John Green: Paper Towns

006Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich mir bei Foyle’s an der Southbank gekauft, als ich im Dezember dort war. Weder mit dem Laden noch mit diesem Autor habe ich bisher je falsch gelegen.

Zum Inhalt: In der Schule ist Quentin eher ein Außenseiter. Zusammen mit seinen besten Freunden Ben und Radar verbringt er den größten Teil seiner Freizeit mit Videospielen – und, aber das wissen die Anderen nicht – an Margo zu denken. Margo wohnt nebenan und war, als sie noch klein waren, Quentins beste Freundin. Heute ist Margo das beliebteste Mädchen der Schule, obwohl sie ganz anders ist, als das Klischee es an dieser Stelle wollen würde. Aber unerreichbar ist sie für Quentin trotzdem. Und das kann ganz schön frustrierend sein…
Aber dann steht Margo eines Nachts plötzlich in Quentins Zimmer. Sie ist auf einer geheimen Mission, will sich auf spektakuläre Weise an ihrem Exfreund und ein paar anderen Leuten rächen – und Quentin soll ihr helfen. Es wird eine unvergessliche Nacht, in der Quentin sich mehr als einmal fragt, wie er sich jemals darauf einlassen konnte, so etwas Irres zu machen.
Dennoch – als er in den frühen Morgenstunden nach Hause kommt, freut er sich darauf, dass jetzt in der Schule alles zwischen Margo und ihm anders sein wird. Doch daraus wird nichts, denn Margo kommt nicht in die Schule. Sie ist verschwunden – von zu Hause abgehauen, und ihre Eltern tun sich dabei vor allem selber leid. Quentin hingegen macht sich große Sorgen, Margo könnte sich etwas angetan haben, und er beschließt, dass er sich auf die Suche nach ihr machen muss. Seine Freunde erweisen sich bei diesem unerwarteten Abenteuer als große Hilfe, denn allein könnte Quentin all diese kryptischen Hinweise, die Margo zurückgelassen hat, niemals entschlüsseln. Doch bei allem Spaß, den die Suche macht, bleibt die bange Frage, was am Ende dieser Suche stehen wird. Können sie Margo finden – und lebt sie überhaupt noch?

Wie mir das Buch gefallen hat: John Green kann eine Sache wirklich unfassbar gut, und das ist, Geschichten erzählen, die gleichzeitig urkomisch und irgendwie sehr traurig sind. Manche der Szenen in diesem Roman haben mich beim Lesen laut lachen lassen, andere haben mich fast zu Tränen gerührt. Die Geschichte von Quentins Suche nach Margo ist unheimlich einprägsam und schön erzählt und das Besondere ist, dass dabei ganz deutlich wird, dass auch Quentin selbst an dieser Suche wächst und sich verändert – er lernt etwas über sich selbst, und zwar auf ganz unkonventionelle Weise.
„Paper Towns“ ist nur am Rande eine Liebesgeschichte. Es ist eine Geschichte über den letzten Sommer, bevor man an einer Universität anfängt, wenn man beginnt, sich über seine Zukunft Gedanken zu machen und wenn man merkt, dass die eigenen Erwartungen an das Leben nicht unbedingt das sind, was selbst deine besten Freunde vom Leben erwarten. Die Erkenntnis, die Quentin hier gewinnt, macht beim Lesen nachdenklich und vielleicht auch ein bisschen nostalgisch.
Ich mochte „Paper Towns“ vor allem deswegen, weil es so authentisch daherkommt. Die Charaktere sind zum Teil schon ein wenig überzeichnet, sodass man das ein oder andere Mal wirklich lachen muss (zum Beispiel über die verrückte Sammlung, die Radars Eltern zu Hause haben), aber gleichzeitig wirken sie gerade dadurch irgendwie besonders echt. Und bei der Beschreibung einer der Partys, von denen Quentin seine Freunde abholt, weil diese zu betrunken zum Fahren sind, musste ich doch etwas peinlich berührt an eigene Partys zum Ende meiner Schulzeit hin denken…
Bisher war Stephen Kings „The Body“ („Stand By Me“) immer irgendwie die Geschichte für mich, die mir als erstes eingefallen wäre, wenn ich ein Buch zum Thema Freundschaft hätte nennen müssen. „Paper Towns“ rückt mindestens bis dorthin auf. Ein schöner Roman ohne Knalleffekte, aber mit ganz viel Herz und Humor.

