Ich lese… The Old Curiosity Shop

nellIm Studium habe ich einige Romane von Charles Dickens gelesen – und gern gelesen – aber eben nicht alle; einige stehen noch ungelesen in meinem Regal. Für diesen Monat ist nun „The Old Curiosity Shop“ mein Vorhaben, und da der Roman ein paar Seiten mehr hat, lohnt es sich, ihn hier mal ausführlicher zu betrachten.

Ich habe im Moment die ersten sieben Kapitel gelesen, was bedeutet, dass ich ganz gut in das viktorianische London eingetaucht bin und die Charaktere, die mich in den nächsten Tagen begleiten werden, schon recht gut kennenlernen durfte.
Erstaunt hat mich der Romananfang, da hier ein Ich-Erzähler auftritt, was für einen Roman aus dieser Epoche sehr ungewöhnlich ist. Heutzutage hat man ja oft das Gefühl, dass man überall über einen Ich-Erzähler stolpert, aber bei Herrn Dickens war mir außer in „Great Expectations“ noch keiner untergekommen (und da ist dieser Teil des Geschehens, nicht Beobachter wie hier). Da der Ich-Erzähler derjenige ist, der das Geschehen quasi nur einleitet und uns mit den wichtigsten Figuren bekanntmacht, bevor er sich dann auch aus der Geschichte verabschiedet, macht es ganz den Eindruck, als habe der Autor selbst sich hier in den Romananfang geschrieben, was auch zum Charakter des älteren Herrn passen würde, der die kleine Nell eines Tages in den Straßen von London trifft und ihr hilft, den Weg nach Hause zu ihrem Großvater zu finden. Dieser ältere Herr ist sehr auf das Wohl des Kindes bedacht und macht sich Sorgen, dass das Leben des kleinen Mädchens (übrigens ist die „kleine Nell“ vierzehn! Ich dachte am Anfang, sie könnte nicht älter sein als acht…) nicht kindgerecht verlaufe. So zeigt er ihr den Weg nach Hause, und spricht mit ihrem Großvater darüber, was ihn umtreibt, wenn er an das Leben vieler Kinder denkt.

It always grieves me“, I observed, roused by what I took to be his selfishness, „it always grieves me to contemplate the initiation of children into the ways of life, when they are scarcely more than infants. It checks their confidence and simplicity – two of the best qualities Heaven gives them – and demands that they share our sorrows before they are capable of entering into our enjoyments.“

Der nette ältere Herr bemerkt zwar, dass es Nell bei ihrem Großvater gut hat, da der alte Mann sie wirklich liebt, aber trotzdem merkt er eben auch, dass hier nicht alles so ist, wie es für ein Kind sein sollte. Nell ist nachts zum Beispiel allein zu Hause, weil ihr Großvater sich zu ungenannten Zielen aufmacht, und auch innerhalb der Familie gibt es Probleme, da Nells Bruder und der Großvater zerstritten sind. Dies führt dazu, dass der junge Mann einen Erbteil fordert, den der Großvater ihm nicht geben will, während er aber immer wieder betont, dass Nell eines Tages ein sehr gutes Leben haben solle. Nell, wie viele Kinder in den Romanen von Dickens eigentlich viel zu gut für diese Welt, steht zwischen den beiden Männern und weiß nicht, zu wem sie halten soll. Sie liebt sowohl ihren Bruder als auch ihren Großvater – und es deutet sich schon jetzt an, dass ihr Bruder nicht unbedingt der beste Umgang für sie ist.
Nachdem dieser nämlich mit seinem Besuch beim Großvater, der dazu führen sollte, dass dieser ihm Geld gibt, gescheitert ist, fasst er einen Plan, um anderweitig an das Geld zu kommen. Sein Freund Richard Swiveller – eine für Dickens so typische Figur, da er ein Mann ist, der wenig intelligent ist, aber sehr von sich überzeugt, und der vorgibt, mehr zu sein (auch gesellschaftlich gesehen) als er ist – soll um Nell werben und diese heiraten, wenn sie sechzehn wird.
Swiveller findet diese Idee nicht schlecht, und das, obwohl er eigentlich bereits mit einer anderen jungen Frau anbandelt. Sophia Wackles, die ihm dann auch eine Einladung zu einer Abendveranstaltung bringen lässt, dürfte jedenfalls von Swivellers Plänen nicht begeistert sein.

