345 Tage buchkauffrei – Du willst es nicht, aber es lässt dich nicht los (Buch 49)

Dass „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk keine leichte Kost werden würde, war mir ja von Anfang an klar. Das Thema – Frauenmörder Fritz Honka – ist ja nun schon bedrückend, und von einer Lesung Strunks auf der Leipziger Buchmesse wusste ich, dass Strunk sich dem Thema auch nicht vorsichtig genähert hatte. Hätte ja auch nicht gepasst.

Trotzdem war der Anfang des Romans für mich total schwer auszuhalten. Die Menschen im „Goldenen Handschuh“ sind gesellschaftliche Verlierer. Sie haben nichts, nicht mal mehr Hoffnung, sie sind so abgrundtief unglücklich, dass dieses Gefühl für den Leser greifbar scheint.
Gerade die Szenen mit Gerda zu Beginn haben mich schwer getroffen. Sie hat nichts, weswegen sie sich auf Honka einlässt, der sie demütigt, verletzt und benutzt. Beim Lesen dieser Szenen wurde mir schlecht, wirklich. Dennoch geht sie nicht, und zwar, weil sie keine Alternativen hat. Sie hat keine Kleidung außer der, der sie trägt, manchmal hat sie tagelang nichts zu essen, und als Honka ihr Gebiss zerschlägt, versucht sie verzweifelt, es selbst wieder zu kleben. Es war so schrecklich, das zu lesen; ich kann das Gefühl nicht mal in Worte fassen.

Auch Fritz Honka löste so ein Gefühl in mir aus: ich verabscheute ihn dafür, wie er Gerda und die anderen Frauen behandelte. Seine Fantasien, seine Morde, sein Verhalten – das alles ist widerlich. Aber dann wird wieder deutlich, wie arm dran Honka eigentlich ist, wie er sich nach einem „normalen“ Leben sehnt, wie er sogar zaghafte Schritte unternimmt, ein Teil der Gesellschaft zu werden. Das hat mich wirklich berührt und erschüttert, wie Honka immer wieder weggestoßen und abgelehnt wird, obwohl auch er eigentlich nur eines will – glücklich sein, nicht allein sein, einen Platz in der Gesellschaft haben, jemand sein. Und das bleibt ihm versagt.

Strunks Sprache ist direkt; schonungslos erzählt er Honkas Geschichte, wohl, weil es anders gar nicht geht.
Auch der zweite Handlungsstrang, der die Geschichte einer reichen Hamburger Familie erzählt, endet in der Kneipe „Der goldene Handschuh“, und auch die Mitglieder dieser Familie sind vor allem eins: unglücklich, gestört, von Emotionen und Instinkten gesteuert, die man vielleicht erst nicht vermutet – es sind ja immerhin, zumindest nach außen, die „Gewinner“ der Gesellschaft. In Wahrheit haben sie zwar nach außen hin alles, doch innerlich unterscheiden sie sich gar nicht so sehr von Honka. Das hat mich beim Lesen echt total erschreckt, wenn auch nicht überrascht.

Mir wird „Der goldene Handschuh“ noch lange im Gedächtnis bleiben. Es ist ein Roman, der beklemmend ist und der etwas zu sagen hat, einer der besten Romane, die ich je gelesen habe – und das trotz allem, was mich so abgeschreckt hat.
Vielleicht, weil es in meinen Augen große Erzählkunst ist, eine solche Geschichte so zu erzählen. Mit seinen gut 250 Seiten ist es durchaus ein Roman, den man an einem Nachmittag lesen kann, aber ich zumindest musste beim Lesen immer wieder innehalten und durchatmen, die Szenen wirken lassen und dann erst konnte ich weiterlesen. Auf der Terrasse im Sonnenschein diesen Roman zu lesen, das scheint schon sehr bizarr. Aber Bücher sollen ja auch nicht nur berieseln, sie sollen etwas mit uns machen. Das schafft „Der goldene Handschuh“. Ein großartiges Buch.

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