James Salter: Ein Spiel und ein Zeitvertreib

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich mir gekauft, weil ich gerade „Zirkuskind“ von John Irving lese und in diesem Roman der Protagonist den Salter-Roman liest. Das hat mich neugierig gemacht und so kam es dazu, dass ich mir dieses Buch bestellt habe.

Zum Inhalt: Phillip Dean hat gerade sein erfolgloses Studium in Yale geschmissen und ist nun mehr oder weniger von Beruf Sohn. Seinen Sommer verbringt er in Frankreich, wo er den Ich-Erzähler des Romans trifft, der ihm anbietet, mit ihm durch Frankreich zu reisen um das Land kennenzulernen, wie es wirklich ist, außerhalb von Paris, außerhalb der Gegenden, in denen sich viele Touristen aufhalten.
Phillip sagt zu, und tatsächlich wird dieser Sommer in Frankreich sein Leben verändern. Er lernt nämlich die achtzehnjährige Anne-Marie kennen, und ab diesem Moment ist alles anders. Anne-Marie stammt aus sehr einfachen Verhältnissen, ihre Mutter und ihr Stiefvater können sich nicht viel leisten. Phillip, der durch sein Auftreten wie ein Mensch aus einer völlig anderen Welt erscheint, scheint ihr wie ein Märchen, das wahr wird, während ihre Mutter Zweifel hat, ob der junge Mann es auch ernst mit dem Mädchen meint. Und ganz Unrecht hat sie nicht, denn während das Mädchen von einer Zukunft träumt und den Sommer als Anfang einer großen Zeit sieht, ist sie für Phillip nur ein Spiel und ein Zeitvertreib, auch wenn ihm wirklich etwas an Anne-Marie liegt.
So zumindest könnte es sein, aber wissen können wir als Leser es nicht. Alles, was man in diesem Roman über Anne-Marie und Phillip erfährt, entspringt nämlich der Phantasie des beobachtenden Ich-Erzählers, der dem Paar recht voyeuristisch folgt und sich auch ausmalt, was hinter verschlossenen Türen geschieht.

Wie mir das Buch gefallen hat: Dieser Roman ist vor allem interessant zu lesen, man muss sich aber etwas Zeit nehmen und sich richtig auf ihn einlassen. Die Erzählweise erfordert schon etwas Konzentration, immerhin kollidiert die Wirklichkeit einige Male mit der Phantasie des Ich-Erzählers, und die Abschnitte, die dann wirklich passieren, haben mich, wenn sie auftraten, dann oftmals irritiert, weil der Ich-Erzähler so lange im Hintergrund ist und dann plötzlich wieder auftaucht, kommentiert, eigenes Erleben hinzufügt und Andeutungen zu späteren Ereignissen macht. Die Art des Erzählens macht die Faszination des Ich-Erzählers deutlich und es wirkt durchaus so, als beneide er Phillip um dessen – vermeintliche! – Erlebnisse.
Salters Art zu erzählen ist schon sehr einprägsam. Die Sätze sind oftmals sehr kurz und insgesamt sehr unverschnörkelt. Details werden aufgezählt, sodass man sich Szenen sehr gut bildlich vorstellen kann, aber niemals gibt es blumige Umschreibungen. Dies würde auch gar nicht zum Roman passen, der ja oftmals Momente und Momentaufnahmen beschreibt, anstatt eine klassische Liebesgeschichte zu erzählen.
Der Roman schildert die Liebe zwischen Anne-Marie und Phillip sehr unverblümt. Auch das passt einfach zum Inhalt und zur Idee, die hinter diesem Buch stehen. Es handelt sich um die Gedanken eines Mannes, um Phantasien, die er äußert, und dazu würde es auch nicht passen, wenn das, was passiert, nicht klar formuliert wäre. Das ist nicht nur in den Szenen so, in denen Phillip und Anne-Marie Sex haben, auch dann, wenn die beiden miteinander unterwegs sind und ihre Beziehung durchdenken, äußert der Ich-Erzähler seine Gedanken immer nachvollziehbar und irgendwie kommt mir im Zusammenhang mit dieser Geschichte auch das Wort „bittersüß“ in den Sinn, weil der Romantitel und die Unterschiede zwischen den beiden Liebenden schon Schwierigkeiten andeuten.
Für wen das Ganze ein „Spiel und ein Zeitvertreib“ ist… zum Einen trifft das sicher auf Phillip zu, doch auch der Ich-Erzähler, der mehr und mehr besessen ist von der Beziehung zwischen den beiden, könnte derjenige sein, der den Titel lebt.

