Ich lese… „The Expeditions of Humphry Clinker“ (Teil 1)

Da ich gerade Nick Hornbys „The Complete Polysyllabic Spree“ gelesen habe und diesen Monat ja Tobias Smolletts „The Expeditions of Humphry Clinker“ lesen möchte, habe ich mir gedacht, dass es ja vielleicht nett wäre, den Leseprozess etwas zu begleiten. Ich komme meinem Klassiker so etwas näher (bestenfalls) und vielleicht bekommt noch jemand Lust auf das Buch!
Ich will mir von Hornbys Leseverhalten abschauen, dass ich nichts vorher über das Buch lese, um mir nichts vorwegzunehmen. Menschen, die über Klassiker schreiben, tendieren dazu, dies so zu tun, als würde entweder jeder das Buch schon kennen oder ohnehin nie lesen, und deswegen wird dort nie vor Spoilern gewarnt. Ich aber werde „Humphry Clinker“ nur um des Buches Willen lesen und damit fange ich heute an, nur mit dem Wissen, dass Humphry Clinker reisen wird, und dass Wales eine Rolle spielt.
Ich habe mir vorgenommen, eine Stunde „Humphry Clinker“ zu lesen. Ich denke, dass ich einige Zeit brauchen werde, um in die Handlung und die Sprache des 18. Jahrhunderts zu finden und mit dem Buch warmzuwerden. Aber nun ist alles bereit und es kann losgehen…

noch34The Expeditions of Humphry Clinker – Part 1
Nachdem ich die ersten 45 Seiten gelesen habe, ist diesem Roman der Schrecken genommen. Was zunächst wie eine unüberbrückbare Hürde erschien, erweist sich als unterhaltsame Lektüre – auch wenn ich nicht umhin komme zu sagen, dass der Roman auch seine Tücken hat.
Bei „Humphry Clinker“ handelt es sich um einen Briefroman, was so weit fürs achtzehnte Jahrhundert nicht weiter ungewöhnlich ist. Bevor es mit dem Roman richtig losgeht, werden zwei Briefe vorangestellt, die den Leser glauben machen sollen, dass hier der Finder der Briefe und ein Freund diskutieren, ob es in Ordnung ist, fremder Leute Post zu veröffentlichen. Hier wird einem also vorgegaukelt, dass das Ganze echt und keinesfalls Fiktion ist. Das finde ich schon mal ganz nett. Ich frage mich aber unwillkürlich, ob Leser damals dann wirklich glaubten, dass sie es hier nicht mit einem Roman zu tun hatten.
Zu lesen ist der Roman zum Teil sehr leicht, zum Teil sehr anstrengend. Bisher habe ich fünf verschiedene Briefeschreiber kennengelernt. Da ist einmal Matthew Bramble, ein wohlhabender Mann, der mit seiner Familie auf Reisen ist. Bramble ist sehr aufbrausend, was laut seiner Familie an seinen vielen Krankheiten liegt. Wenn man seinem Neffen glauben darf, würde es Bramble schon helfen, weniger zu essen und gesünder zu leben, aber Bramble scheint seine Krankheiten auf eine merkwürdige Weise zu genießen. Er macht auf mich den Eindruck, als jammere er gern, und sei es nur – in guter englischer Tradition – übers Wetter:

i rode out upon the Downs last Tuesday, in the forenoon, when the sky, as far as the visible horizon, was without a cloud; but before I had gone a full mile, I was overtaken instantaneously by a storm of rain that wet me to the skin in three minutes – whence it came the devil knows; but it has laid me up (I suppose) for one fortnight. It makes me sick to hear people talk of the fine air upon Clifton-Downs: how can the air be either agreeable or salutary, where the daemon of vapour descends in a perpetual drizzle? (p. 13)

Aber Bramble mag ich eigentlich, auch weil er seinem Neffen Jeremy so gute Ratschläge mit auf den Weg gibt, so zum Beispiel, keinen Skandal aufkommen zu lassen, wenn sich Frauen bei ihm melden, die behaupten, ein Kind von ihm zu haben. Einfach zahlen, er habe das auch immer gemacht.