John Irving: In One Person

in one personWie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich mir zum Erscheinungsdatum vorbestellt und in einer sehr kleinen aber sehr schönen und intensiven Leserunde im BücherTreff gelesen.

Zum Inhalt: „Thus play I in one person many people, and none contented.“ – Dieses Zitat aus William Shakespeares „Richard II“ hat Irving seinem Roman vorangestellt, und es passt gut zu Billy, dem Ich-Erzähler dieser Geschichte, der auf sein Leben zurückblickt und erzählt, wie er von einem Jungen, der sich scheinbar immer in die falschen Leute verliebt, zu einem Erwachsenen wird, der sich keinen Stempel aufdrücken lassen will.
Im kleinen Ort First Sister in Vermont wächst Billy recht behütet bei seiner Mutter und deren Familie auf. Um seinen Vater wird ein großes Geheimnis gemacht, das der Junge nicht lüften kann, doch zum Glück hat er Richard Abbott, den neuen Freund seiner Mutter, der ihm ein Vater ist. Richard, der die Theatergruppe des Ortes und der hiesigen Jungenschule leitet, bringt Billy Einiges über Literatur bei und über die großen Dramen und Romane vergangener Zeiten. Billy, der schon als Teenager merkt, dass er anders ist als die anderen Jungen an seiner Schule, weil er sich nicht nur für nicht für Mädchen, sondern eher für ältere Frauen, vor allem aber für einen ganz bestimmten Jungen seiner Schule interessiert, hat es in seiner Familie gerade durch seine Neigungen nicht leicht: zwar ist Billys Großvater Harry dafür bekannt, dass er in jeder Theaterinszenierung Frauenrollen spielt und darin ziemlich brilliert; die Frauen in Billys Familie aber sind entsetzt, als sie zu vermuten beginnen, Billy könnte „sexuell anders“ sein als Andere.
Und so ist es für Billy nicht einfach, seinen Weg und vor allem sich selbst zu finden. Es sind die späten fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts und Toleranz gegenüber Homo-, Bi- oder Transsexuellen ist ganz und gar nicht selbstverständlich. Und doch merkt Billy, dass er gegen seine Gefühle, so beängstigend sie manchmal auch für ihn sein mögen, nicht ankämpfen kann und will, und er begegnet immer wieder Menschen, die ihn auf seinem Weg begleiten und die ihn so lieben und wertschätzen, wie er ist.
Billy seinerseits erkennt, dass bei weitem nicht so viele Menschen „normal“ sind, wie man denken könnte, und sein Weg führt ihn immer wieder mit Menschen zusammen, die wie er einfach nur sein wollen, wer sie sind, und die sich zum Teil ganz anders als er durchs Leben schlagen und ganz anders mit Vorurteilen umgehen. Wir dürfen Billy bis zu seiner Arbeit mit der Abschlussklasse 2011 begleiten und erleben, wie sich nicht nur er selbst, sondern auch die Welt um ihn herum in den gut fünfzig Jahren verändert hat.