Andi Rogenhagen: Heldensommer

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses  Buch ist ein Rezensionsexemplar, das ich über Amazon Vine bekommen habe. Es erscheint im April dann im Lübbe-Verlag.

Zum Inhalt: Philipp ist fünfzehn Jahre alt und vollkommen entsetzt, als er wegen einer Sechs in Französisch nun das neunte Schuljahr wiederholen soll. Nur, weil er in zwei Jahren Fremdprachenunterricht nur drei Wörter gelernt hat? Eines steht fest: Mairesse, der Französischlehrer, der auch noch ein echter Franzose ist und immer von seinem Heimatdorf in Frankreich schwärmt, ist an allem Schuld. Und was liegt da näher, als sich an ihm zu rächen? Zumindest Philipp und seinen Freunden, dem dicken Borawski, der ebenfalls nicht versetzt wird, und Ingo, dem ständig bekifften einzigen Führerscheinbesitzer, dem Philipp über den Weg traut, scheint dieser Plan völlig logisch, zumal sie auch genau wissen, wie sie Mairesse treffen können, denn der redet ständig davon, dass in seinem Heimatdorf ein Denkmal steht, den Mitgliedern der Résistance gewidmet – und dieses Denkmal soll nach dem Vorbild von Mairesse‘ Großvater modelliert worden sein.
Also beschließen Philipp und seine Freunde, einem alten Wehrmachtsdenkmal den Kopf abzuschlagen, diesen nach Frankreich zu schaffen, dem Résistancedenkmal ebenfalls den Kopf abzuhauen und dann den Kopf des deutschen Soldaten dort festzumachen. Genialer Plan, oder? Und anfangs läuft auch alles noch einigermaßen gut, bis die Jungs dann unterwegs in Streit geraten und Ingo sich aus dem Staub macht. Nun stehen Borawski und Philipp mit einem dreißig Kilo schweren Betonkopf mitten in der Wildnis und müssen nach Frankreich trampen. Mit schlecht sortiertem Gepäck und fast ohne Geld. Doch umkehren kommt nicht in Frage – Mairesse muss seine Strafe bekommen! Und so erleben die beiden Freunde unverhofft einen Sommer voller Abenteuer…

Wie mir das Buch gefallen hat: An den Ich-Erzähler Philipp muss man sich erstmal gewöhnen. Er ist ganz sicher kein durchschnittlicher Teenager, sondern oftmals recht benebelt von Alkohol und Drogen. Letztere sorgen zum Beispiel auch dafür, dass Philipp Anfälle von Paranoia bekommt, die man dann als Leser hautnah miterleben darf. Zuerst fand ich das ziemlich befremdlich, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran und je besser man Philipp kennt, desto mehr verzeiht man ihm seine Anfälle und seine mehr als absurden Ideen und Verhaltensweisen. Was in seinem Kopf vorgeht, ist mal das, was jeder wohl von sich als Teenager kennt, mal völlig abstrus, aber trotzdem ist es irgendwie unterhaltsam.
Die Geschichte lässt sich gut lesen und hat mich sehr gut unterhalten. Gerade weil es vom Erzählstil her so ein ungewöhnliches Buch ist, ist es total spannend, wie es weitergeht. Philipp und Borawski passieren wirklich die seltsamsten Singe, während sie unterwegs sind, aber trotzdem ist das Ganze irgendwie stimmig.
Das Gesamtkonzept ist irgendwie schwierig zu beschreiben, man muss sich auf „Heldensommer“ schon irgendwie einlassen können, es ist absolut kein 08/15-Titel, den man mal zwischendurch liest und dann gleich wieder vergisst. Er hat ein bisschen was von „Fear and Loathing in Las Vegas“, nur mit anderen Drogen, jüngeren Protagonisten und natürlich ohne Las Vegas. Aber „Blutsalat“ ist schließlich dann auch ein Ort, an dem ungewöhnliche Dinge passieren, und am Ende muss ich sagen, dass mich die letzten siebzig Seiten über manches hinweggetröstet haben, was ich am Anfang als zu abgefahren empfunden hatte. Ein Buch, das anders ist, aber auf eine interessante Art und Weise.

