Benjamin von Stuckrad-Barre: Deutsches Theater

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ein weiteres Beispiel in der Kategorie: Mann zog aus, Buch blieb da. „Deutsches Theater“ wollte ich schon lange mal lesen und es entspricht voll und ganz meinem derzeitigen Beuteschema. Inhalt und meine Meinung: Dieses Buch … Weiterlesen

Virginia Woolf: Mrs. Dalloway

noch20Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ich habe den Roman während des Studiums bereits auf Deutsch gelesen, aber dann dachte ich, es wäre eigentlich gut, ihn auch mal im Original zu lesen. Also kaufte ich ihn – und las ihn jetzt, ungefähr zehn Jahre später…

Zum Inhalt: Es ist ein warmer Morgen im Juni, als Clarissa Dalloway sich mit den Vorbereitungen zu der Party beschäftigt, die sie am Abend geben wird, und plötzlich unterbrochen wird, weil ihr alter Freund Peter Walsh unverhofft vor ihr steht (Clarissa Dalloway hätte ihre Post besser gründlicher gelesen, sie hätte von dem Besuch gewusst). Dies trägt nur weiter dazu bei, dass Clarissa sich in Gedanken an die Vergangenheit verliert. Heute ist sie 52 Jahre alt, verheiratet, hat eine fast erwachsene Tochter. Ihr Leben ist ganz anders, als es hätte sein können, wenn sie damals Peter Walsh geheiratet hätte, doch Clarissa gab ihm einen Korb und Peter wanderte daraufhin nach Indien aus, heiratete und führte eine unglückliche Ehe. Er scheint Clarissa Dalloway nie vergessen zu haben, und immer noch denkt auch er an den Sommer zurück, in dem sich die Weichen für seine und ihre Zukunft stellten. Nicht ganz unbeteiligt ist daran auch Sally Seton, die damals eng mit Clarissa und Peter befreundet war. Sie half Peter während der Zeit seines Liebeskummers – und sie und Clarissa waren einander so eng verbunden, dass es sogar zu einem Kuss zwischen den beiden Frauen kam; an diesen Moment denkt Clarissa am Tag ihrer Party auch wieder zurück. Sie muss feststellen, wie sehr sich das Leben verändert hat, wie sich manche Menschen nie verändern und andere dafür sehr.
In dem Roman gibt Virginia Woolf ihren Lesern tiefe Einblicke in die Gedankenwelt Clarissa Dalloways und ihrer Freunde und Angehörigen. Im Kontrast dazu steht dann noch der kurze Handlungsstrang um Septimus Warren Smith, für den das Leben ganz andere Sorgen bereithält als für Londons „high society“. Der Krieg hat tiefe Spuren bei Warren Smith hinterlassen und seine Frau steht hilflos daneben, während er mehr und mehr in seiner eigenen Welt versinkt, die er sich durch die schlimmen Erfahrungen im Krieg und den Verlust seines besten Freundes aufgebaut hat.