Wie mir das Buch gefallen hat: Es gibt sie, diese Romane, die etwas mit dir machen, wenn du sie liest, und „In One Person“ ist einer davon. Es ist – für mich – der beste Roman, den ich von John Irving gelesen habe – nicht der erste Irving, bei dem ich gelacht habe, aber der erste, der mich zum Weinen gebracht hat.
Billys Geschichte wird sehr poetisch und einfühlsam, dann wieder schonungslos und lustig, zum Teil auch – wie man es von Irving kennt – etwas skurril erzählt. Für jede Situation scheint Irving genau den richtigen Ton zu treffen, und viele der Kapitel klingen nach dem Lesen noch eine ganze Weile nach. Nicht nur Billy, auch viele andere Charaktere des Romans, die sich in keine Schublade stecken lassen, die einfach nur auf ihre Art und Weise leben möchten, werden von Irving einzigartig und klar herausgestellt, ohne dass das Ganze übertrieben oder pathetisch wirken würde. Dennoch gibt es in diesem Roman auch viele ernste Töne, wenn es um Diskriminierung, Vorurteile, Gewalt und letzten Endes auch um AIDS geht, Themen, mit denen sich Billy und die Menschen in seinem Umfeld täglich beschäftigen müssen.
Sehr glaubwürdig schildert Irving Billys Lebensgeschichte vom zurückhaltenden, sensiblen Teenager, der nicht weiß, wie er mit seinen „wrong crushes“ umgehen soll, zu einem selbstbewussten Mann, der frei zugibt, bisexuell zu sein, Transsexuelle attraktiv zu finden, die noch nicht operiert sind und somit männliche und weibliche Attribute haben. Billy geht seinen Weg auf eine solch natürliche Weise, dass man ihn von Anfang an einfach mögen muss und das Gefühl hat, in eine authentische und sehr schön erzählte Geschichte eintauchen zu können.
Nicht nur aufgrund von Irvings eigener Erzählweise, die auch in diesem Roman sehr dicht ist, erweist sich Irving hier einfach als ein Autor für Leser. Gut, wer nicht gern liest, wird vermutlich auch eher im Zweifelsfall nicht zu Irving greifen, aber bei „In One Person“ verlangt Irving seinen Lesern literarisch schon auch ein bisschen was ab. Ich war beeindruckt von den vielen Anspielungen auf große Romane wie „Great Expectations“ und „Madame Bovary“ (es gibt noch weitere), und es hat auch Spaß gemacht, sich parallel zu „In One Person“ mit Shakespeare, seinen Dramen und auch den gesellschaftlichen Vorstellungen des elisabethanischen und des viktorianischen Zeitalters auseinanderzusetzen, weil man manche Passagen dieses großen Romans dann meiner Meinung nach anders lesen und vielleicht so verstehen wird, wie Irving sie gemeint hat.
Billy selbst liest als Jugendlicher gern Romane aus dem England des 19. Jahrhunderts, die den Werdegang eines jungen Mannes in der Gesellschaft und aller Widrigkeiten zum Trotz erzählen, bis er sein Glück gefunden hat. An diese Tradition knüpft Irving mit „In One Person“ an und macht aus Billy einen „David Copperfield“ oder Pip Pirrip („Great Expectations“), der nunmehr seinen Werdegang erzählt, bis er in unserer Zeit angekommen ist. Ein Roman, der einerseits ganz eigen ist, andererseits in gewisser Hinsicht an die Tradition der Bildungsromane anknüpft – und der hoffentlich eines Tages einer der großen Klassiker der Weltliteratur sein wird.

Ruediger Schache: Spätestens in Sweetwater

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich zugeschickt bekommen und das Cover finde ich irgendwie sehr schön. Trotzdem gebe ich zu, dass ich etwas skeptisch war, weil ich fürchtete, hier einem Abklatsch der Mitch-Albom-Romane zu begegnen, und das wollte ich ungern, weil solche Themen auch echt nach hinten losgehen können.