Daniel Tammet: Elf ist freundlich und Fünf ist laut

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich aus dem Regal gezogen, Thore hat es sich vor ein paar Jahren mal gekauft und er war ganz begeistert davon. Jetzt endlich habe ich es auch mal gelesen.

 Inhalt und meine Meinung: Daniel Tammet ist Autist; er hat das Asperger-Syndrom, das ihn dazu befähigt, in einigen Bereichen Höchstleistungen zu vollbringen, aber in anderen Lebensbereichen ist er hilflos – vor allem, was zwischenmenschliche Beziehungen angeht, musste Tammet erst viel lernen, denn es fällt ihm sehr schwer, Gesichtsausdrücke oder Worte zu deuten, wenn diese nicht direkt das aussagen, was sie auch meinen.
Tammet beschreibt seine Kindheit und seine Jugend bis zu seinem Leben als Erwachsener ziemlich schonungslos – natürlich, das Beschönigen liegt ihm auch nicht. Besonders interessant fand ich es zu lesen, wie er sich im Laufe seines Lebens mehr und mehr die Fähigkeit angeeignet hat, mit anderen Menschen zusammen zu sein und mit ihnen „normal“ zu leben. Dinge, die uns selbstverständlich sind, bedeuteten für Tammet harte Arbeit. Vor wichtigen Gesprächen muss er sich zum Beispiel immer ins Gedächtnis rufen, dass er seinen Gesprächspartner anschauen sollte.
Aber dafür hat Tammet auch wirklich erstaunliche Talente. Mir war es natürlich nicht möglich, seine mathematischen Erklärungen nachzuvollziehen, aber es ist faszinierend zu erfahren, wie Tammet beispielsweise jede Zahl als Bild vor sich sieht und bei einer Mathematikaufgabe entsteht dann aus den jeweiligen Zahlen ein neues Bild in seinem Kopf – beneidenswert, wirklich, und Tammet bemüht sich sehr, dies anschaulich zu erklären.
Ich persönlich habe Tammet am meisten darum beneidet, wie großartig er Fremdsprachen lernen kann – er hat es geschafft, innerhalb von sieben Tagen so viel isländisch zu lernen, dass er ein Live-Interview im Fernsehen geben konnte…
Dieses Buch ist deswegen so großartig und bemerkenswert, weil Tammet das Leben eines Autisten nicht als wissenschaftlichen Fall beschreibt, nein, er erzählt einfach von sich, und er versucht uns zu erklären, was für ihn normal ist. Das finde ich faszinierend, weil Tammet dadurch auch deutlich macht, dass er es einfach geschafft hat, sich aus der Ecke des Andersseins zu befreien und zu zeigen, welche Möglichkeiten er trotz seines Autismus hat.
Ein Buch, das zu lesen sich lohnt und das mich unterhalten, mir aber auch etwas vermittelt hat, ohne dass man das Gefühl hat, man solle belehrt werden. (Und Tammets Sprachschule werde ich mal testen – ich will ja Finnisch lernen!)

Anne C. Voorhoeve: Liverpool Street

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Erspäht habe ich das Buch zum ersten Mal bei Schmorl und von Seefeld in Hannover. Gekauft habe ich es mir jetzt von dem Thalia-Gutschein, den mir mein Kurs zum Abschied geschenkt hat.

Zum Inhalt: Ziska ist elf Jahre alt, als sich ihr Leben für immer verändert. Hatte sie eigentlich immer gedacht, dass sie und ihre Familie evangelisch werden, muss sie plötzlich feststellen, dass man sie zu einer Jüdin macht, weil die Vorfahren ihrer Mutter jüdisch waren. Sie darf nicht mehr am Religionsunterricht teilnehmen, bald muss sie die Schule wechseln und Richard, der einst in sie verliebt war, schlägt Ziska nun grün und blau, wenn er sie zu fassen bekommt. Nur noch Bekka ist Ziskas Freundin und eines Tages wird klar, dass die Freundschaft der Mädchen auf eine harte Probe gestellt werden wird, denn ihre Familien wollen Deutschland verlassen und die Zukunft ist ungewiss.
Letzten Endes ist es nur Ziska, die aus Deutschland entkommen kann. Mit einem Kindertransport bringt man sie nach England, wo Ziska nur ein Ziel hat: sie muss Arbeit für ihre Eltern finden, denn wenn diese Aussicht auf einen Job haben, können sie auch nach England kommen.
Doch so einfach ist das nicht. Und während Ziska in England bei ihrer jüdisch-orthodoxen Pflegefamilie nun ein ganz neues Leben beginnt, geht auch das Leben der Eltern in Deutschland weiter. Ziskas Vater, der in Sachsenhausen inhaftiert ist, wird schwer krank, die Mutter ist verzweifelt, auch wenn es immerhin tröstlich ist zu wissen, dass es Ziska gut geht.
Und eigentlich geht es Ziska gut. Ihre Pflegefamilie ist liebevoll, sie darf zur Schule gehen, findet Freunde und kommt zurecht. Doch immer wieder, wenn sie merkt, dass sie froh ist, überkommt sie das schlechte Gewissen. Hat sie ein Anrecht auf Glück, während ihre Eltern so viel erleiden müssen?
Und dann kommt der Krieg. Und wieder bricht für Ziska eine Welt zusammen und sie muss sich neu zurechtfinden.
Der Roman begleitet Ziska von 1939 bis nach dem Krieg und beschreibt das Aufwachsen des Mädchens vor und im Zweiten Weltkrieg.