Wie mir das Buch gefallen hat: „Mrs Dalloway“ ist ein Roman, der mir wirklich gut gefallen hat. Er ist anders als viele andere Romane, weil es hier vergleichsweise wenig Handlung gibt, dafür aber tiefe Einblicke in die Gedanken der Charaktere, die Woolf hier entwirft. Es dauerte ein bisschen, bis ich mich richtig eingelesen hatte, denn Gedanken sind eben oftmals auch etwas sprunghaft, und Woolf verlässt schnell auch mal die Perspektive einer Figur und wechselt zu einer anderen – da muss man dranbleiben. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, und wenn man sich an den wirklich einzigartigen Erzählstil gewöhnt hat, hat man einen Roman vor sich, der damit spielt, wie Menschen über sich selbst und über ihre Mitmenschen denken, wie sie ihre Handlungen begründen und hinterfragen und wie sie sich zum Teil auch immer wieder die Frage stellen, was geschehen wäre, wenn sie an der ein oder anderen Stelle anders entschieden hätten. Es hat mir gut gefallen, diese Gedanken zu verfolgen; ich fand, dass Virginia Woolf sehr glaubhafte Charaktere geschaffen hat. Gerade Clarissa Dalloway, auf ihre Art durchaus etwas spröde und immer darauf bedacht, wie sie auf andere Menschen wirken könnte, kann durchaus auf eine ereignisreiche Jugend zurückschauen – und was aus der im jungen Alter so „wilden“ Sally Seton geworden ist, ist ebenfalls interessant.
Gleichzeitig lohnt sich der Roman auch deswegen, weil er einen Einblick in die Gesellschaft seiner Entstehungszeit gibt. Das britische Empire ist Thema, man erfährt, wie London wahrgenommen wird, und dann ist da natürlich noch der Krieg, der zumindest bei Septimus Warren Smith tiefe Wunden hinterlassen hat. Ohne diese Figur hätte ich beim Lesen vielleicht gar nicht daran gedacht, dass der Roman kurz nach Ende des Krieges spielt. Denn während Clarissa und ihresgleichen allerhöchstens feststellen, dass die Läden in der Bond Street sich etwas verändert haben, ist Warren Smith so stark traumatisiert, dass er sich in der Realität immer weniger zurechtfindet. Mit ihm hat Woolf eine Figur geschaffen, die ich wirklich gern mochte, mit der man mitleiden muss und für die Partys, gesellschaftliche Verpflichtungen und die neueste Mode keine Rolle spielen. Es ist überzeugend, dass Clarissa Dalloway und Septimus Warren Smith nicht aufeinandertreffen und nur dadurch verbunden sind, dass Warren Smiths Arzt abends zu Clarissas Party geht, denn so wird deutlich, wie sehr die Gesellschaft auseinanderklafft.
„Mrs. Dalloway“ hat mir sehr gut gefallen. Ein Klassiker, den ich weiterempfehlen möchte.

Ich lese… „The Expedition of Humphry Clinker“ (Teil 4)

clinker04Nachdem in meinem gestrigen Leseabschnitt von „Humphry Clinker“ ja tatsächlich so gut wie nichts passiert war, habe ich beschlossen, heute dann aber doch direkt weiterzulesen, um nicht Gefahr zu laufen, dass das Buch irgendwann nur zur Hälfte gelesen wieder ins Regal wandert.
Herr Smollett belohnte mich damit, dass heute ganz viel passiert ist. Ich bin erleichtert.

Nachdem im letzten Abschnitt eigentlich nur verschiedene gesellschaftliche Anekdoten zum Tragen kamen und wir feststellen durften, wie Bramble und seine Familie London finden, sind wir nun dabei, wie Tabitha wieder zu alter Form zurückfindet und auch Humphry Clinker taucht tatsächlich wieder auf.
Beginnen wir auch gleich mit ihm. Humphry Clinker verdient sich große Bewunderung der Damen der Familie, und zwar dieses Mal nicht, weil er mit nacktem Oberkörper zu sehen ist, sondern weil er so fromm ist und sich dazu überreden lässt, bei einer Versammlung von Methodisten zu predigen. Lydia und vor allem aber natürlich Tabitha sind vollkommen hingerissen und eher peinlich berührt, als Jeremy und sein Onkel durch Zufall in diese Situation hereinplatzen und Clinkers Predigt sofort abbrechen. Dem ist das Ganze auch sehr unangenehm, denn Clinker ist eine gute Seele und war nicht auf die Idee gekommen, sein Verhalten könnte irgendwie anmaßend sein.
Tatsächlich wird Clinker dann wenig später kurzzeitig zu Unrecht verhaftet, und auch hier zeigt sich seine aufrichtige Frömmigkeit, denn auch wenn er beteuert, den Überfall, der ihm zu Lasten gelegt wird, nicht begangen zu haben, kann er auf die Frage, ob er frei von Schuld sei, nicht mit nein antworten. Vollkommen rein und gut sei er nicht. Bramble wird von so viel Frömmigkeit fast in den Wahnsinn getrieben, aber schließlich bekommen sie Clinker frei.
Clinker ist wirklich ein herzensguter Mensch, und gerade in seiner Naivität besonders liebenswert. Trotzdem ist es für mich beim Lesen so, dass er eine Randerscheinung bleibt und ich nicht verstehe, warum er die Titelfigur des Romans ist. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht mal vorstellen, dass der Autor ihn als Vorbild für alle Menschen darstellen will – denn so guten Herzens Clinker auch ist, er ist nicht gebildet und sehr naiv. Bramble und Jeremy hingegen sind vielleicht nicht solche Gutmenschen, aber sie sind dafür deutlich interessanter und gebildeter. Ich fürchte, ich muss mich nach dem Lesen doch noch ein bisschen mit Herrn Smollett beschäftigen, denn diese Frage treibt mich nun wirklich um.
Besonders erfreut war ich aber, dass Tabitha zu alter Form aufläuft und sich nun direkt zwei Männer ausguckt, die sie heiraten würde. Beim ersten ergibt sich leider das Problem, dass dieser eigentlich Interesse an Lydia hat (die darüber ziemlich entsetzt ist, was sie ihrem Bruder ja bereits gesagt hatte). Als er eine Freundin Tabithas zu ihr schickt, um ihr vorsichtig klarzumachen, dass er nicht vorhat, sie zu heiraten, geraten die beiden Frauen so sehr aneinander, dass Bramble und Jeremy in letzter Sekunde dazwischengehen müssen, bevor es zu Handgreiflichkeiten kommt.
Aber lange bleibt Tabitha nicht unglücklich, sie „verliebt“ sich direkt in einen Schotten, der auch mal wieder schon deutlich älter ist, und der in Gesellschaft immer so tut, als müsse er ständig ein Medikament einnehmen. Jeremy findet aber ziemlich schnell heraus, dass dieses „Medikament“ Rotwein ist… eine wirklich lustig geschriebene Szene, vor allem deswegen, weil Jeremy als Briefschreiber den Akzent des Schotten großartig imitiert – eine Stelle zum laut Vorlesen.
Und natürlich lernen wir auch wieder etwas über die Briten. Man muss Smollett wirklich lassen, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt, und dass er vielleicht gut daran tat so zu tun, als seien die Briefe hier echte Briefe und nicht sein Werk. Heute bekommen die Engländer eins auf den Deckel für ihre vermeintliche Gastfreundschaft:

[…] [O]ld English hospitality. – By the bye, this is a phrase very much used by the English themselves, both in words and writing; but I never heard of it out of the island, except by way of irony and sarcasm. What the hospitality of our forefathers has been I should be glad to see recorded, rather in the memoirs of strangers who have visited our country and were the proper objects and judges of such hospitality, than in the discourse and lucubrations of the modern English, who seem to describe it from theory and conjecture. Certain it is, we are generally looked upon by foreigners as a people totally destitute of this virtue; and I never was in any country abroad, where I did not meet with persons of distinction, who complained about having been inhospitably used in Great Britain. (p. 167)

Die Erfahrung kann ich nicht teilen, ich finde die Briten wirklich sehr gastfreundlich und nett. Dennoch fand ich diese Textstelle einfach zu lustig, als dass ich sie nicht hätte zitieren wollen.
Von Interesse war für mich auch das Baden in Scarborough. Hierhin geht die Reise nun und Jeremy freut sich darauf, im Meer zu schwimmen. Für die Badegäste, die etwas scheu sind (oder Frauen…), gibt es hier eine sehr tolle Erfindung: vor dem Baden geht man in eine Art kleines Holzhäuschen, das keinen Boden hat, dafür aber Räder. In diesem zieht man sich aus (oder um, Frauen baden natürlich nicht nackt!) und dieses Häuschen wird dann ins Wasser gezogen. Dort muss man dann nur noch die Tür aufmachen, kann schwimmen gehen und wenn man fertig ist, lässt man sich wieder an Land ziehen. Diese Erfindung ist auch auf dem Cover meines Buches abgebildet, und bis heute war ich von dem Bild irritiert, weil ich mich gefragt habe, was die Kutsche im Wasser macht und wenn es tatsächlich so sein sollte, dass hier quasi ein „Unfall“ dargestellt werden sollte, warum die Menschen dann so zufrieden aussehen und ob das eigentlich angemessen für einen Roman aus dem 18. Jahrhundert ist. Nun bin ich schlauer.

Die Hälfte des Romans ist nun gelesen. Heute hat mir das Buch zum ersten Mal gar keine Passagen geliefert, die ich langweilig fand. Entweder lag es daran, dass ich einen guten Abschnitt erwischt habe, oder ich bin nun tatsächlich endlich mit dem Erzählen aus dieser Zeit warmgeworden. Mal sehen, wie es weitergeht.