Zum Inhalt: Ausgerechnet Caleb Brooks soll eine Reportage über den Valentinstag schreiben. Der Journalist, der sich eigentlich mit wissenschaftlichen Themen beschäftigt, kann dem Hype um diesen Tag nichts abgewinnen, zumal der 14. Februar auch noch der Todestag seiner Frau Abigail ist, um die er auch nach vielen Jahren noch trauert. Unmotiviert macht Caleb sich an die Arbeit und versucht, mit Hilfe von Google zu ein paar Ideen zu kommen. Als er in dem Zusammenhang schließlich seinen Namen und den seiner verstorbenen Frau in die Suchanfrage mit aufnimmt, kommt er zu einem Link zu der Legende von Sweetwater. Sweetwater, das muss ein kleiner Ort in Oklahoma sein, das bekommt Caleb heraus, aber was es mit dieser Legende um Sweetwater auf sich hat, ist nicht zu ergründen, denn der Link verweist auf eine bereits gelöschte Seite. Und nur dann, wenn er „caleb“ und „abigail“ in die Suchanfrage aufnimmt, stößt er auf diesen Link.
Calebs Neugier ist geweckt und er beschließt, Sweetwater aufzusuchen. Es scheint ihm plötzlich das wichtigste zu sein, dass er herausfindet, was es mit diesem Ort auf sich hat. Und dies ist wirklich nicht ganz einfach zu ergründen, denn erstens ist es schon nicht ganz leicht, Sweetwater zu finden, zweitens machen auch die Einwohner dieses kleinen und verschlafenen Ortes ein ziemliches Geheimnis um dessen Besonderheit. Aber dass da etwas ist, das spürt Caleb auch so. Nicht nur, weil er sich mit Haut und Haaren in die Buchhändlerin Carol Ryder verliebt, bei der er sich fühlt, als würde er sie schon seit Jahren kennen, auch weil Sweetwater ein in sich geschlossenes System, eine eigene kleine Welt zu sein scheint, die sich von dem abgrenzt, was im hochmodernen Amerika sonst so los ist. Das Geheimnis von Sweetwater, das spürt Caleb, wird sich ihm erst mit der Zeit ganz offenbaren. Doch er ist nicht der einzige, der versucht, dem Mysterium um diesen Ort auf die Schliche zu kommen.

Wie mir das Buch gefallen hat: Nicht beim Lesen selbst, aber im Gespräch über dieses Buch hat mich die Geschichte ein wenig an Mitch Alboms „For one more day“ erinnert. Das bedeutet jetzt ganz und gar nicht, dass die Auflösungen gleich sind (sind sie nicht!), aber das Gefühl, das man beim Lesen hat, ist schon ziemlich ähnlich. Sweetwater und seine Einwohner geben den Lesern ein heimeliges Gefühl, ein bisschen Geborgenheit und sicherlich auch den ein oder anderen Denkanstoß.
Die Figuren sind jetzt nicht besonders überraschend. Caleb Brooks ist zwar ein sympathischer Protagonist, den ich gern auf seinen Streifzügen durch Sweetwater begleitet habe, aber er ist nicht besonders originell oder herausstechend. Das würde allerdings zu diesem Buch auch gar nicht passen, das in sich einfach stimmig ist – Atmosphäre, Handlung, Figuren, es passt einfach alles irgendwie ganz gut zusammen.
Ob und wie weit man das, was der Autor seinen Lesern deutlich machen will, annimmt und glauben will oder kann, ist natürlich jedem selbst überlassen. Ich denke aber, dass man aus dieser Geschichte in jedem Fall etwas mitnehmen kann und das hat mir sehr gut gefallen. Ich jedenfalls war gern in Sweetwater zu Gast und denke, es schadet ganz und gar nicht, wenn man die Welt mal für einige Zeit mit den Augen von Caleb Brooks zu sehen bekommt.
Ein schönes Buch, das Trost spenden kann, wenn man denkt, das Leben meint es nicht gut mit einem.

Em Bailey: Du denkst, du weißt, wer ich bin

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich mir ebenfalls von der Buchmesse mitgebracht, denn ich konnte dem Cover einfach nicht widerstehen. Der Inhalt klang auch noch interessant – was will man also mehr? Ich schleppte das Buch nach Hause.