Und Swiveller ist nicht der einzige, der sich vorstellen könnte, mit Nell verheiratet zu sein. Der Großvater des Mädchens macht nämlich irgendwelche Geschäfte, die nicht näher genannt werden, definitiv aber wohl nichts Gutes bedeuten können, mit dem grausamen Mr. Quilp.
Auch dieser ist so, wie wir es von einem „villain“ bei Herrn Dickens erwarten: sein Äußeres und auch sein Verhalten sind gleichzeitig lächerlich und grausam. Quilp ist ein Zwerg und es wird schnell klar, dass er noch nicht mal in seiner eigenen Familie oder bei den Freundinnen seiner Frau als nett angesehen wird. Er ist unglaublich böse und niederträchtig – wir müssen miterleben, wie er seine Frau dazu zwingt, die ganze Nacht mit im aufzubleiben, um ihm Wein und Zigarren zu reichen, weil er wütend ist, dass sie es gewagt hat, Gäste zu empfangen. Er demonstriert seine Macht (von der unvorstellbar ist, warum seine Frau sich das gefallen lässt), und während er sie dann am nächsten Morgen mit den Aufgaben der Haushaltsführung zurücklässt, geht er zur Arbeit und legt sich dort schlafen.

It was a dirty little box, this counting-house, with nothing in it but an old ricketty desk and two stools, a hat-peg, an ancient almanack, an inkstand with no ink, and the stump of one pen, and an eight-day clock which hadn’t gone for eighteen years at least, and of which the minute-hand had been twisted off for a tooth-pick. Daniel Quilp pulled his hat over his brows, climbed on to the desk (which had a flat top) and stretching his short length upon it went to sleep with the ease of an old practitioner; intending, no doubt, to compensate himself for the deprivation of last night’s rest, by a long and sound nap.

Das Bild ist nicht umsonst auch irgendwie sehr komisch – wie immer zieht Dickens die Bösen ins Lächerliche; aber als Quilp später die kleine Nell fragt, ob sie sich nicht vorstellen könnte, ihn zu heiraten, falls seine erste Frau stürbe, da gruselte es mich schon. Quilp ist alles zuzutrauen, auch ein „Unfall“ seiner Frau. Und es könnte ihm auch durchaus Spaß machen, Nell zu schikanieren, um damit ihren Großvater unter Druck zu setzen.

In jedem Fall haben mich die ersten Kapitel dieses Klassikers sehr gut unterhalten. Die wichtigen Figuren des Romans scheine ich nun zu kennen und mal wieder Dickens zu lesen, ist auch eine schöne Sache. Ich mag seine Art zu erzählen, und seinen Umgang mit dem Leser, der immer wieder zum Nachdenken aufgefordert wird. Hier zum Beispiel:

[I]n the majority of cases, conscience is an elastic and very flexible article, which will bear a great deal of stretching and adapt itself to a great variety of circumstances. Some people by prudent management and leaving it off piece by piece like a flannel waistcoat in warm weather, even contrive, in time, to dispense with it altogether; but there be others who can assume the garment and throw it off at pleasure; and this, being the greatest and most convenient improvement, is the most in vogue.

Dickens ist für mich aber auch deswegen ein lesenswerter Autor, weil er wirklich etwas zu sagen hat. Ihm liegen die Kinder am Herzen, und er weiß selbst nur zu gut, wie schwer eine Kindheit in London sein kann. Es ist eben allein schon deswegen zu vermuten, dass er selbst der Ich-Erzähler des Romananfangs ist, weil auch dieser schwer erträgt, dass das Leben eines Kindes trostlos sein könnte:

But all that night, waking or in my sleep, the same thoughts recurred and the same images retained possession of my brain. I had ever before me the old dark murky rooms – the gaunt suits of mail with their ghostly silent air – the faces all awry, grinning from wood and stone – the dust and rust and worm that lives in wood – and alone in the midst of all this lumber and decay and ugly age, the beautiful child in her gentle slumber, smiling through her light and sunny dreams.

Der Roman wird mich noch eine Weile begleiten, und darauf freue ich mich schon. Nicht zuletzt deswegen, weil man sich bei Dickens auch darauf verlassen kann, dass am Ende einfach alles gut wird.