Deborah Scaling Kiley: Albatross

noch36Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Nach dem Abitur verscherbelte meine Schulfreundin Steffi ihre Unterrichtslektüren an mich, so nach dem Motto: „Du willst doch Lehrerin werden, kannst du was davon gebrauchen?“ Ich nahm ein paar der Bücher, darunter auch „Albatross“. Vierzehn Jahre später habe ich es nun endlich mal gelesen.

Zum Inhalt: Deborah ist fürs Wasser geboren. An Land hält die junge Frau es nicht lange aus und immer wieder zieht es sie auf die unterschiedlichsten Schiffe. Sie nimmt an Bootsrennen teil, geht überall an Bord, ist ein Profi, gehört zu so mancher Mannschaft und es macht ihr nichts aus, dass die meisten ihre Liebe zum Wasser nicht verstehen können. Das ist einfach, wie sie ist.
Als sie dann aber auf der „Trashman“ anheuert, ist alles anders als sonst. Zunächst sind sie und der eher faule, launische John die einzige Crew und Debbie ist schnell genervt von Johns Verhalten, bei dem sie sich sicher ist, dass sie so keine Crew finden werden, um ihre Reise wirklich beginnen zu können. Tatsächlich ist es dann auch eher sie selbst, die Mark und Brad, den Bruder einer ihrer Freundinnen, für die „Trashman“ gewinnen kann. John hingegen bringt seine Freundin Meg mit an Bord, die von Schiffen keine Ahnung hat und es eigentlich auch überhaupt nicht einsieht, irgendwelche Aufgaben zu übernehmen.
Die Stimmung an Bord ist angespannt und gereizt. Debbie überlegt, die „Trashman“ zu verlassen und tut es in letzter Sekunde doch nicht. Und dann überschlagen sich die Ereignisse: Meg stürzt und verletzt sich schwer und kurz danach gerät das Schiff in Seenot und sinkt. Die fünf Besatzungsmitglieder können sich auf das Rettungsboot retten, aber natürlich fürchten sie um ihr Leben. In der Hoffnung, dass die Küstenwache bald da sein müsste, vergehen die ersten Stunden, doch bald wird klar, dass trotz ihres Funkspruchs offenbar niemand auf der Suche nach ihnen ist…

Wie mir das Buch gefallen hat: Mit diesem Buch verarbeitet Deborah Scaling Kiley das, was sie an Bord der Trashman und nach deren Schiffbruch erlebt hat. Zusammen mit ihr durchlebt man als Leser die Ereignisse, die sie fast das Leben gekostet hätten. Das Ende des Buches, also die Szenen, in denen man von Scaling Kileys Rettung erfährt, wirken sehr hollywoodesk, aber die Ereignisse waren sicher so, und dass sie der Autorin nach all den Torturen auf hoher See so erschienen, als ob hier wirklich eine höhere Macht Rettung schickte, ist mehr als verständlich.
Das Buch zu lesen, war vom Stil her nicht immer einfach, weil es sehr berichtend formuliert ist und sich eben in dieser Beziehung ganz anders liest als ein Roman aus der Sicht einer Ich-Erzählerin. In einem Roman würde ich mich jetzt beklagen, dass sie Charaktere zum Teil sehr flach dargestellt waren. Beim Lesen war ich erstaunt, wie wenig Positives Scaling Kiley John, Mark und Meg abgewinnen konnte. Sie werden alle sehr einseitig dargestellt, und vor allem Mark und John kommen bei der Geschichte sehr schlecht weg, was mir beim Lesen ehrlich gesagt leid tat, denn wir hören hier ja nur eine Seite der Geschichte – und derzufolge hat Deborah Scaling Kiley nicht nur überlebt, sondern sich eigentlich auch immer richtig verhalten. Das will ich nicht in Frage stellen, aber an manchen Stellen fragt man sich natürlich auch, ob die Erinnerung wirklich so glaubwürdig ist, wenn man etwas so Traumatisches erlebt hat. Gerade die letzten Tage im Rettungsboot müssen unerträglich gewesen sein und ich denke, dass – auch nach den Beschreibungen der Autorin selbst – weder sie noch Brad ganz Herren ihrer Sinne gewesen sein können.
Das Buch ist interessant, stellenweise sehr spannend und mitreißend. Dann wieder fand ich es, auch gerade als Aufarbeitung der Geschichte, manchmal etwas zu wenig emotional. Es ist schwer zu sagen, was man von einem Menschen erwarten kann, der tagelang um sein Leben kämpfen musste; vielleicht ist es schlichtweg nicht möglich, dass man sich so weit öffnet, aber ich muss einfach sagen, ich habe schon bessere autobiographische Bücher gelesen.