Zum Inhalt: Olive hat es in der Schule selbst nicht leicht. Seit dem „Vorfall“, der ihr ganzes Leben aus den Fugen geworfen hat, ist sie nicht mehr das beliebte und hübsche Mädchen, das sie vorher war, sondern eine Außenseiterin, die außer ihrer Freundin Ami niemanden so richtig an sich heranlässt.
Als eine Neue an die Schule kommt, löst sich die allgemeine Aufmerksamkeit etwas von ihr – denn Miranda wird von interessanten Gerüchten begleitet – sie soll am Tod ihrer eigenen Eltern Schuld sein – ist das wirklich möglich? Olive jedenfalls beäugt die Neue misstrauisch und ist zunächst eher fasziniert davon, wie unscheinbar und nichtssagend Miranda ist. So jemandem traut man einen Mord nun wirklich nicht zu.
Doch Miranda und auch ihr Status in der Schule verändern sich schnell. In kürzester Zeit gehört die Neue zur angesagtesten Clique und „unscheinbar“ ist überhaupt nicht mehr das Wort, das zu ihr passt. Im Gegenteil. Miranda sieht immer besser aus und ihrer neuen besten Freundin Katie immer ähnlicher. Doch je schöner und auffälliger Miranda wird, desto mehr verblasst Katie, bis sie schließlich nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Miranda scheint Katie irgendwie auszusaugen und ihre Kraft und Energie zu stehlen. Aber das ist doch gar nicht möglich – oder doch?
Eigentlich ist Olive mit sich selbst genug beschäftigt gewesen, aber irgendwie beginnt sie, sich um Katie Sorgen zu machen. Mit Miranda stimmt was nicht. Und eine unheimliche Geschichte nimmt mehr und mehr ihren Lauf. Olive muss aufpassen, dass sie selbst nicht in Mirandas Fänge gerät.

Wie mir das Buch gefallen hat: Dieses Buch ist wirklich toll und richtig spannend. Ich wusste eigentlich vorher nichts über den Inhalt und war einfach gespannt, etwas über Miranda und ihre Geschichte zu erfahren. Was sich dann alles daraus entwickelt, ist zum Teil wirklich nicht vorherzusehen und richtig gut erzählt.
Olive ist eine tolle Ich-Erzählerin, weil man nicht immer weiß, ob man ihrer Wahrnehmung trauen kann. Das finde ich immer faszinierend und zu dieser Geschichte passt es einfach auch total gut. Durch Olive ist man schnell Teil der Handlung und man wünscht sich genauso sehr, etwas über sie zu erfahren, wie über Miranda, zu der man schnell widersprüchliche Gefühle entwickelt. Zuerst tat mir das Mädchen nämlich richtig leid, aber später änderte sich das total…
Die Handlung wird schnell vorangetrieben und ist ziemlich vielschichtig, einfach dadurch, dass man sich nicht nur auf Miranda, sondern auch auf Olive und einige andere Figuren konzentrieren muss, um alles zu erfassen. Die Geschichte ist insgesamt sehr schlüssig und ich konnte das Buch bald überhaupt nicht mehr aus der Hand legen. Ich will nicht zu viel über die Handlung verraten, aber so viel sei gesagt – eine solche Geschichte habe ich noch nie vorher gelesen und Baileys Ideen finde ich sehr faszinierend. Ich hoffe, dass wir von dieser Autorin noch sehr viel hören und vor allem lesen werden.
Wer also Lust auf ein sehr spannendes und sehr ungewöhnliches Jugendbuch hat, das sich nur schwer in eine Kategorie einordnen lässt und das echte Pageturnerqualitäten hat, ist mit „Du denkst, du weißt, wer ich bin“ sicher sehr gut beraten.

Juan Moreno: Teufelsköche. An den heißesten Herden der Welt

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich mir bei Amazon Vine ausgesucht, obwohl ich mir ja eigentlich vorgenommen hatte, bis zum Jahresende nichts Neues zu lesen mehr auf meinen Stapel ungelesener Bücher wandern zu lassen. Der Beschreibung dieses Buches konnte ich nicht widerstehen.

