345 Tage buchkauffrei – Traue niemandem, auch nicht dir selbst! (Buch 39) 

  Gillian Flynn hat etwas Neues veröffentlicht, und das hat mich natürlich sofort angefixt, denn ihre ersten drei Romane habe ich alle gelesen und fand sie wirklich gut. Als ich also von „The Grownup“ hörte, setzte bei mir der Muss-Ich-Haben-Reflex ein, … Weiterlesen

Urs Widmer: Liebesbrief für Mary

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich von einer meiner Lieblingskolleginnen geschenkt bekommen. Urs Widmer ist einer ihrer Lieblingsautoren, und für mich war „Liebesbrief für Mary“ mein erster Widmer. Inhalt und meine Meinung: „Liebesbrief für Mary“ ist ein … Weiterlesen

Bernhard Schlink: Sommerlügen

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich über einen Kollegen meines Mannes geschenkt bekommen, dessen Frau eine Buchhandlung hat. Das ist jetzt zwei Jahre her, aber die Tatsache, dass es sich hier nicht um einen Roman, sondern um Erzählungen handelt, hat mich etwas abgeschreckt. Nun war dieses Buch aber „fällig“.

Inhalt und meine Meinung: Ich lese Bernhard Schlink eigentlich ganz gerne, denn ich mag seine Art des Erzählens eigentlich sehr. Doch nun ist sein Erzählstil auch so ziemlich das Einzige, das mich dieses Buch hat durchhalten lassen. Ich bin letztlich doch etwas enttäuscht.
„Sommerlügen“ enthält sieben Erzählungen, die alle von Menschen handeln, die mit sich und ihrem Leben unzufrieden sind, die Ängste vor der Zukunft haben und mit ihrer Vergangenheit aus verschiedensten Gründen nicht im Reinen sind. Wir treffen auf Protagonisten und Ich-Erzähler, die das Gefühl haben, am Wendepunkt ihres Lebens zu stehen, nun endlich eine wegweisende Entscheidung zu treffen und so weiter. Aber was interessant klingt, blieb für mich seltsam fremd. Vielleicht deswegen, weil es keine einzige Geschichte gibt, die mich glücklich, mit einem guten Gefühl für den Protagonisten oder Ähnlichem zurückließ. Am Ende habe ich eigentlich jede dieser Figuren als gescheitert empfunden und gedacht, dass es denkbar schrecklich ist, wenn man sein eigenes Leben so sieht wie diese Figuren.
Die Beziehungen, die wir hier präsentiert bekommen, sind geprägt von Unverständnis und zum Teil eben – wie der Titel der Sammlung schon sagt – voller Lügen. Mir war das einfach zu viel, obwohl ich die Erzählungen nicht hintereinander weggelesen habe.
Außerdem fehlte mir eine Nähe zu den Protagonisten. Sicherlich kann man bei Erzählungen von etwa 40 Seiten nicht erwarten, wie in einem Roman eine Figur zu finden, die man durch und durch kennenlernt und mit der man sich identifiziert. Doch hier blieben alle Figuren auf Distanz, blieben alle seltsam fremd und ich konnte sie einfach kaum verstehen.
Am meisten gefallen hat mir von allen sieben Erzählungen „Das Haus im Wald“, vielleicht deswegen, weil der Protagonist psychisch auch wirklich nicht normal ist und man deswegen als Leser auch gar nicht schaffen kann, sich voll und ganz mit ihm zu identifizieren. Ich fand diese Erzählung vom Aufbau her interessant und die Handlung ganz spannend. Auch „Der letzte Sommer“ ließ sich ganz gut lesen, war recht traurig, aber die einzige Geschichte, die vielleicht ein halbwegs gutes Ende finden kann. Hier fand ich die Auseinandersetzung des Protagonisten mit dem eigenen Leben interessant und sein Verhalten zumindest teilweise nachvollziehbar.
Hingegen war ich schon bei der ersten Erzählung („Nachsaison“) irritiert vom Verhalten aller beteiligten Figuren, und „Der Fremde in der Nacht“ war irgendwie zu weit hergeholt für mich. Es fällt mir schwer, das genau in Worte zu fassen, aber bei dieser Erzählung kam es mir so vor, als habe Schlink versucht, sich eine möglichst spektakuläre Geschichte für diesen Band auszudenken.
Ich halte Bernhard Schlink für einen wirklich tollen Autor, aber „Sommerlügen“ ist trotz zweier recht guter Erzählungen für mich doch eher ein „Sommerflop“.