Wie mir das Buch gefallen hat: Trotz der mehr als 500 Seiten habe ich das Buch heute in eins durchgelesen. Es ist ein großartiger Roman, der Ziskas Geschichte ohne Pathos erzählt, der ohne Klischees auskommt und ohne gewollt dramatische Momente. Gerade das macht „Liverpool Street“ glaubhaft und irgendwie zu etwas besonderem.
Was mir besonders gut gefallen hat, ist die Darstellung der Charaktere. Wie gesagt, sie sind keine Stereotype und es gibt niemanden, der durch und durch gut oder böse wäre. Das ist für mich besonders gelungen und sorgt dafür, dass man sich selbst ein Bild von den Figuren machen kann, ohne dass der Autor einem aufzwingt, wen man mögen muss.
Großartig und auf ganz einfache Art beeindruckend.

Lemony Snicket: Der schreckliche Anfang

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Das Buch ist eine Leihgabe meines Vaters. Ich hab den Film im Sommer gesehen und fand ihn wirklich toll. Als ich dann durch Zufall erfahren habe, dass mein Vater sich einige Bände der Serie gekauft hatte, musste ich natürlich sofort betteln, sie mal geliehen zu bekommen…

Zum Inhalt: Violet, Klaus und Sunny Baudelaire verlieren ihre Eltern durch einen schrecklichen Brand. Und ihr Unglück wird noch schlimmer: sie müssen zu Graf Olaf ziehen, einem ihrer Verwandten, der nichts Anderes im Sinn hat als das Erbe der drei Kinder. Er behandelt sie schlecht, sperrt sie ein und lässt sie für sich arbeiten. Als er erfährt, dass er keinen Zugriff auf das Erbe haben wird und es Violet zukommt, wenn sie volljährig ist, fasst er einen gemeinen Plan.
Besonders ist der schöne Erzählstil des Buches, der schwarze Humor und der bissige Unterton tun ihr Übriges. Nicht wirklich ein Kinderbuch…

Wie mir das Buch gefallen hat: Es war schön, spaßig und kurzweilig zu lesen. Allerdings hat mir der Film besser gefallen, weil er einfach witziger ist. Alles in allem nicht schlecht, ich werde auch die anderen Bände noch lesen, aber in diesem Fall kommt das Buch nicht an den Film heran.

Joy Fielding: Whispers and Lies

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Meine Eltern verschenken gern Büchergutscheine, was mir natürlich immer sehr gelegen kommt – es gibt eigentlich kein schöneres Geschenk für mich. Nun, bei diesem Gutschein weiß ich noch, dass ich ihn wahrscheinlich Ostern bekommen habe, es muss zumindest an einem Sonntag gewesen sein, weil es mich nämlich sofort in die Bahnhofsbuchhandlung verschlug, wo ich den Gutschein einlöste und mit eben diesem Buch nach Hause ging.

Zum Inhalt: Terry steht nach dem Tod ihrer Mutter materiell gesehen gut da. Sie hat nicht nur ein großes Haus, sondern auch noch ein kleines Hinterhaus, das sie weitervermieten kann. Mit ihrer letzten Mieterin hatte Terry nur Ärger. Als die nette und aufgeschlossene Alison nun bei ihr einziehen will, stimmt Terry deswegen erst zögernd, dann aber mit wachsender Begeisterung zu. Die beiden verstehen sich gut und es entwickelt sich eine innige Freundschaft. Problematisch nur, dass irgendwas mit Alison und ihren Freunden nicht zu stimmen scheint. Terry wird immer misstrauischer. Was wollen diese Leute von ihr?