Inhalt und meine Meinung: „Teufelsköche“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Journalisten Juan Moreno und des Fotografen Mirco Taliercio. Beide arbeiten unter anderem für den „Spiegel“ und den „Stern“ und die Idee für dieses Buch kam ihnen bei einem Essen in einem Münchener Restaurant, als sie nämlich anfingen, sich über den Inhaber auszutauschen, einen begnadeten Koch – Gerry Addesso – der kurz nachdem er Moreno und Taliercio erzählt hatte, wie es eigentlich dazu gekommen war, dass er Koch wurde, ins Gefängnis kam, weil er in Drogengeschäfte der Mafia verwickelt war.
In diesem wirklich außergewöhnlichen Buch erzählt Moreno – ergänzt durch großartige und sehr eindrucksvolle Fotos von Taliercio – die Geschichten der verschiedensten Köche. Einige sind bekannt, weil sie drei Sterne haben und im Guide Michelin verweigt sind. Andere haben Restaurants, die in Zeitungen und Lifestyle-Magazinen empfohlen werden. Da ist zum Beispiel der Besitzer des Rao’s in New York, eines Restaurants, in dem man keine Chance hat, einfach so einen Tisch zu reservieren. Man muss Stammgast sein, um dort essen zu können. Ein Freund der Familie. Oder amtierender Präsident. Ansonsten hat man keine Chance.
Im Kontrast zu den Geschichten dieser Köche steht zum Beispiel das Interview mit Nurse Tifa, der bekanntesten YouTube-Köchin der Welt (ganz offensichtlich bekommt sie eher keine Klicks wegen ihrer Kochkünste, sie hat andere Vorzüge…). Als ich ihr Porträtfoto gesehen habe, hatte sie das Vorurteil weg – das Interview zeigt dann aber eine Frau, die in einer Situation gefangen ist, der sie einfach nicht entkommen kann – auch nicht im gelobten Land, den USA.
Besonders berühren aber die Geschichten ganz anderer Köche. Zum Beispiel die Geschichte des Mannes, der im Todestrakt eines texanischen Gefängnisses die Henkersmahlzeiten kochte – und der mit dem Mythos um die Henkersmahlzeiten aufräumt, der sich hartnäckig hält und besagt, dass Häftlinge sich als letzte Mahlzeit alles wünschen können, was sie möchten. Seine Geschichte hat bei mir wirklich einen Kloß im Hals hinterlassen, sie berührt einfach.
Ebenso erging es mir mit anderen Geschichten – zum Beispiel von der Köchin, die auf der größten Müllkippe Nairobis kocht und die Essen als schrecklich empfindet, weil man es immer wieder tun muss. Essen als Genuss kennt diese Frau überhaupt nicht, ihr geht es nur ums Überleben für sich und ihre Kinder. Die letzte Geschichte dieses Buches erzählt von einem afrikanischen Flüchtling, der sich nur eines wünscht: nach Europa zu kommen und dort als Koch zu arbeiten – bei McDonald’s. Diese Geschichte ging mir wirklich unter die Haut, sie ist unfassbar traurig.
Die Geschichten der Köche in diesem Buch sind toll geschrieben. Es geht nicht nur ums Kochen, nicht um die klassischen Geschichten, die man immer wieder von Köchen hört. Es geht nicht um die Köche, die uns als erste einfallen, wenn wir das Wort „Koch“ hören. Schuhbeck, Mälzer, Oliver, Lafer, Rach und Co. spielen hier keine Rolle. Es geht nicht darum, möglichst bekannte Leute zu präsentieren, sondern hier werden Menschen gezeigt, die Köche sind – aus den unterschiedlichsten Gründen – und die unter den unterschiedlichsten und zum Teil unter unvorstellbaren Bedingungen arbeiten. Die Mischung macht es hier einfach – und die Tatsache, dass jeder der Köche ein Rezept beigesteuert hat, ist ein ganz besonderes Extra.
Ich glaube, dass „Teufelsköche“ jeden begeistern kann, der sich für Menschen interessiert, die wirklich etwas zu erzählen haben. Die Zusammenstellung der Geschichten, Bilder und Rezepte ist wirklich einzigartig und ich denke, dass ich in diesem Buch noch oft lesen werde. Eine klare Leseempfehlung.

Deborah Zachariasse: Flüsterherz

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Eigentlich war ich in Münchens Hugendubel am Marienplatz schon fast auf dem Weg nach draußen. Nur mal kurz gucken. Und dann hatte ich „Flüsterherz“ plötzlich in der Hand. Das Cover ist wunderschön und beim Reinlesen dachte ich, das wäre vielleicht was. Also musste ich es einfach kaufen.