Roddy Doyle: Mary, Tansey und die Reise in die Nacht

noch106Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich als Leseexemplar bekommen. Roddy Doyle war mir als Kinderbuchautor nicht bekannt, aber ich dachte, das könnte ganz interessant werden.

Zum Inhalt: Eigentlich ist Mary gerade schlecht drauf, denn ihre beste Freundin weggezogen und außerdem liegt ihre geliebte Oma im Krankenhaus. Oft fährt Mary mit ihrer Mutter hin, um die alte Frau zu besuchen, aber es ist schwer, denn Emer ist immer sehr müde und ihr Zustand verschlechtert sich. Mary – und auch ihre Mutter – fürchten sich auch vor diesen Besuchen, aber sie halten im Gegensatz zum Rest der Familie daran fest und lassen die alte Frau im Krankenhaus nicht allein. Emer erfährt viel Liebe von ihrer Tochter und ihrer Enkelin, auch wenn der Abschied merklich näherrückt.
Und dann trifft Mary diese merkwürdige Frau auf der Straße. Tansey sieht irgendwie altmodisch aus, auch wenn sie gar nicht alt ist. Sogar jünger als ihre eigene Mutter. Es dauert ein Weilchen, bis ihr und auch ihrer Mutter klar wird, dass es sich bei Tansey eigentlich gar nicht um einen Menschen handelt, sondern dass sie der Geist von Emers Mutter ist, die sehr früh verstarb. Jetzt, wo Emers Ende naht, taucht sie auf, um ihrer Tochter den Abschied vom Leben leichter zu machen, und schließlich sind alle vier Frauen der Familie, die kleine Mary eingeschlossen, zu einem großen Abenteuer unterwegs.

Wie mir das Buch gefallen hat: Im Original heißt der Roman „A Greyhound of a Girl“, was den Schwerpunkt auf Emer legt, die als Mädchen immer mit den Windhunden verglichen wurde, die die Familie hielt. Eigentlich ist es auch sie, die im Mittelpunkt des Geschehens steht, auch wenn sie selbst als Figur natürlich wenig agieren kann – anfangs fand ich den englischen Titel merkwürdig, im Nachhinein aber sehr schön und passend. Dass der deutsche Titel den Schwerpunkt auf Mary und Tansey legt, ist verständlich, und auch das passt. Man wünscht sich fast, dass die Übersetzung in irgendeinem Land Marys Mutter Scarlett in den Fokus nimmt, denn auch das wäre möglich und würde passen.
In diesem sehr kurzen Roman macht Roddy Doyle etwas, das wir aus Literatur für Erwachsene längst kennen: er erzählt eine Familiensaga, die deutlich macht, wie stark alle Mitglieder dieser Familie miteinander verbunden sind. Nur dauert es hier nicht 800 Seiten, sondern etwas über 200 – und trotzdem gelingt es ihm, einem die Figuren näherzubringen und der Geschichte Wärme und eine Botschaft zu geben. Und das, obwohl das Buch eines ganz und gar nicht ist: kitschig. Es ist liebevoll erzählt und liest sich sehr schön, aber es wird nicht auf die Tränendrüse gedrückt. Selbst das Ende, das von Anfang an abzusehen ist, ist nicht unendlich traurig, sondern einfach friedlich und passend.
Einziger Minuspunkt: Mary betont ständig, dass das, was sie gerade gesagt hat, nicht vorlaut gemeint war. Ab Seite 180 in etwa haben mich diese Bemerkungen so genervt, dass ich fast dazu übergegangen wäre, sie zu zählen. Dass Mary das immer sagt, ist in einem Gespräch mit ihrer Mutter begründet, trotzdem wurde mir das wirklich zu viel.

Blake Nelson: Paranoid Park

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Noch ein Buch aus der Kiste von Stiftung Lesen. Heute während einer Klausuraufsicht ganz entspannt gelesen. Dafür war es fast ein bisschen zu kurz!