Siegfried Lenz: Landesbühne

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Da ich nicht sagen kann, wie dieses Buch in mein Bücherregal gekommen ist und da Siegfried Lenz der Lieblingsautor meines Mannes ist, würde ich gerade mal davon ausgehen, dass er das Buch geschenkt bekommen hat. Jedenfalls wanderte es so automatisch auch auf meinen SuB.

Zum Inhalt: Clemens ist eigentlich Professor für Literaturwissenschaften. Das Problem ist nur, dass es die hübschen Studentinnen bei ihm immer besonders leicht hatten, ihren Abschluss zu bekommen – und nun sitzt er im Gefängnis, wo er sich eine Zelle mit Hannes teilt, der als falscher Verkehrspolizist durch das Kassieren fiktiver Bußgelder seinen Lebensunterhalt verdiente, bis er erwischt und verurteilt wurde. Nun sitzen die beiden in Isenbüttel ein, und Hannes zeigt seinem neuen Freund, den er nur den „Professor“ nennt, dass man sich mit der Situation nicht einfach abfinden muss. Zweimal bereits ist er dem Gefängnis entwischt – gut, zweimal hat man ihn auch wieder geschnappt. Aber dieses Mal, dieses Mal soll alles klappen – und als die Landesbühne im Gefängnis Isenbüttel eine Aufführung macht, türmen Hannes, Clemens und einige weitere Insassen in der Pause mit dem Bus des Theaterensembles. Die Freiheit ist zum Greifen nah!
Und alles scheint so einfach. Im kleinen Örtchen Grünau machen die Männer Station und wollen eigentlich direkt weiter, doch ihre neuen Identitäten als Schauspieler bieten ihnen hier plötzlich ganz neue Möglichkeiten, und vor allem Akzeptanz und Interesse, denn hier weiß zunächst niemand, dass es sich bei den freundlichen Männern um Sträflinge handelt. Doch unauffällig ist dieses neue Leben nun wirklich nicht und es ist fraglich, ob die Männer in Freiheit bleiben werden…

Wie mir das Buch gefallen hat: Dass Siegfried Lenz einfach ein begnadeter Autor ist, der unheimlich toll erzählen kann, muss man eigentlich nicht dazu schreiben. Die 120 Seiten „Landesbühne“ waren unterhaltsam erzählt und vergingen im Nu. Trotzdem bleibe ich etwas unentschlossen zurück, wenn es darum geht, das Buch zu beurteilen.
Die Idee hinter diesem Buch gefällt mir wirklich – der Drang nach Freiheit, der Wunsch, ganz neu anzufangen, der Übermut, nachdem die Flucht gelungen ist, das Erkennen, dass man nicht einfach so ein neues Leben beginnen kann, nur weil man es möchte – das alles ist wirklich wahr und „manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden“, so wird Lenz im Klappentext meiner Ausgabe zitiert.
Dennoch bleibt bei „Landesbühne“ bei mir ein großes „Aber“ zurück. Andere Romane von Lenz haben mich einfach ganz anders angesprochen, beschäftigt und nachdenklich gemacht, ich habe mit den Figuren gelitten und gehofft und gelacht – aber bei „Landesbühne“ wollte mir das einfach nicht gelingen, keiner der Protagonisten hat mich wirklich erreicht, und gerade Clemens fand ich oftmals einfach irgendwie bedauernswert, sonst nichts. Wie es zugehen soll, dass dieser Mann Studentinnen verführt haben soll, wollte mir beim Lesen nicht in den Kopf, ich habe ihn nicht als besonders charismatisch oder Ähnliches empfunden.
Eigentlich irgendwie schade, aber „Landesbühne“ wird mir von allen Werken dieses Autors vermutlich als das schwächste in Erinnerung bleiben.