Wie mir das Buch gefallen hat: Das Buch war beim ersten Lesen spannender, was an der Auflösung liegt. Wenn man diese schon kennt, ist ein gewisser Effekt eben weg. Doch davon vollkommen abgesehen ist es einfach ein richtig guter Thriller, vor allem, weil Joy Fielding mit Terry eine Ich-Erzählerin schafft, die eben auch nur ein Mensch ist – und nicht immer alles mitbekommt, das der Leser sieht. Durchaus empfehlenswert!

Julien Green: Leviathan

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ich hab es geschenkt bekommen – was immer eine schöne Sache ist und Bücher immer noch lesenswerter macht. „Leviathan“ bekam ich zu Beginn der Sommerferien – ein guter Zeitpunkt für ein neues Buch. Und deswegen lag es auch nicht lange ungelesen im Regal.

Zum Inhalt: Eine französische Kleinstadt, in der es hinter den Fassaden der Kleinbürger bröckelt. Das ungefähr ist der Schauplatz der ganzen Geschichte. Guéret ist neu in dieser Stadt, und er verliebt sich in die junge Angèle. Was er anfangs nicht weiß, ist, dass Angèle für Madame Lorges, die Restaurantbesitzerin, arbeitet, indem sie mit den männlichen Gästen des Ladens „ausgeht“. Madame Lorges verschließt die Augen vor der Wahrheit, ihr liegt gar nicht daran zu wissen, was dort wirklich vorgeht – sie interessiert sich nur für die Neuigkeiten, die sie durch Angèle über die Bürger der Stadt erfährt. Doch Guéret ist es nicht egal, dass das Mädchen andere Männer trifft und eines Abends kann er seine Wut nicht mehr in den Griff bekommen und wird Angèle gegenüber gewalttätig. Seine Tat löst wiederum unerwartete Gefühle bei seiner Arbeitgeberin aus, die immer dachte, zu keiner Emotion fähig zu sein… Ein emotionales Auf und Ab entsteht, da sich keine der Figuren wirklich zu helfen weiß.

Wie mir das Buch gefallen hat: Am Anfang fand ich es recht schwierig, mich in die Erzählweise des Romans einzufinden. Aber nach den ersten drei Kapiteln fand ich sie eigentlich sehr schön und interessant. Danach habe ich den Roman dann auch recht schnell ausgelesen, denn auch, wenn einem keine der Figuren wirklich sympathisch ist, will man doch wissen, wie es mit ihnen weitergeht.

Mark Z. Danielewski: Das Haus

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich mir im Silvesterurlaub 2009 / 2010 gekauft, in der kleinen Inselbuchhandlung auf Wangerooge. Ich wollte das Buch unbedingt haben, weil es im Büchertreff empfohlen worden war. Ich begann, dieses Buch zu lesen und gab nach 100 Seiten komplett entnervt auf. Jetzt habe ich das Buch in einer Online-Leserunde gelesen und es geschafft!