The old gentleman told me last night, with great good humour, that betwixt the age of twenty and forty, he had been obliged to provide for nine bastards, sworn to him by women whom he never saw. (p. 30)

Brambles Schwester Tabitha hingegen ist unglaublich anstrengend zu lesen. Um es mal gemein auszudrücken: ihre schlechte Rechtschreibung und ihr Unvermögen im sprachlichen Ausdruck spiegeln ihren etwas dümmlichen Charakter. Tabitha scheint auf der Suche nach einem potentiellen Ehemann zu sein, was recht lustig zu werden verspricht, auch wenn es das im Moment noch nicht ist.
Die beiden, Tabitha und Matthew Bramble, vertreten die Eltern für Jeremy und Lydia Melford. Lydia hat einen kleinen Skandal verursacht, weil sie sich mit einem jungen Mann eingelassen hat, dessen echten Namen sie nicht zu kennen scheint. Ihr Onkel und ihr Bruder vermuten, dass das Ganze daran liegt, dass es Lydia in ihrem Mädcheninternat zu langweilig war – Lydia selbst natürlich glaubt an eine große und romantische Liebe. Da ihr Angebeteter ihr sogar nachreist, stimmt das vielleicht sogar.
Jeremys Briefe scheinen am ehesten dazu da zu sein, einen Erzähler in die Geschichte zu bekommen. Er ist bisher ein vorbildlicher junger Mann: klug, empathisch und witzig.
Dann gibt es noch Briefe von einem Dienstmädchen, aber diese sind sprachlich wirklich so schwer zu lesen, dass sie mir bislang wenig Spaß machen.
Man muss schon erstmal durch dieses Namensgewusel durchsteigen, bis es anfängt, unterhaltsam zu werden und bis ich mich auf die Geschichte einlassen konnte. Außerdem war ich anfangs völlig irritiert von den scheinbar unzusammenhängenden Inhalten der Briefe. Nach und nach wird erst klar, dass die vier Familienmitglieder und ihre Dienstboten auf Reisen sind und warum.
Was ich hingegen sehr mochte, war die unterschiedliche Sicht auf Bath. Bramble, der sich von diesem Kurort zunächst Heilung versprach, ist angewidert von der Stadt, dem Lärm, den Menschen dort. Lydia ist, im Gegensatz zu ihrem Onkel, ziemlich angetan von diesem Ort, und so liest man kurz hintereinander zwei vollkommen verschiedene Sichtweisen zu ein und derselben Stadt – oder auch über Begebenheiten, die alle miterleben und später in ihren Briefen wiedererzählen.
Zum Nebenherlesen ist das Buch aber definitiv nichts. Ich muss mich ziemlich konzentrieren, um nicht durcheinanderzukommen und vor allem mit den Namen und Geschichten auf dem Laufenden zu bleiben. (Außerdem sind einige Beschreibungen recht ermüdend…)
Ich bleibe dran, nicht nur, weil eine Frage bleibt: Wo bleibt Humphry Clinker? Und warum habe ich den Titelhelden nach 45 von 361 Seiten noch nicht kennengelernt?

Susanna Tamaro: Feuer des Herzens – Briefe an eine Freundin

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich letztes Jahr von meiner Freundin Silvia bekommen, als ich im Krankenhaus lag. Das hat mir gezeigt, dass wir beide wirklich eine besonders schöne Freundschaft haben, die besteht und stark ist, auch wenn wir uns zum Teil lange nicht sehen.

Zum Inhalt: Es ist nicht ganz einfach, den Inhalt dieses Buches zusammen zu fassen, weil es keine durchgehende Geschichte erzählt, sondern aus verschiedenen Briefen an eine (fiktive?) Freundin besteht. Diese Briefe sind zum Teil sehr religiös, zum Teil sind es auch einfach Gedanken über bestimmte Punkte des Lebens.
Die Freundin, an die Tamaro schreibt, ist erst 22, Tamaro selbst Mitte vierzig, weshalb zum Teil einige Passagen dabei sind, die die ein oder andere Leserin (ich gehe hier einfach mal von einer überwiegend weiblichen Zielgruppe aus) auch schon von ihrer Mutter kennt…

Wie mir das Buch gefallen hat: Einige – oder eher gesagt – die meisten Briefe lesen sich wunderschön und regen zum Nachdenken an. Ich mag die Offenheit und Ehrlichkeit, mit der Tamaro sich zu bestimmten Dingen in ihrem Leben äußert. Etwas störend in einigen Briefen finde ich, dass sie immer wieder ihre eigenen Romane als Belege für ihre Argumente heranzieht… aber nun gut, ich würd’s nicht anders machen, wenn ich eine Bestsellerautorin wäre.
Alles in allem ein Buch, das durch mutlose Zeiten helfen kann.
Schön.