. Aber Margarethe ist eine starke Frau, die sich immer wieder aufrappelt und die ihren Weg weitergeht und sich für das einsetzt, an das sie glaubt.

 Wie mir das Buch gefallen hat: Trotz des klischeehaften „Die + Berufsbezeichnung“-Titels, der ja so vielen historischen Romanen anhaftet, verbirgt sich hinter diesem Titel kein einfach gestrickter historischer Roman, bei dem die Geschichte eigentlich nur Kulisse für die Liebesgeschichte der Protagonistin ist. Im Gegenteil: „Die Buchdruckerin“ ist ein Roman, dem man schnell anmerkt, dass die Autorin weiß, wovon sie schreibt. Sabine Weiß versteht es, die historischen Fakten interessant und spannend in ihren Roman zu integrieren und gerade das, was man über den Buchdruck erfährt, fand ich sehr spannend und es hat mir wirklich sehr gut gefallen.
Im Nachwort habe ich dann festgestellt, dass es neben vielen der Reformatoren, die ihren Auftritt in diesem Roman haben, tatsächlich auch Margarethe Prüß und ihre Familie wirklich gab. Auch wenn über deren Leben nicht viele Informationen erhalten sind, finde ich es großartig, dass der Protagonistin dieses Romans eine „echte Person“ zugrunde liegt, der so ein tolles Denkmal gesetzt wurde.
Die Handlung des Romans ist spannend und gut erzählt, sodass man damit viele schöne Lesestunden verbringen kann. Ein toller historischer Roman, der auf jeden Fall lesenswert ist!

Anne C. Voorhoeve: Liverpool Street

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Erspäht habe ich das Buch zum ersten Mal bei Schmorl und von Seefeld in Hannover. Gekauft habe ich es mir jetzt von dem Thalia-Gutschein, den mir mein Kurs zum Abschied geschenkt hat.

Zum Inhalt: Ziska ist elf Jahre alt, als sich ihr Leben für immer verändert. Hatte sie eigentlich immer gedacht, dass sie und ihre Familie evangelisch werden, muss sie plötzlich feststellen, dass man sie zu einer Jüdin macht, weil die Vorfahren ihrer Mutter jüdisch waren. Sie darf nicht mehr am Religionsunterricht teilnehmen, bald muss sie die Schule wechseln und Richard, der einst in sie verliebt war, schlägt Ziska nun grün und blau, wenn er sie zu fassen bekommt. Nur noch Bekka ist Ziskas Freundin und eines Tages wird klar, dass die Freundschaft der Mädchen auf eine harte Probe gestellt werden wird, denn ihre Familien wollen Deutschland verlassen und die Zukunft ist ungewiss.
Letzten Endes ist es nur Ziska, die aus Deutschland entkommen kann. Mit einem Kindertransport bringt man sie nach England, wo Ziska nur ein Ziel hat: sie muss Arbeit für ihre Eltern finden, denn wenn diese Aussicht auf einen Job haben, können sie auch nach England kommen.
Doch so einfach ist das nicht. Und während Ziska in England bei ihrer jüdisch-orthodoxen Pflegefamilie nun ein ganz neues Leben beginnt, geht auch das Leben der Eltern in Deutschland weiter. Ziskas Vater, der in Sachsenhausen inhaftiert ist, wird schwer krank, die Mutter ist verzweifelt, auch wenn es immerhin tröstlich ist zu wissen, dass es Ziska gut geht.
Und eigentlich geht es Ziska gut. Ihre Pflegefamilie ist liebevoll, sie darf zur Schule gehen, findet Freunde und kommt zurecht. Doch immer wieder, wenn sie merkt, dass sie froh ist, überkommt sie das schlechte Gewissen. Hat sie ein Anrecht auf Glück, während ihre Eltern so viel erleiden müssen?
Und dann kommt der Krieg. Und wieder bricht für Ziska eine Welt zusammen und sie muss sich neu zurechtfinden.
Der Roman begleitet Ziska von 1939 bis nach dem Krieg und beschreibt das Aufwachsen des Mädchens vor und im Zweiten Weltkrieg.

Wie mir das Buch gefallen hat: Trotz der mehr als 500 Seiten habe ich das Buch heute in eins durchgelesen. Es ist ein großartiger Roman, der Ziskas Geschichte ohne Pathos erzählt, der ohne Klischees auskommt und ohne gewollt dramatische Momente. Gerade das macht „Liverpool Street“ glaubhaft und irgendwie zu etwas besonderem.
Was mir besonders gut gefallen hat, ist die Darstellung der Charaktere. Wie gesagt, sie sind keine Stereotype und es gibt niemanden, der durch und durch gut oder böse wäre. Das ist für mich besonders gelungen und sorgt dafür, dass man sich selbst ein Bild von den Figuren machen kann, ohne dass der Autor einem aufzwingt, wen man mögen muss.
Großartig und auf ganz einfache Art beeindruckend.