Zum Inhalt: Das Buch erzählt drei Geschichten. In erster Linie wird die Geschichte über den Fotografen Will Navidson erzählt, der sich zusammen mit seiner Freundin ein kleines Haus kauft, in dem er mit ihr und den beiden gemeinsamen Kindern leben will. Das Haus soll Zufluchtsort und Heim sein, hier will Navidson zur Ruhe kommen.
Das Problem ist jedoch, dass dieses Haus ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Räume, die es rein physikalisch gar nicht geben dürfte, tauchen plötzlich auf, das Haus verändert seinen Grundriss, ein unheimliches Grollen ist zu hören – das Haus scheint seine Bewohner zu einem Wettstreit herauszufordern. Navidsons Abenteuerdrang ist größer als seine Angst vor dem Unerklärlichen – und das Haus lässt ihm keine Ruhe. Die Geschehnisse dokumentiert er in einem Film, der später leider verlorengeht…
und über den der blinde Zanmpanó eine wissenschaftliche Abhandlung schreibt. Über Zampanó selbst ist wenig bekannt, nur dass er wie besessen an seinem Manuskript arbeitete und sich dabei in einen Wahn hineinsteigerte, der es ihm nach und nach nicht mehr erlaubte, seine Wohnung zu verlassen, und er scheint sich auch das Lüften abgewöhnt zu haben, bevor er auf grausame Weise stirbt.
Zampanós Manuskript fällt wiederum Johnny Truant in die Hände. Johnny ist der Sohn eines Piloten und einer Mutter, die wahnsinnig war – beide Elternteile sind inzwischen tot. Johnny, der in einem Tätowierstudio arbeitet, ist drogenabhängig, hat keine festen und ernsthaften Beziehungen zu anderen Menschen – und er möchte Zampanós Werk beenden. Dabei verfällt jedoch auch er mehr und mehr dem Fluch des Hauses, und seine Anmerkungen zu den Aufzeichnungen des Blinden sind mal ausufernd, mal kryptisch, mal klar und strukturiert.
Was hat es mit dem Haus auf sich? Was verbindet Will Navidson, Zampanó und Johnny Truant? Welche Geheimnisse haben diese Figuren? Diese und mehr Fragen stellen sich unwillkürlich beim Lesen dieses Mammutwerks.

Wie mir das Buch gefallen hat: Zehn Jahre hat Mark Z. Danielewski an diesem Roman gearbeitet, und beim Lesen wird schnell klar, dass das einer der Gründe ist, aus denen man das Buch nicht beim ersten Lesen entschlüsseln kann – vermutlich auch nicht beim zweiten oder dritten… die drei Ebenen, über die erzählt wird, laufen parallel und sind nur jeweils in anderen Schriftarten gedruckt. Johnny unterbricht Zampanós Ausführungen immer wieder durch ausschweifende Erzählungen über sein eigenes Leben und dadurch hat man gerade am Anfang oftmals das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Man muss sich eine Taktik ausdenken, wie man dieses Buch lesen will, ebenso wie die Figuren des Romans Strategien brauchen, um das Haus verlassen zu können. Manchmal bildet der Druck auf den Seiten das Geschehen ab, ist man im Labyrinth und findet kaum heraus, erschwert auch das Druckbild einem das Lesen. Man braucht Geduld für das Buch, das auf jeden Fall.
Und man braucht Google, wenn man annähernd alles erfassen will, was „Das Haus“ bietet. Es gibt hunderte von Anspielungen auf berühmte Persönlichkeiten, Sagen, Mythen, Gebäude und vieles mehr, und manches kann man nur verstehen, wenn man das Hintergrundwissen parallel dazu erfasst, sofern man es nicht hat (und das ist wahrscheinlich völlig unmöglich).
Danielewski führt fiktive Interviews mit real existierenden Schriftstellern, Regisseuren, Architekten und anderen Künstlern durch, er verwendet sprechende Namen, die mal leicht, mal schwer zu entschlüsseln sind. Der „Navidson-Record“ enthält über vierhundert Fußnoten, die zum Teil real, zum Teil erfunden sind. Es ist nahezu unmöglich, alle zu überprüfen.
Und das ist eine weitere Besonderheit des Romans: man weiß nie, wem man trauen kann. Dem Haus nicht, natürlich nicht. Zampanó? Einem Blinden, der über einen Film schreibt? Johnny Truant, der mehrfach heftig unter Wahnvorstellungen leidet und Drogen konsumiert? Nein, ihnen kann man nicht trauen, dem gesamten Buch kann man nicht trauen, und das macht den Weg hindurch besonders spannend und interessant. Allerdings muss ich wirklich sagen, dass der Austausch mit den Anderen mir das Lesen erleichtert hat. Das, und die Tatsache, dass ich immer parallel den Laptop anhatte, um schnell mal was googlen zu können.
Dieses Buch ist ein Erlebnis. Es gibt nichts Vergleichbares!

