345 Tage buchkauffrei – Es ist nicht einfach nur ein Kuss (Buch 50)

„Two Boys Kissing“ von David Levithan ist ein Roman, den ich gelesen und geliebt habe. Ich möchte am liebsten, dass jeder ihn liest, und ich finde, es ist der beste Roman von David Levithan.

In diesem Roman küssen sich übrigens mehr als zwei Jungen. Aber die beiden, deren Kuss hier im Vordergrund steht, sind Harry und Craig, die kein Paar mehr sind, deren Verbindung aber so stark ist, dass ihre Idee, mit einem Weltrekordkuss von über 32 Stunden ein Zeichen der Liebe zu setzen, trotz der zerbrochenen Beziehung umgesetzt werden soll. Vor der Highschool in ihrer Kleinstadt küssen sie sich, live wird der Kuss ins Internet gestreamt, Freunde und Lehrer unterstützen die Aktion, und auch Harrys Eltern sind vor Ort.

Peter und Neil sind schon seit einem Jahr ein Paar und sie sind glücklich. Ihre Beziehung ist schön, harmonisch trotz ihrer Unterschiede, auch wenn Neil sich manchmal fragt, ob da nicht noch mehr sein müsste. Ob Peter nicht diese emotionale Leere füllen müsste, die er manchmal empfindet.

Avery und Ryan lernen sich kennen und mögen einander sofort. Vielleicht kann aus ihnen etwas werden, das merken sie beide, doch sie haben auch Angst, etwas falsch zu machen. Gerade Avery, der als Mädchen zur Welt kam, hat Angst, Ryan könnte ihn doch noch zurückweisen.

Und dann ist da noch Cooper, der mit sich und seiner Sexualität überhaupt nicht im Reinen ist. Seine Eltern ahnen nicht, dass er schwul ist, und als sie es herausbekommen, sind sie entsetzt. Auch Cooper ist voller Selbsthass, hat das Gefühl, nicht lieben zu können und nicht geliebt werden zu können. Aus Coopers Situation scheint es keinen Ausweg zu geben, sein Leben ist voller Verzweiflung und scheinbar ohne Sinn.

Alle diese Handlungsstränge spielen zur Zeit des Weltrekordversuchs von Harry und Craig, und immer wieder werden wir als Leser zwischen den Protagonisten hin- und hergeworfen.
Ich habe gerade überlegt, wen der Jungs ich am liebsten mochte, aber ich kann es gar nicht so richtig sagen. Bei den beiden Paaren mochte ich den jeweils etwas unsichereren Part (Neil und Craig also) etwas mehr, aber eigentlich mochte ich am liebsten die Erzähler. Also ehrlich, die Erzählperspektive – zu der ich gleich komme – hat mich umgehauen.
Ohne belehrend wirken zu wollen, erzählt David Levithan, wie es für jeden seiner Protagonisten ist, zu sich zu finden, und damit unzugehen, dass sie homosexuell sind – und das ist, je nachdem, wie das Umfeld ist, nicht unbedingt einfach. Gerade dadurch, dass die Situationen so authentisch wirken und dass David Levithan so unaufgeregt erzählt, berührt dieser Roman mich wirklich sehr.
Deswegen muss hier auch die Erzählperspektive unbedingt erwähnt werden: erzählt wird in der Wir-Form, und „wir“, das sind die homosexuellen Männer, die zwei Generationen vor den hier dargestellten Jugendlichen lebten. Die gegen Diskriminierung und Vorurteile, aber auch gegen AIDS kämpfen mussten. Die daran unter Umständen elendig starben. Die in der Gesellschaft nicht akzeptiert wurden und die sich immer wieder fragen mussten, ob das, was sie fühlten, richtig war.
Mich hat diese Erzählperspektive sehr angesprochen, ich fand sie wunderschön, traurig, hoffnungsvoll, all das. Es war schön, die Protagonisten eingebettet in ein großes Ganzes zu sehen. Und gleichzeitig sehen wir als Leser dadurch, wie weit wir schon gekommen sind, und wie weit der Weg noch ist, der vor uns allen liegt.

Dieser Roman ist offiziell „Young Adult“, aber ich finde, er ist generationslos. Ich würde mir wünschen, dass dieses Buch von vielen Menschen gelesen wird, und dass es in so manchem Kopf doch noch mal etwas verändert. Ein großartiges Buch.

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3 Kommentare zu “345 Tage buchkauffrei – Es ist nicht einfach nur ein Kuss (Buch 50)

  1. Und wieder einmal muss ich dir danken! Das Buch erhielt zwar damals viele Lobeshymnen, aber wie immer hat mich der Hype abgeschreckt und ich fürchtete, einfach nur eine verdammt kitschige Lovestory zu bekommen. Dir ist es nun – wieder einmal – als Erste gelungen, mich von der Lesenswertigkeit (gibt’s das Wort?) zu überzeugen.

    • Ich hatte davon noch nie was gehört, bis es mir eine Schülerin in die Hand gedrückt hat. Ich fand’s echt super, und ich könnte mir vorstellen, dass es dir auch gefällt! 🙂
      Danke für deine lieben Worte, liebe Kathrin!

  2. Pingback: [Die Sonntagsleserin] Juli 2016 | Phantásienreisen

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