Zum Inhalt: Als Tibby neu in Annas Klasse kommt, erinnern die beiden Mädchen sich aneinander, weil sie schon zusammen in den Kindergarten gegangen sind. Und Tibby, die irgendwie so anders ist als die anderen Mädchen in Annas Umfeld, fasziniert die eigentlich so brave Schülerin. Tibby zieht sich nicht so an wie andere Mädchen, sie gibt nichts auf ihr Outfit. Tibby strengt sich in der Schule nicht so an wie die Anderen, und schwänzt, wenn ihr das Wetter zu schön dafür ist, im Klassenraum zu sitzen. Bei Anna zu Hause ist es immer penibel sauber, es gibt für alles Regeln und alleFamilienmitglieder gehen dann letztlich doch ihrer Wege. Tibbys Zuhause ist chaotisch, aber Anna fühlt sich in dem kleinen und heruntergekommenen Haus am Bahndamm immer wohl. Hier verleben Tibby und sie glückliche Tage.
Doch Tibby geht es nach den Sommerferien immer schlechter. Warum hat sie keine Schulbücher? Warum rastet sie wegen Kleinigkeiten so aus? Warum ist jedes Wort von Anna, das Tibby nicht passt, Grund, nicht mehr mit Anna befreundet sein zu wollen? Tibby ist launisch und ungerecht, aber trotzdem kann Anna ihre Freundin nicht loslassen. Sie spürt, dass Tibby wirklich Hilfe braucht und einen Menschen, der für sie da ist und sich für sie interessiert – im Gegensatz zu Tibbys Eltern, die nur mit sich selbst beschäftigt sind. Aber Anna ist nur ein Teenager und sie kann die drohende Katastrophe nicht abwenden.

Wie mir das Buch gefallen hat: „Flüsterherz“ ist eines meiner Lesehighlights in diesem Jahr. Es ist ein Buch, das mich total berührt hat. Die Geschichte wird von Anna erzählt und Anna erzählt zum Einen von ihrer Freundschaft mit Tibby, auch davon, wie wütend sie manchmal auf Tibby war und wie hilflos, weil sie Tibby nicht immer verstanden hat und weil Tibby sich nicht so helfen lassen wollte oder konnte, wie Anna es sich gewünscht hätte. Anna ist kein totaler Gutmensch, auch sie macht Fehler, gerade dadurch hat die Autorin mit ihr eine wahnsinnig liebenswerte Ich-Erzählerin geschaffen. Unterbrochen wird Annas Erzählung von der Zeit mit Tibby, die Anna in ihr „Flüsterbuch“ schreibt, von Annas Gedanken während des Schreibens. Von Anfang an ist durch diese Abschnitte klar, dass Tibby fort ist, dass Anna sich schwere Vorwürfe macht und dass sie das Gefühl hat, versagt zu haben, dass sie mehr hätte tun müssen für ihre Freundin. Was mit Tibby geschehen ist, kann man sich schnell denken (vielleicht aber nur als erwachsener Leser), und die Geschichte ließ mich spätestens ab dem Zeitpunkt nicht mehr los.
Für „Flüsterherz“ braucht man Taschentücher, weil es ein Buch ist, das einerseits auf seine Art wirklich sehr schön ist, gleichzeitig aber auch eine wirklich schreckliche Geschichte erzählt. Wie das zusammenpasst, erschließt sich wohl am besten durch das Lesen dieses Romans.
Ein schöner Gedanke der Autorin oder des Verlags: Ganz hinten im Buch sind Websites und Telefonnummern abgedruckt, an die Kinder und Jugendliche sich wenden können, wenn sie Hilfe oder Rat brauchen und niemanden haben, mit dem sie sprechen können.
Man kann nur eines zu diesem Buch sagen, denke ich: Unbedingt lesen!

Andrea Israel & Nancy Garfinkel: Johannisbeersommer

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch wollte ich schon haben, seit es erschienen ist… das war letzten Sommer. Jetzt habe ich es mir zu Weihnachten geschenkt, als ich ein bisschen Büchergeld zum Ausgeben bei amazon.de bekommen habe.