Camilla Way: Schwarzer Sommer

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dies ist das vierte der zwölf Bücher, die ich mir von meinem Anteil des Thalia-Hochzeitsgeschenkgutscheins gekauft habe. Der Titel klang ganz vielversprechend…

Zum Inhalt: Sie ist zur Hälfte Engländerin, zur Hälfte Pakistani. Ihre Mutter ist gestorben und sie zieht mit ihrer Familie nach Südlondon in die Myre Street. Anita ist erst dreizehn Jahre alt, aber das Schicksal hat es nicht gut mit ihr gemeint. Auch in ihrer Familie gibt es keinen Rückhalt – der Vater und das Mädchen verstehen einander nicht, die älteren Zwillingsschwestern sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, der große Bruder geht irgendwelchen zwielichtigen Geschichten nach, ohne dass der Rest der Familie so genau wissen wollen würde, was da los ist.
In der Schule ist Anita eine Außenseiterin, das „Pakimädchen“, das so komisch guckt. Anschluss findet sie ausgerechnet bei Denis, einem etwas zurückgebliebenen Jungen aus ihrer Klasse, und bei Kyle, der schräg gegenüber von ihr wohnt. Auch diese beiden Jungen sind Außenseiter, und gerade Kyle hat es sehr schwer: seine Mutter ist krank und kann sich nicht wirklich um ihn kümmern – eine Aufgabe, die der Großvater stattdessen übernimmt – und vor einiger Zeit verschwand Kyles kleine Schwester Katie spurlos aus ihrem Kinderbettchen, mitten in der Nacht. Ein harter Schicksalsschlag für die Familie. Ist das der Grund, aus dem Kyle immer so verschlossen und abweisend reagiert? Ist er darum so in sich gekehrt und anders als die anderen? Oder was steckt dahinter?
Anita möchte gern mehr über Kyle erfahren, von dem sie so fasziniert ist. Als sie die Möglichkeit hat, den Sommer mehr oder weniger mit Kyle und Denis zu verbringen, ist sie unglaublich glücklich. Doch etwas Schreckliches wird in diesem Sommer geschehen – und am Ende wird Anita die Einzige sein, die diesen Sommer überlebt hat.

Wie mir das Buch gefallen hat: Struktur und Handlung sind im Prinzip wirklich gut: Der Roman wird von Anita erzählt, und zwar richtet sie sich bei ihrer Erzählung als erwachsene Frau an den Kinderpsychiater, der sie nach den Vorfällen im Sommer betreut hat. An den Kapitelanfängen wird zunächst immer ein Teil dessen wiedergegeben, was Anita zu Protokoll gegeben hatte, als sie dreizehn war. Diese Aussagen werden von ihrem älteren Ich quasi ergänzt.
Wie gesagt, das fand ich gut. Gestört hat mich, dass „Schwarzer Sommer“ so unglaublich übertrieben düster ist. Alles Schlimme, was Kinder erleben können, erleben sie auch. Tod der Mutter, Missbrauch, Vernachlässigung, Kriminalität, Gewalt gegen Tiere und Menschen, Verachtung, Ausgrenzung, … dadurch baut sich eine sicherlich gewollt düstere Stimmung auf, aber das war mir wirklich manchmal zu viel des „Guten“. Die ganze Geschichte ist so angelegt, dass man am Ende eine Überraschung erleben soll, aber zumindest bei mir hat das nicht ganz funktioniert, man kann erahnen, wie es ausgeht, wenn man aufmerksam liest.
„Schwarzer Sommer“, so viele tolle Kritiken es auch bekommen hat, ist ein Buch, das ich nicht noch einmal lesen würde.

William Paul Young: Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: Dieses Buch habe ich von vorablesen.de bekommen, und ich war sehr gespannt, was mich erwarten würde. Weltbestseller? Und Gott personifiziert durch eine schwarze Frau? Ich konnte das Buch kaum erwarten.