Zum Inhalt: Du bist ein ganz normaler Teenager, der zur Schule geht, eine etwas nervige Freundin hat, der versucht, klarzukommen, obwohl deine Eltern sich gerade trennen, dein Bruder jeden Abend sein Essen wieder auskotzt und dein Vater zu seinem Bruder gezogen ist, weil es so einfach nicht weitergehen kann. Und all das steckst du weg, weil du etwas hast, das dir Spaß macht, das dich antreibt – du bist ein Skater, sogar ein ganz guter. Und deswegen ist es cool, im Paranoid Park abzuhängen, wo bei Nacht obdachlose Jugendliche rumhängen, Skater ihre Tricks probieren, wo es irgendwie unheimlich ist und irgendwie gefährlich.
Und dann… dann kommt der Moment, ab dem der Ich-Erzähler aufhört, ein normaler Jugendlicher zu sein wie alle anderen auch. Und das ist der Abend, an dem er Schramme kennenlernt, einen echt coolen Typen, der im Paranoid Park rumhängt, und der große Abenteuer zu versprechen scheint. Doch eigentlich ist das erste Gespräch mit Schramme auch der Anfang vom Ende – denn bei dem, was der Ich-Erzähler dann erlebt, geschieht etwas Schreckliches: ein Mensch stirbt. Es ist ein Unfall… oder? Es ist ein Moment, der alles verändert. Der aus einem Jugendlichen, der einfach vor sich hin gelebt hat, einen Menschen macht, der Alpträume hat, der immer Angst hat, von der Polizei gefunden zu werden, der sich darüber Gedanken machen muss, ob er den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen wird. Vielleicht wäre es besser, sich zu stellen, nur um dem ganzen Druck zu entkommen. Aber was wäre dann?

Wie mir das Buch gefallen hat: „Paranoid Park“ war für mich ein Überraschungserfolg. Dieses Buch liest sich wirklich total spannend und hat mir in vielerlei Hinsicht sehr gut gefallen. Erstens ist die Form spannend: Der namenlose Ich-Erzähler schreibt an eine nicht näher genannte Person und man muss bis zum Schluss rätseln, wer das ist. Die Sprache passt zu dem Ich-Erzähler; wirkt authentisch und spiegelt das Gefühlschaos des Teenagers sehr gut wider. Man fühlt sich angesprochen und mitgenommen in die Geschichte, und Blake Nelson macht es seinem Erzähler wirklich nicht leicht, das muss man echt sagen.
Ohne aufdringlich zu sein oder eine vorgefertigte Lösung zu bieten, muss sich der Leser immer wieder die Frage stellen, was er selbst in der Situation des Erzählers getan hätte. Was wäre, wenn du etwas machst, und plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, ein Mensch stirbt, und du vielleicht Schuld bist. Oder auch nicht. Aber wer könnte das für dich klären, ohne dass du sagen musst, was geschehen ist? Und das könnte schreckliche Konsequenzen haben… wirklich kein leichtes Thema, und es gelingt dem Autor wirklich sehr eindringlich, das auch deutlich zu machen.
Das Ende hat mir ganz gut gefallen, auch wenn ich es mir etwas anders vorgestellt hatte. In jedem Fall passt es wirklich gut zum Rest des Romans und ist gut gelungen; auch hier regt die Geschichte dazu an, dass man selbst überlegt, was man tun würde. Es ist sicherlich gar nicht so leicht für den Autor gewesen, nicht durchblicken zu lassen, was in der Situation des Erzählers „das Richtige“ wäre. Er lässt seinen Leser damit allein und auch wenn ich denke, dass jeder beim Lesen denkt, er wüsste, was er machen würde – ganz so einfach ist es sicher nicht, seine Ängste zu überwinden und über sich hinauszuwachsen.
Ein ungewöhnliches Buch, das zu lesen sich wirklich lohnt.

Jenny-Mai Nuyen: Noir

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ein neuer Roman von Jenny-Mai Nuyen – das ist für mich vorbestellpflichtig. Seitdem ich vor Jahren von ihrem ersten Roman „Das Drachentor“ so begeistert war, bin ich ihr immer treu geblieben und ein Roman von ihr, der so anders wirkt als die Vorgänger – her damit!

