Michel de Montaigne – How We Weep and Laugh at the Same Thing

Jetzt habe ich schon drei Penguins vorgestellt und man sieht schon, wie unterschiedlich die Genres sind, die man bei Penguin für die Black Classics ausgewählt hat.
Der vierte Band aus der Reihe war Michel de Montaignes „How We Weep and Laugh at the Same Thing“, und ich hab es einfach nur ausgewählt, weil ich den Titel so interessant fand. Ich hatte mal wieder überhaupt keine Ahnung, was mich erwarten würde.
Und: es hat mich dann total überrascht und ich fand’s sehr toll. Es handelt sich um Aufsätze aus dem 16. Jahrhundert, die sich mit der Natur des Menschen beschäftigen.

Dabei war ich dann zunächst etwas skeptisch ob der Lesbarkeit. „Und was liest du gerade?“ – „Philosophische Aufsätze aus der Renaissance, und du?“ Sagt man ja eher nicht. Aber ich wagte mich heran und las dieses Buch – zweimal, um auch wirklich sicherzustellen, dass ich alles hatte.
Und die Aufsätze sind sehr toll zu lesen, weswegen man wirklich sagen muss, M. A. Screech, der Übersetzer, hat großartige Arbeit geleistet. Ich denke, hier macht eine verständliche Sprache einfach ganz viel aus.

De Montaigne macht sich Gedanken über das Wesen des Menschen und seine Aussagen sind so einfach wie einleuchtend, gerade das mochte ich. So lautet zum Beispiel seine Erklärung dafür, warum man manchmal bei einer Sache lachen und weinen müsse, dass im Menschen selbst einfach viele widerstreitende Emotionen angelegt seien, die sich auf unterschiedliche Weise Bahn brechen.

[A]lthough diverse emotions may shake [our souls], there is one which must remain in possession of the field; nevertheless its victory is not so complete but that the weaker ones do not sometimes regain lost ground because of the pliancy and mutability of our soul and make a brief sally in their turn. (p. 3)

Die Widersprüchlichkeit der Menschen sieht de Montaigne auch als Grund dafür an, warum es so schwer ist, jemandes Wesen wirklich zu kennen. Dabei beschäftigt ihn einerseits das, was wir heute unter dem Begriff „soziale Rolle“ kennen, und was demzufolge etwas mit unserem Verhalten in bestimmten Kontexten zu tun hat, ihm geht es aber auch um sich stetig ändernde Gefühle und Verhaltensweisen.

If only talking to onseself did not look mad, no day would go by without my being heard growling to myself, ‚You silly shit!‘ Yet I do not intend that to be a definition of me. (p. 4)

Wer kennt es nicht…

Auch seine Ausführungen zu unserem Gewissen fand ich interessant, wiederum nicht deswegen, weil ich denke, dass ich etwas ganz Neues erfahren habe, sondern weil ich es faszinierend finde, wann er zu all diesen Erkenntnissen kam und wie wahr sie letztlich immer noch für uns sind.

In einem weiteren Aufsatz stellt de Montaigne sich die Frage, ob man Verbrechen oder Taten, die aus Feigheit begangen bzw. unterlassen worden sind, bestrafen dürfe.

In truth it is reasonable that we should make a great difference between defects due to our weakness and those due to our wickedness. In the latter we deliberately brace ourselves against reason’s rules, which are imprinted on us by Nature; in the former it seems we can call Nature herself as a defence-witness for having left us so weak and imperfect. (p.19)

Ich sage jetzt mal nicht, zu welchem Schluss der Autor kommt, denn es ist ja viel spannender, selbst mal darüber zu philosophieren.

Unbedingt zitieren möchte ich aus dem Aufsatz „On the vanity of words“. Interessanterweise verabscheute de Montaigne nämlich wohl Redner, die andere durch ihre rhetorische Gewandtheit von Dingen überzeugen oder zu bestimmten Taten bringen wollten. Dazu schreibt er, und ich nehme den frauenfeindlichen Satz extra mit hinein:

Those who hide women behind a mask of make-up do less harm, since it is not much of a loss not to see them as they are by nature, whereas rhetoricians pride themselves on deceiving not our eyes but our judgement, bastardizing and corrupting things in their very essence. (p. 23)

Gut, dennoch ist natürlich auch de Montaigne ein sehr guter Rhetoriker, der seine Zuhörer und Leser ja auch von seinen Glaubenssätzen und Ideen überzeugen will. Schön, wie zwischen all den zeitlos klugen Gedanken noch so zeittypisch boshafte Bemerkungen über Frauen hinzukommen.

Der interessanteste Aufsatz für mich war in diesem Büchlein der letzte, er trägt den Titel „To philosohize is to learn how to die“. Hier setzt de Montaigne sich mit der Sterblichkeit der Menschen auseinander und damit, dass wir den Tod als etwas Natürliches begreifen sollten und nicht als ein Übel. (Wirkt sehr spirituell heute, ich weiß!)
De Montaigne behauptet, dass im alten Ägypten früher bei Banketten zwischendurch Mumien in den Raum gebracht worden wären, um die Menschen an ihre Sterblichkeit zu erinnern und sie somit mehr Freude darüber empfinden zu lassen, dass sie leben (p. 38). Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber da sind mir glaube ich sogar die mir sonst so auf die Nerven gehenden „Carpe diem“-Shirts der jungen Generation lieber.
Zwar gibt auch der Philosoph zu, dass Sterben nicht unbedingt schön sein muss, aber er ist der Überzeugung, dass die Natur uns eigentlich ans Sterben heranführe. Altern und immer schwächer werden um dann zu sterbem, das erscheint ihm als logische Konsequenz, und man kommt irgendwie schwer umhin, das abzunicken.
Der interessanteste Gedanke in diesem Aufsatz war für mich der, dass Menschen aufhören sollten, darüber nachzudenken, was sie durch ihren Tod verpassen, weil schließlich auch niemand darüber nachdenke, was er verpasst habe, weil er erst zu einem bestimmten Zeitpunkt geboren sei.

No one dies before his time; the time you leave behind you is no more yours than the time which passed before you were born, and does not concern you either. (p.52)

Diese Aufsatzsammlung gehört auch zu den Büchern, die ich in kurzer Zeit zweimal gelesen habe. Mich haben die Texte beeindruckt, ich wusste aber vor allem auch, dass ich Zeit brauchen würde, sie zu durchdenken und mir zu einigen Aufsätzen eine Meinung zu bilden.
Natürlich wird auch für mich das Lesen solcher Texte in meiner Freizeit eher die Ausnahme bleiben, doch es war spannend, sich doch einfach mal so mit ihnen zu beschäftigen. Sie lösen jedenfalls sehr stark den Wunsch in mir aus, über all das hier zu sprechen. Mag vielleicht mal jemand dieses Buch lesen? 😉

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