Max Frisch: Der Traum des Apothekers von Locarno

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch ist in „mein“ Regal gewandert, als Thore und ich zusammengezogen sind. Ich habe ja bisher von Max Frisch nur „Homo faber“ gelesen (und das war 1998 in der Schule…) und nun musste mal zwischen all den Krimis und Jugendbüchern der letzten Wochen etwas Anspruchvolleres her.

Inhalt und meine Meinung: Dieser Band mit fünf Erzählungen ist nicht besonders lang, aber man muss sich schon ein bisschen Zeit nehmen, um jede einzelne dieser Erzählungen würdigen zu können. Ich muss allerdings auch gestehen, was daran liegen mag, dass ich keine besonders passionierte Leserin von Kurzgeschichten und Erzählungen bin, dass mich nur zwei dieser Erzählungen wirklich berühren konnten, nämlich „Der Goldschmied“ und „Skizze eines Unglücks“. Wie die drei anderen Erzählungen („Der Traum des Apothekers von Locarno“, „Glück“ und „Statik“) auch sind die hauptsächlichen Themen die Liebe und der Tod. Ich mag es durchaus, wenn Erzählungen nachdenklich sind, und wenn Charaktere dargestellt werden, die voller Zweifel und Ängste sind und sich diesen dann stellen – oder auch nicht.
„Der Goldschmied“ erzählt von einem Mann, der 64 Jahre alt ist, und der sich in seinem Leben einfach nicht mehr wohlfühlt. Er ist eigentlich fest dazu entschlossen, sich das Leben zu nehmen, und er sammelt dafür Schlaftabletten und denkt über einen geeigneten Zeitpunkt für seinen Tod nach. Bevor die Verwandtschaft kommt, bevor dies und jenes geschieht. Sogar über die Tageszeit hat er sich schon Gedanken gemacht. Aber irgendwie kommt alles ganz anders…
„Skizze eines Unglücks“ ging mir ziemlich unter die Haut, muss ich sagen. Auch hier geht es um einen Mann, der in seiner Beziehung unglücklich ist. Beruflich ist er erfolgreich, hat etwas zu sagen, seine Meinung ist anerkannt. Seine Freundin weiß alles besser, verbessert ihn, hackt auf ihm rum. In ihrer Gegenwart fühlt er sich unwohl, hat das Gefühl, eher verstummen zu müssen, als dass er etwas sagen wollen würde. Und dann geschieht ein Unfall, der das Leben des Mannes nachhaltig verändern wird…
Ähnlich sind auch die drei anderen Geschichten in diesem Buch. Die Charaktere sind allesamt sehr gefangen in ihrer Situation und nicht in der Lage, sich zu befreien. Sie schaffen es einfach nicht, sich gegen ihr Umfeld – meistens ihre Frauen – aufzulehnen und ihren eigenen Weg zu gehen. Obwohl sie es beruflich zu etwas gebracht haben und gesellschaftlich anerkannt sind, ist ihr Privatleben ganz anders und genau dort sind sie vollkommen gescheitert. Die Frauen in diesen Erzählungen sind keine richtigen Partnerinnen, sie sind irgendwie übermächtig, in ihrer herablassenden Art irgendwie sogar bedrohlich und unangenehm. Das ist interessant, aber im Prinzip ist das Ganze immer dasselbe Thema in fünf Variationen und deswegen würde ich bei einem zweiten Lesen dieser Erzählungen größere zeitliche Abstände zwischen den Texten lassen und vielleicht finde ich dann auch einen Zugang zu den drei anderen Erzählungen.
Was mir an Frischs Erzählstil gefällt, ist das Schnörkellose. Er hält sich nicht mit langen Beschreibungen auf, sondern er konfrontiert seine Leserinnen und Leser direkt mit dem Gefühlsleben seiner Protagonisten und führt sie in deren emotionale Abgründe hinein. Das geschieht schon ziemlich unverblümt und schonungslos und hat mir deswegen auch ganz gut gefallen.
Keine leichte Kost – thematisch und sprachlich nicht, aber durchaus interessant und auch lesenswert. Erhältlich ist dieser Band anscheinend nicht mehr, sodass interessierte Leserinnen und Leser sich da wohl mal im Antiquariat oder bei gebrauchten Büchern mal umsehen müssen.