Zum Inhalt: Er ist noch ein kleiner Junge, als er miterleben muss, wie seine Eltern bei einem Autounfall sterben. Nino Sorokin prägt das für immer – denn er überlebt schwer verletzt und hat seitdem die Gabe zu sehen, wann und wie andere Menschen sterben werden. Er kann nichts dagegen tun, nicht eingreifen oder dies gar verhindern, er weiß es einfach. Und genauso weiß er, dass er selbst mit 24 Jahren sterben wird.
Doch dieses Wissen macht ihm natürlich unglaubliche Angst. Nino will nicht sterben – zu gern würde er herausfinden, ob er irgendwas tun kann, um seinen Tod zu verhindern. Dem Schicksal in die Karten schauen – nur ein einziges Mal.
Und dann lernt Nino den mysteriösen Monsieur Samedi kennen, der Geisterbeschwörungen durchführt. Was Nino zunächst für vollkommen albernen Unfug hält, erweist sich bald als beängstigend für ihn – denn es scheint, dass die Geister tatsächlich mit ihm kommunizieren und direkt mit ihm sprechen. Nino hat so viele Fragen über das, was ihn erwartet, über seine Seele, eine Möglichkeit, dem Tod zu entkommen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Doch ein solches Vorhaben ist mehr als gefährlich – und das bekommt Nino auch durch die geheimnisvolle Noir zu spüren, das durchscheinende Mädchen, das außer ihm niemand sehen kann. Sich in sie zu verlieben, ist eine unglaubliche Erfahrung für Nino, nicht nur, weil er noch nie vorher etwas Ähnliches empfunden hat. Denn Noir ist nicht nur kein Mensch aus Fleisch und Blut mehr, sie ist in großer Gefahr – und sie stürzt auch Nino in einen Kampf, den die beiden eigentlich nur verlieren können…

Wie mir das Buch gefallen hat: Jenny-Mai Nuyen hat es auch dieses Mal wieder geschafft, mich mit einer Geschichte in ihren Bann zu ziehen. Ich bin beeindruckt davon, wie anders „Noir“ im Vergleich zu all ihren anderen Romanen ist und wie toll er trotzdem ist. Mir hat nicht nur die Idee für die Geschichte wirklich sehr gut gefallen, auch wie sie erzählt wird, finde ich absolut gelungen. Bis zum Schluss habe ich mich gefragt, wie Nuyen die ganze Sache ausgehen lassen würde, und so viele Varianten wären möglich gewesen… wie sich alles am Schluss löst, fand ich übrigens total stimmig. Es hat sehr gut zur Grundstimmung des Buches gepasst.
Nino fand ich als Protagonisten am Anfang etwas schwierig. Die Party- und Drogenszene, in der er einem anfangs präsentiert wird, haben mich erstmal etwas abgeschreckt und er war mir überhaupt nicht sympathisch. Nach und nach, wenn man dann mehr über ihn erfährt und mitbekommt, was er alles durchmachen muss und welche Sorgen er hat, hat man das Gefühl, dass er sich einem mehr öffnet und ich fand ihn dann sehr sympathisch, wenn auch nicht immer ganz vertrauenswürdig.
Noir blieb mir hingegen bis zum Ende fremd, was ich aber nicht als störend empfunden habe. Es passt für mich zu dem, was sie ist, was man eben alles nicht über sie weiß und zu ihrem Wesen. An ihr hat mich gerade das fasziniert, dass sie äußerlich fast durchscheinend ist, gleichzeitig aber im übertragenen Sinne vollkommen undurchsichtig.
Erzähltechnisch wird die Geschichte immer wieder durch Einschübe mit der Überschrift „Jetzt“ unterbrochen, die im Buch selbst durch das Bild einer zerbrochenen Scheibe (wie auf dem Buchcover) eingeleitet werden. Das Jetzt bricht sich optisch Bahn zum Leser und gerade am Anfang ist es schwer, die Kapitel mit den Einbrüchen der unmittelbaren erzählten Gegenwart überein zu bringen. Geade das war aber auch sehr spannend und eine gute Idee.
Mit diesem Roman hat Jenny-Mai Nuyen meiner Meinung nach wirklich bewiesen, dass sie einfach toll erzählen kann, und dass sie dazu keine erfundenen Welten, Drachen und Elfen braucht. Ein lesenswertes Buch.