Zum Inhalt: Mack und seine Familie verbringen ein schönes Wochenende zusammen in einer Hütte in den Bergen. Die Kinder spielen draußen, gehen Kanu fahren und genießen die schulfreie Zeit – doch dann wird die jüngste Tochter, Missy, entführt und alles deutet darauf hin, dass der Serienmörder, der in den Medien nur der „Kleine Ladykiller“ genannt wird, Missy hat. Dies würde bedeuten, dass Missy keine Chance hat, lebendig gefunden zu werden… und tatsächlich bleibt das kleine Mädchen verschwunden.
Für die Familie beginnt eine Zeit endloser Trauer, die Mack als die große Traurigkeit bezeichnet. Seine älteste Tochter Kate entfremdet sich ihm immer mehr, er selbst scheint keinen Halt mehr in seinem Leben zu haben. Nur seine Frau Nan gibt allen Kraft, denn durch ihren Glauben hat sie eine Stärke, die den anderen fehlt.
Eines Tages bekommt Mack dann einen Brief, in dem steht, er solle in die Waldhütte kommen. Unterschieben ist der Brief mit „Papa“. Sein eigener Vater kann es nicht sein, und „Papa“ ist der Name, mit dem Nan immer von Gott spricht. Wartet tatsächlich Gott im Wald auf ihn? Kann das wirklich sein? Oder will ihn der Mörder von Missy in eine Falle locken?
Egal, was es ist, Mack macht sich allein auf den Weg zu dieser Hütte. Dort trifft er auf zwei Frauen und einen Mann, die ihm sofort das Gefühl vermitteln, zu Hause angekommen zu sein. Aber sind sie wirklich die Dreifaltigkeit, wie sie es behaupten? Kann das möglich sein?
Das Wochenende in der Hütte lehrt Mack einiges über seinen Glauben und den Umgang mit Religion. All seine Fragen, seine Wut und seine Verzweiflung werden beantwortet, sodass er aus dieser Begegnung Kraft für sein Leben schöpft, ohne dass der Schmerz über Missys Tod weichen würde. Doch natürlich gibt es auch in dieser Hinsicht zumindest einen kleinen Trost für Mack…

Wie mir das Buch gefallen hat: Es ist gar nicht so einfach, etwas zu diesem Buch zu sagen, denn es ist eines, bei dem man sehr viel von sich preisgibt, wenn man es mag. Jemand, der mit Religion und vor allem dem Christentum nichts anfangen kann, wird dieses Buch ganz schrecklich finden und vieles verreißen. Ich selbst bin nicht übermäßig religiös, aber ich glaube an Gott. Vielleicht stehe ich deswegen auch mit meiner Meinung zu dem Buch in der Mitte.
Zunächst einmal finde ich die Erzählweise sehr schön. Die Geschichte ist richtig schön erzählt, sodass man in die Beschreibungen eintauchen und sie nachvollziehen kann. Die Dialoge zwischen Mack und Gott, Sarayu (dem Heiligen Geist) und Jesus sind sehr schön geschrieben und was mir daran besonders gut gefällt, ist, dass hier nicht mit Floskeln aus dem Religionsunterricht um sich geworfen wird, sondern dass es schöne Gedanken sind, die einen auf jeden Fall zum Nachdenken bringen.
Ein bisschen erinnert mich diese Aussöhnung mit dem Tod und Verstorbenen, die man sehr vermisst, an den Film „Hinter dem Horizont“ mit Robin Williams. Es gibt eine Szene in dem Roman zwischen Mack und Missy, die mich besonders daran erinnert hat, was aber nicht schlecht ist.
Es ist für mich ein Buch, das Spuren hinterlässt, das man nicht einfach aus der Hand legt und vergisst. Man denkt darüber nach und ich hatte eigentlich sehr das Bedürfnis, über dieses Buch zu sprechen. Ich glaube, ob man gläubig ist oder nicht, einen Redeanlass bietet es immer.
Etwas schwergetan habe ich mir mit der Rahmenhandlung manchmal. Dass es hier um einen Vater geht, dessen Tochter entführt und ermordet wird, fand ich schwierig. Natürlich ist das Thema gewählt worden, weil es so ziemlich das Schlimmste ist, was einem passieren kann, und weil sich gerade aus einem solchen Verbrechen viele Fragen ableiten, die man sich stellt: Wie kann Gott das zulassen?
Mir persönlich war das manchmal ein bisschen zu viel. Ich fand die Aussöhnung und all das zwar schön, aber denke, dass Betroffene sich sagen würden, dass es zu einfach ist und dass man mit dem Schmerz nicht so einfach umzugehen lernt. Was Mack in Bezug auf das Verschwinden seiner Tochter und ihr Verhalten dabei erfährt, ist meiner Meinung nach ein bisschen zu dick aufgetragen (Ich will an dieser Stelle nicht zu viel dazu sagen, aber Missy benimmt sich äußerst reif und erwachsen, dabei ist sie erst sechs Jahre alt).
Was ist also mein Fazit? Ich würde das Buch wieder lesen. Ich würde es Menschen empfehlen, die sich auf solche Geschichten einlassen können, die vielleicht auch die Romane von Mitch Albom gelesen haben, oder Menschen, die religiös sind oder einen Weg zurück in den Glauben finden möchten, so wie Mack. Atheisten und Skeptiker werden sich über dieses Buch ohnehin nur aufregen, als Finger weg und hohen Puls vermeiden!