Zum Inhalt: Sechsundzwanzig Jahre haben sie nichts voneinander gehört, doch als ihre Mutter stirbt, beschließt Val, den Kontakt zu ihrer besten Freundin aus der Kinderzeit wieder aufzunehmen. Immerhin waren Lilly und sie einst unzertrennlich. So unterschiedlich die beiden Mädchen auch waren – die wilde Lilly und die ernsthafte Val – sie hielten immer zusammen und vertrauten einander alles an, was es so im täglichen Drama mit ihren Familien zu berichten gab – und das war Einiges. Vals Mutter litt unter starken Depressionen, und wurde von Lillys Vater, einem renommierten Psychologen betreut, aber leider nie wirklich geheilt. Doch er hielt sich sehr oft bei Vals Familie auf, und aus der Freundschaft zwischen den beiden Familien erwuchs Isaac als väterlicher Freund für Val: er förderte ihre Begabungen und unterstützte ihre Karriere, denn im Gegensatz zu seiner eigenen Tochter, die sich außer für Musik und Jungen dür wenig interessierte, war Val stets bemüht, voranzukommen.
Diese enge Bindung zwischen Val und Isaac machte Lilly mehr zu schaffen, als sie zugeben wollte. Obwohl sie selbst mehr nach ihrer freigeistigen Mutter Katherine kommt, kämpfte sie heimlich immer um die Anerkennung ihres Vaters – und schließlich spielt Isaac eine große Rolle bei dem Bruch, zu dem es in der Freundschaft zwischen Lilly und Val kommt. Die Briefe, die sie einander immer schrieben, der Rezeptclub, der sie miteinander verband, jahrelange Vertrautheit – alles zählte plötzlich nicht mehr.
Und kann man eine Freundschaft wieder kitten, die so so einen Bruch hinter sich hat? Was muss passieren, damit man bereit ist, Vertrauen wieder herzustellen, das verloren gegangen war? Val und Lilly müssen sich Gedanken darüber machen, was sie wirklich voneinander und von sich selbst erwarten, um zu sehen, was die Zukunft für sie bereit hält.

Wie mir das Buch gefallen hat: Dieses Buch ist mehr als nur eine Geschichte über Freundschaft. Es ist das Gesamtkonzept, das mich hier überzeugt hat. Der Aufbau ist so, dass man zunächst den Neustart der Freundschaft liest und dann erfährt, dass es sowohl für Lilly als auch für Val nicht einfach ist, die Vergangenheit zu vergessen. Diese wird dann erstmal erzählt, stets in Form von Briefen, die Lilly und Val einander schreiben. Nach fast jedem Brief folgt ein Rezept, denn die beiden Freundinnen denken sich je nach Stimmungslage Gerichte aus, oder sie verraten einander Rezepte für tolle Gerichte, die sie irgendwo gegessen haben. Das hat schon etwas Besonderes und es macht Spaß, auch diese Rezepte zu lesen – die wirklich fast durchweg sehr lecker klingen…
Der Grund für die ungewöhnliche Konstellation der Familien ist meiner Meinung nach nicht so schwierig zu erraten. Das tut dem Ganzen aber keinen Abbruch. Mir hat der Briefwechsel zwischen Val und Lilly sehr gut gefallen, auch wenn sie beide auf die Dauer so ein bisschen stereotyp werden: Val ist durchschnittlich gutaussehend, aber intelligent, fleißig und gewissenhaft, Lilly ist wunderschön aber faul, wild und unzuverlässig. Das fand ich ein bisschen schade, weil es so doch manchmal etwas vorhersehbar war, wie die Eine oder die Andere auf etwas reagieren würde.
Aber insgesamt kann man einfach sagen, dass „Johannisbeersommer“ ein sehr schön zu lesender Roman ist, der einen gut unterhält, eine schöne Geschichte über Freundschaft erzählt und der durch die vielen schönen Rezepte wirklich noch einmal ganz besonders aufgewertet wird. Lohnt sich!